Mit dem Flüchtlingsstrom aus Syrien und anderen Ländern wurden auch bei Alfred Schwanse und Rudolf Täubl Erinnerungen wach. "Niemand geht freiwillig aus der Heimat, wenn er keinen triftigen Grund hat", weiß Täubl. Auch die beiden Männer mussten flüchten.

Rudolf Täubl flüchtete 1946 mit seiner Mutter und dem Bruder auf einem Viehwaggon von Wilkow bei Karlsbad. Heimatvertriebene wurden sie genannt. "Über Nacht sind wir aus unserem Haus geworfen worden", erinnert sich Täubl, der damals sechs Jahre alt gewesen ist.

Zunächst kam die Familie mit vielen anderen ins Aufnahmelager nach Schwabach, von dort aus nach Forchheim, wo sie gleich nach Hagenau weiterverteilt wurden. "Es war ein Barackenlager", erzählt Täubl.

Ein Luftwaffenstützpunkt, genauer ein Luftwaffenersatzteillager - sollte hier eigentlich entstehen. In dem Lager gab es keine Betten. Aber Läuse. Stroh wurde verteilt und die Menschen durften Strohsäcke stopfen.


Für die Luftwaffe vorgesehen

Zu Hause war es der Familie Täubl recht gut gegangen. Eine Gärtnerei hatten sie gehabt. Die Kinder betrachteten auch Hagenau als mit vielen Freiheiten verbunden. Das Lager sei für sie ein großer Abenteuerspielplatz gewesen, waren doch nach dem Krieg noch die Scheinwerfer für den Luftwaffenstützpunkt herumgestanden.

Aber die älteren Heimatvertriebenen hatten Heimweh. Über das Vergangene konnte nicht und über die Zukunft durfte nicht geredet werden. Die Älteren packten nicht einmal den Koffer aus, den sie in der Heimat innerhalb einer Stunde packen mussten.

Mit den Einheimischen war das Auskommen nicht einfach. "Wir wurden abgelehnt. Sie hatten Angst, wir würden ihnen etwas wegnehmen", erinnert sich Täubl. Ein Bauer schmierte den anderen aus - auf die Flüchtlinge wurde es geschoben. Arbeit gab es kaum. Täubls Mutter half bei den Bauern. Ein Jahr lang für den Lohn von Kartoffeln, die sie dann doch nicht bekam. Ob vom Pfarrer oder vom Lehrer, die Flüchtlinge seien benachteiligt worden.

Täubl erinnert sich daran, dass der Lehrer den Schülern Aufgaben gab, die Schüler dann mit dieser Beschäftigung zurückließ und von Bauer zu Bauer ging und sich Brotzeit holte. "Das konnten die Flüchtlinge nicht bieten", sagt Täubl.


Erste Kontakte in der Schule

1940 wurde er geboren. Ein starker Jahrgang sei das gewesen. Für die jungen Heimatvertriebenen war es einfacher, sich einzuleben. In der Schule knüpfte man dann doch die ersten Kontakte.

Hagenau gehörte damals noch zu Poxdorf, wurde von dort verwaltet. In Hagenau lebten nur Flüchtlinge. 98 Prozent kamen aus dem Egerland, ein oder zwei Familien waren aus Schlesien. Einwohnermäßig zählte man mit den ungefähr 300 Flüchtlingen fast doppelt so viele wie Einheimische.

So gab es ein Abkommen: Der erste Bürgermeister durfte nur aus Poxdorf kommen, um die Oberhand zu behalten, der zweite Bürgermeister durfte dann aus Hagenau sein.

Nur bei der Ausbildung wurden die Heimatvertriebenen bevorzugt genommen. Sie galten als verlässlicher und weniger aufmüpfig.

Schließlich wurden die ersten Siedlungshäuser gebaut. Auch Täubls Eltern - der Vater stieß nach russischer Gefangenschaft über das Rote Kreuz zu seiner Familie - lebten über den Lastenausgleich in einem Siedlungshaus, dessen Vorkaufsrecht dann auf Rudolf Täubl überging. Er kaufte es erneut, um auch der Mutter, die mit ihm und seiner Frau Angela lebte, weiterhin ein Dach über dem Kopf zu geben. "Hagenau ist meine Heimat. Hier habe ich die längste Zeit verbracht. Alles andere ist aber im Hinterkopf noch da", erklärt der 76-Jährige.
Alle Erinnerungen sind auch bei dem Forchheimer Alfred Schwanse noch da. Auch der Hof seiner Eltern wurde von Tschechen übernommen. Zunächst lebte Schwanses Familie im Ausgedingegebäude, arbeitete auf dem eigenen Hof für die neuen Besitzer. Dann hieß es auch für sie, einen Koffer für jede Person zu packen und zu gehen.

Nach Viechtach in den Bayerischen Wald kam die Familie, bis Alfred Schwanse bei den Benediktinern in Niederbayern Abitur machte und dann in Weihenstephan Agrarwissenschaften studierte. Schließlich fand er eine Anstellung in Forchheim, war dort zuletzt stellvertretender Schulleiter und Behördenleiter des Landwirtschaftsamts und der Landwirtschaftsschule in Forchheim. Auch seine Eltern zogen nach Forchheim.

"Es war von Anfang an ein gutes Einvernehmen mit den Forchheimern", erinnert sich Schwanse. Denn Forchheim hatte die Patenschaft über Braunau im heutigen Tschechien übernommen. Das war der Landkreis, zu dem Schwanses Gemeinde Wiesen gehörte.

Aber es gab auch Fälle mit weniger Einvernehmen, erinnert sich Schwanse. Verständnis hatte er für die andere Seite, denn es herrschte Zwangsbewirtschaftung. Die Vertriebenen und Flüchtlinge mussten in den Wohnungen der einheimischen Familien untergebracht werden.

Auch die Wunden der Vertriebenen heilten nicht so leicht. "Als junger Mensch verkraftet man es leichter. Aber die Eltern haben schwer gelitten", erinnert sich der 85-jährige Schwanse.