"Heim, sonniges Heim", prangt es in englischer Sprache auf einem Poster hinter dem Schreibtisch von Bernhard Kugler (38). Die Szenerie zeigt eine idyllische Fantasievilla in bunten Farben und schwungvollem Federstrich. Neben dem Werbeplakat einer bekannten Porzellanfirma mit der leicht abgewandelten bekannten Redewendung hängt ein großer goldener Schlüssel an der Wand. Der Architekt hat ihn bei der Einweihung vor 15 Jahren an den Inhaber der "Kugler Tischkultur" überreicht.
Doch in dem imposanten Bau mit seiner außergewöhnlichen Innengestaltung heißt es jetzt: Räumungsverkauf. Nach Wachstumsraten zwischen jährlich sieben und acht Prozent in den ersten zwei Dritteln seines Bestehens hatte der Laden einen durchschnittlichen jährlichen Rückgang von zehn Prozent zu beklagen.
Besonders drastisch war der Einbruch im Jahr 2011 mit Umsatzeinbußen um 24 Prozent gegenüber dem Jahr 2007. Zwar ging es im ersten Halbjahr 2012 wieder aufwärts. Aber die gesamte wirtschaftliche Situation erschien Kugler vor allem in Hinblick auf seine Familie bedenklich. "Sonst hätte ich gesagt, ich ziehe das durch, aber ich habe zwei kleine Kinder und konnte nicht zusehen, bis uns die Bank den Hahn zudreht", begründet Kugler die von langer Hand geplante Geschäftsaufgabe.
Dass die Marktgemeinde Neunkirchen mit seinem Laden den einzigen Vollsortimenter seiner Branche verliert, ist laut Kugler für den Ort ein schwer zu ersetzender Verlust. Glas, Porzellan, Haushaltswaren, Elektro- und Geschenkartikel umfasste das Angebot. Namhafte und große Firmen waren vertreten. Diese Marken seien nur noch als Abteilungen in großen Geschäften zu finden und könnten von kleinen Geschäften nicht geführt werden, erläutert Kugler. Doch die Gemeinde verlagere den Handel immer mehr nach außen, indem sie neue Flächen am Ortsrand erschließe und dadurch das Geschäftsleben im Ortsinneren zusehends schwäche. So würden beispielsweise im kommenden September zu den bereits in der gesamten Peripherie vorhandenen zahlreichen Großmärkten - im Gewerbegebiet Ost - drei weitere Discounter eröffnet.

Konkurrenz Internet


Hinzu komme, dass die "Kugler Tischkultur" zwar auf Grund ihres speziellen Sortiments keine innerörtliche Konkurrenz fürchten müsse, aber unter der Konkurrenz der Möbelhäuser und des Internets zu leiden habe. "Die Rabattschlachten der Möbelhäuser sowie der Preisverfall im Internet haben unserem Familienbetrieb sehr geschadet", bilanziert Kugler. Mit Billigangeboten auf dem Gebiet der Haushaltswaren und Geschenke, bei denen ein Einzelhandelsgeschäft mit seinen viel höheren laufenden Kosten nicht mithalten könne, lockten die Möbelhäuser ihre Kunden an.
Auch kauften junge Leute heutzutage sehr viel über das Internet. Statt Service und Beratung bevorzugen sie günstige Preise. Dieser Trend sei in der gesamten Branche zu beobachten. Aktuell befinde sich der Wirtschaftszweig im Umbruch, und im Austausch mit Kollegen habe er immer wieder erfahren, dass es anderen ähnlich ergehe wie ihm selbst. Vor allem bei Porzellan und Besteck lasse im Einzelhandel die Nachfrage in den letzten Jahren immer mehr nach, und auch für die Zukunft seien keine besseren Aussichten zu erwarten. Daraus habe er die Konsequenz gezogen, seinen Laden zu schließen.
Durch Erweiterung seines Sortiments, beispielsweise mit Kleinmöbeln und Wohnaccesoires, so Kugler, habe er versucht, dem Trend entgegen zu wirken. Mit Werbeaktionen im größeren Stil habe er sich zurück gehalten, denn im ländlichen geprägten Raum, wo sich schnell Gerüchte verbreiteten, müsse man damit eher defensiv umgehen. Dass sein Haus seit drei Jahren im Internet zu vermieten inseriert gewesen sei, hätten die Kunden registriert. Immer wieder seien vorsichtige Anfragen gekommen, was denn da passiert sei.
Und mit Bestürzung hätten die treuen Kunden auf die Auflösung des Ladens reagiert. Auch sei spekuliert worden, ob denn das Textilunternehmen seines Bruders am Inneren Markt, aus dem heraus sich Bernhard Kugler vor 15 Jahren selbständig gemacht hatte, ebenfalls aufgebe. Nein, das Familienunternehmen mit seiner 90-jährigen Tradition, so betont er, bleibe bestehen und werde vom Bruder am Inneren Markt weitergeführt.

Kompletter Ausstieg


Er selbst werde aus der Branche und überhaupt aus dem Verkauf "komplett aussteigen" und mit seiner Familie in Richtung Bayreuth ziehen. Was er dort vorhat, will Kugler aber nicht verraten. Künftig wird im Erdgeschoss des Kugler-Baus ein Eiscafé Platz finden, während das erste Geschoss für Wohnungen ausgebaut wird.
"Die Porzellanbranche tut sich halt schwer", kommentiert Hans Grau von der Werbegemeinschaft "Pro Neunkirchen", die Geschäftsaufgabe. Er habe mitbekommen, dass "Kugler Tischkultur" nicht mehr existieren werde: "Aber was soll man machen?" Kugler habe damals "ein Riesenprojekt" hingestellt, aber so etwas zu stemmen, sei nicht einfach. Zumal sich heute alles "nur noch um den Preis" drehe. Und da Kugler "bessere Ware" angeboten habe, die nicht ohne weiteres erschwinglich sei - man denke an die Anschaffung eines teuren Services, was dann aber für ein ganzes Leben ausreichen müsse, habe er sich letztendlich nicht mehr halten können.
Auch seien sechs Großmärkte am Ort bereits vorhanden; im September kämen drei weitere hinzu. "Dann wissen Sie doch, was los ist, da wird doch alles verschleudert und unsere Fachgeschäfte kommen zu kurz", meint der Textilienhändler. Über die Politik der Marktgemeinde, so wird spürbar, hat sich bei Grau eine Mischung aus Zorn und Resignation aufgestaut. "Die haben doch keine Ahnung vom Geschäftswesen", kritisiert er. Früher sei in Neunkirchen "vom Bäcker bis zum Schuster alles da gewesen". Von einstmals 13 Lebensmittelläden existiere inzwischen nur noch ein einziger, und im Ortskern gebe es "nur noch einen einzigen richtigen Bäcker". "Die kleinen Geschäfte sind ja alles verschwunden, da entwickelt sich nichts mehr", moniert Grau. Nach Meinung des Kaufmanns hätte im Gewerbegebiet Ost noch eine Chance bestanden, drei Einzelhändler anzusiedeln; stattdessen ließen sich jetzt dort drei weitere Großmärkte nieder. An den Politikern lässt Grau kein gutes Haar. "Das ist doch denen wurschd, die sind alle keine Profis und leben von anderer Leute Geld", so der Einzelhändler.
Karl Germeroth, Vize-Bürgermeister von Neunkirchen verweist dagegen auf den Einzelhandelentwicklungskonzept, das die Marktgemeinde vor zwei Jahren aufgestellt habe. Die neuen Großmärkte auf der von der Marktgemeinde verkauften Restfläche des Gewerbegebiets Ost seien mit diesem Konzept kompatibel und hätten daher ihre Berechtigung. Im Ortskern beispielsweise einen Drogeriemarkt anzusiedeln, sei allein schon flächenmäßig "nicht machbar, auch wenn es schön wäre". Die Marktgemeinde, so Germeroth, habe außerdem "gar keinen Einfluss darauf", welche Geschäfte im Gewerbegebiet Einzug hielten.
Die Planung bleibe dem Investor überlassen, "solange sie nicht unserem Einzelhandelskonzept widerspricht". Es sei Sache der betreffenden Einzelhändler gewesen, auf den Investor zuzugehen und entsprechende Vorschläge zu machen. Auch er bedauert allerdings den Verlust von immer mehr Einzelhandelsgeschäften in der Innenstadt. Zur "Kugler Tischkultur" merkt er an: "Schade, dass sich so ein Gemischtwarenladen in Neunkirchen nicht halten kann, weil ihm die Kunden fehlen."