Über Nächstenliebe reden ist eine Sache, sie zu praktizieren eine ganz andere. Das wollte Sonja Döbrich, die Leiterin eines Religionskurses der elften Klassen des Herder-Gymnasiums erforschen. Sie gab ihren Schülern den Auftrag, das Gebot der christlichen Nächstenliebe, das Teilens, das Sich-umeinander-Kümmern, in die Tat um zusetzen. Die Jugendlichen sollten sich als mitfühlende Mitmenschen erweisen und dies in einen speziellen Projekt für Flüchtlinge und Asylbewerber realisieren.

Die jungen Leute haben sich gerne darauf eingelassen und sich seit Beginn des Jahres im so genannten "Montagscafé" in den unteren Räumen der Arbeiterwohlfahrt in der Kasernstraße 9 nachmittags besonders mit den Kindern von Flüchtlings- und Asylbewerberfamilien beschäftigt. Dabei stellten die Schüler schnell fest: "Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass eine Theorie unmittelbar zur Praxis führt."

Die Schüler erhielten im Montagscafé, das übrigens allen Bürgern offen steht, prominenten Besuch. So durften die Kinder ihr Projekt Chartlotte Knobloch, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland vorstellen.

Dabei verwiesen sie auch auf die Projekte "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" und erläuterten ihrem Gast ihre Motivation: "Wir finden, dass man sich bemühen muss, Verständnis für die Situation der Asylbewerber und Flüchtlinge zu bekommen, sich dankbar bewusst zu werden, wie gut wir es selber haben. Und wir möchten etwas abgeben, besonders: Interesse und Offenheit für die Menschen, die zu uns kommen. Das wichtigste sei, sich Zeit zu nehmen und eine liebevolle Zuwendung.

So spielten die Jugendlichen mit den Kindern, die meist von selbst auf sie zukamen. Erwachsene hätten etwas mehr Hemmungen gezeigt, hätten sie aber überwunden. Kommuniziert wurde "mit Händen und Füßen". Wir wollen den Menschen zeigen, dass sie willkommen sind. Erfreut stellen die Schüler fest, dass ihrem sozialen Engagement von allen Seiten Respekt gezollt wurde. Grundsätzlich hätten sich alle positiv geäußert. So wollen die Kursteilnehmer alles versuchen, um nach ihrem eigenen Schulabgang die brennede Fackel der Nächstenliebe an nachfolgende Oberstufenschüler weiter zu eichen. Die Wahrscheinlichkeit sei sehr groß, dass Hilfe und Schutz für Flüchtlinge und Asylbewerber - auch und gerade auf der ehrenamtlichen Ebene - noch lange von Nöten ist.

Wie sehr auch die Älteren von den jungen Menschen und ihrem Projekt beeindruckt waren, zeigte das spontane Angebot eines ehemaligen Deutschlehrers, den Neuankömmlingen aus unterschiedlichen anderen Ländern Unterricht in der deutschen Sprache zu geben. Es wurde mit Dank und Freude aufgenommen.