Vor zwei Wochen bekam Karl-Heinz Fleckenstein eine Mail aus dem Landratsamt: Es seien keine neuen Flüchtlinge zu erwarten. Fleckenstein betreibt eine Flüchtlingsunterkunft im Forchheimer Stadtteil Buckenhofen. Unabhängig vom aktuellen Versuch, die Flüchtlingsströme nach Europa mit Hilfe der Türkei zu stoppen, hatte Fleckenstein schon lange eine Änderung bemerkt: "Seit einem halben Jahr gibt es keine Zuweisungen mehr." In seiner Unterkunft könne er 35 Asylsuchende aufnehmen. "Hier leben nur noch 21 und vier gehen jetzt nach Albanien zurück."

Trotz der aktuellen Stagnation glaubt Fleckenstein nicht, dass sich an der Situation grundsätzlich etwas ändern werde: "Wenn in Nordafrika 20 Millionen Menschen warten, dann werden sie über Italien und Spanien kommen. Viele werden sich nicht abhalten lassen. Ich habe auch keine Patentlösung für das Problem, aber ich befürchte, dass wir demnächst wieder viel schlimme Nachrichten über ertrinkende Flüchtlinge hören werden."

Ganz schwer zu prognostizieren sei die Entwicklung, betont Frithjof Dier. Er ist am Landratsamt für kommunale und soziale Aufgaben und damit auch für die Organisation der Flüchtlingsunterkünfte zuständig. "In den letzten beiden Wochen gab es überhaupt keine Zuweisungen." In der kommenden Woche sei das übliche Kontingent von 23 auf 16 reduziert worden. Die Regierung sei wohl unsicher, wie es weitergeht.

Aktuell leben 1155 Flüchtlinge in Unterkünften des Landkreises. Davon sind 151 sogenannte "Fehlbeleger", also anerkannte Flüchtlinge, die keine eigene Wohnung finden und daher in den vom Kreis angemieteten Häusern bleiben. "Die Zahl der Fehlbeleger wird sicher steigen", sagt Dier. Solange es keine Wohnungen für sie gebe, werde deren Aufenthalt aber vom Ministerium bezahlt.


"Neuen Schwung" erwartet

Nur aufgeschoben sei die Flüchtlingswelle, so die Einschätzung des Forchheimer Geschäftsmannes Stefan Schick, der mehrere Unterkünfte in Landkreis betreibt. Das Erstaufnahme-Lager im ehemaligen ASB-Heim in Forchheim musste er schließen. Weil es dem ICE-Ausbau im Wege ist. Seit 31. März steht das Gebäude leer. Ersatz musste Schick bislang nicht finden, eben weil momentan die Zuweisungen ausbleiben. "Aber es ist bei weitem nicht so, dass die anderen Häuser leer wären." Und in vier bis sechs Wochen erwarte er "einen neuen Schwung von Flüchtlingen - über Libyen und Bulgarien werden sich neue Schleuser-Wege auftun", ist Stefan Schick überzeugt. In seinen Häusern habe er eine Auslastung von 80 Prozent. "Viele Anerkannte, die keine Wohnung finden, bleiben in den Unterkünften."

Bedauerlich sei, dass durch die Auflösung der Erstaufnahme-Unterkunft im Ex-ASB-Heim "viel ehrenamtliches Engagement auf Null runtergefahren wurde". Etwa stünden die Kleiderkammer und das Ärztezimmer samt Medikamentenspenden nicht mehr zur Verfügung. Seit eineinhalb Jahren ist Stefan Schick mit der Betreuung beschäftigt. Das Auf und Ab der Flüchtlingszahlen sei kein neues Thema. "Derzeit sitzen in der Türkei 700 000 Menschen auf gepackten Koffern. Das Abkommen mit der Türkei ist nur ein Ruhighalten", sagt Schick, "ich bezweifle, dass diese Konstruktion funktioniert."


Neue Routen

Auch Frithjof Dier befürchtet, dass es neue Routen geben werde - "die Zahl der Flüchtlinge wird wieder zunehmen". Zudem verweist Dier auf die offiziellen Einschätzungen des Bundesamtes für Migration: "Für heuer sind 500 000 neue Flüchtlinge prognostiziert, die wir aus der Türkei übernehmen müssen. Daher müssen wir immer planen. Die Zahl der Unterkünfte im Landkreis ist bis August berechnet."


51 Unterkünfte

Für die Planung einer Unterkunft bedürfe es einer Vorlaufzeit von drei bis vier Monaten. Momentan gibt es 51 Unterkünfte, 15 Gemeinden sind beteiligt. Erfreulich sei, sagt Dier, dass immer dort, wo neue Flüchtlinge integriert werden (wie jetzt in Igensdorf), sofort auch ehrenamtliche Helfer bereit stünden. Doch sollte die Zahl der Flüchtlinge weiter deutlich zunehmen, befürchte er eine "Überforderung der Ehrenamtlichen".