"Machst a weng a Tagestour?", fragte ein Einheimischer, als Heinrich Bickel am Anfang der Sommerferien in Amberg nach dem Weg fragte. "Ja", antwortete der, "nach Stalingrad." Wenn andere mit Auto und Flugzeug die Urlaubsreise antreten, setzt sich der Lehrer der Realschule Ebermannstadt auf sein Rennrad. London, Kopenhagen, Helsinki, Moskau, Minsk. Das waren seine Ziele in den letzten Jahren.

Der Lehrer für Werken und Informationstechnologie macht seit 2005 jedes Jahr eine Tour in eine europäische (Haupt)Stadt. In seiner Jugend war er Amateur-Radrennfahrer und fordert sich jetzt jedes Jahr mit einer Strecke.
Im vergangenen Sommer fuhr Bickel also nach Wolgograd (das ehemalige Stalingrad). Auf die Idee kam er, weil sich dieses Jahr die Kapitulation der Deutschen Armee in Stalingrad zum 70. Mal jährt. Zudem erfuhr er von seinem Namensvetter Rudi Bickel aus Rauhenebrach. Dieser sucht immer noch nach seinem Vater, der seit der Schlacht von Stalingrad als vermisst gilt.

Also machte sich Bickel Anfang August auf den Weg, mit dabei ein kleiner Schlafsack, wenige Anziehsachen zum Wechseln, eine Karte, Pass, Visa und Bargeld in zehn verschiedenen Währungen. Kreditkarte und Handy blieben zuhause.

Den direkten Weg fand Bickel "eigentlich gar nicht so lang" und fuhr deswegen Umwege, um mehr von den Ländern und den Leuten zu sehen, eine Woche lang hielt er sich beispielsweise nur in Rumänien auf. Auch Sehenswürdigkeiten und historische Stätten klappert er ab. Letztes Jahr ging es auf dem Weg nach Minsk an Tschernobyl vorbei, "bis an den Grenzzaun!"

Das Interesse an diesen Stätten ist privat, Geschichte unterrichtet Bickel nicht, "aber ich kann ja nicht einen Kilometer an der Wolfsschanze vorbeifahren und mir das dann nicht anschauen". Der Wissensdurst sei eben da. Die ersten Touren machte er mit seinem Bekannten Maximilian Meusel, dann weitere mit seinem Neffen Steven Damia. In den letzten Jahren war er aber alleine unterwegs: "Die Leute fragen oft, ob ich mich da nicht langweile, aber so muss man den Kontakt zu den Menschen suchen, das macht auch Spaß!"

"Es braucht eine saustarke Moral"

Zudem sei es nicht so einfach Mitfahrer zu finden, denn: "Jeder Tag ist eine Riesenherausforderung... Wo schläfst du heute? Was passiert auf der Reise? Du könntest jederzeit überfallen werden." Er stelle sich den Schwierigkeiten zwar gerne, aber eine "saustarke Moral" sei nötig. Die Fahrt nach Stalingrad sei nicht die längste, dafür die härteste gewesen.

Stetiger Ostwind habe ihm die drei Wochen lange Fahrt erschwert, seinen persönlichen Rekord von 280 Kilometern in den täglichen zehn Stunden Fahrt habe er deswegen auch nicht knacken können. "Eine Russin hat mal zu mir gesagt: Du machst ja keine Sportveranstaltung, du machst eine Friedensfahrt", erzählt Heinrich Bickel. Wenn er im östlichen Europa erzählt, wo er herkommt, nennt er Nürnberg, das würden alle durch die Vergangenheit kennen. "Manchmal bin ich durch Gegenden gefahren, da war seit dem Krieg kein Deutscher mehr!"
Aber die Leute würden ihm freundlich begegnen und auch Verständigungsschwierigkeiten gäbe es wenig, "man muss die Sprachen gar nicht können, ich lerne vorher immer Begrüßungen, Danke, Bitte und Entschuldigung". Den Rest könne er gut durch Zeichensprache oder mit Zettel und Stift verdeutlichen.

Eine Nacht im Asylantenheim

Das braucht er, wenn er nach einer Schlafmöglichkeit sucht. Diese plant er nie vorher, um dann während der Fahrt flexibel zu sein. Meistens übernachtet er in Hostels, manchmal auch bei Wildfremden zuhause. Auch in einem Asylanten-Auffangheim und einem ausgeräumten Geschäft habe er schon geschlafen.

Große Probleme gab es bei keiner der Touren, kleinere sehr wohl. Einmal wurde Bickel wegen eines fehlenden Visums in Weißrussland aus dem Zug geworfen, ein anderes Mal wurde seine Kamera gestohlen.

Bei der Wolgograd-Reise ging kurz vor der Zielstadt das hintere Schaltwerk des Rennrads kaputt, die letzten der insgesamt 4450 Kilometer seiner Route konnte Bickel also nicht mehr radeln. An einer Raststätte wurde er dann mitgenommen, das Fahrrad banden die hilfsbereiten Russen kurzerhand aufs Autodach. "Das würden Deutsche nie machen, einfach das Fahrrad direkt auf den Lack legen", sagt Bickel.

Als sein Lehrer-Kollege Markus Höfle von all den abenteuerlichen Geschichten gehört hat, schlug er Bickel vor, er solle ein Buch über seine Abenteuer in Osteuropa schreiben.

Das hat der Buttenheimer allerdings noch nicht in Planung. Stattdessen sitzt er gerade mit Atlas und Straßenkarten über den ersten Vorbereitungen für die nächste Reise: 2014 geht es nach Ankara.