Heute vor 70 Jahren hat es in Deutschland die größte Massenwanderung der Neuzeit gegeben. 1945 waren bis zu 30 Millionen Menschen unterwegs - die einen wollten wieder nach Hause, die anderen waren auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Im Februar 1945 musste auch die Familie Gibowsky mit ihrem drei Monate alten Sohn Wolfgang einen Zug besteigen, um ihre Heimat Groß-Rosen im damaligen Niederschlesien, das im jetzigen Polen liegt, zu verlassen. Kaum hatte der Zug den Ort verlassen, fuhren russische Panzer ein, um ihn zu besetzen.

Aus der Not geboren

"Da hatten wir Glück, denn die russischen Panzer hätten den Zug ja noch beschießen können", erzählt Wolfgang Gibowsky, der seitdem in Ebermannstadt lebt.

Weiter sagt er: "Das ist jetzt genau 70 Jahre her und viele der echten Zeitzeugen sind alt oder verstorben. Ich möchte einfach - gerade in der aktuellen Zeit, in der wieder Flüchtlinge hier ankommen - an die damaligen Flüchtlinge erinnern." Sein Wissen hat er von den Eltern. Sie erzählten von der Zugfahrt im Winter, der wenigen Nahrung und dem aus der Not geborenen Einfallsreichtum. "Meine Stoffwindeln wurden an Haltestationen im Dampf der Lok gesäubert. Oder meine Mutter ließ sie trocknen und klopfte sie dann aus", erzählt Gibowsky. Etwa ein Drittel der Bürger aus Groß-Rosen waren mit diesem Zug unterwegs. "Mein Opa blieb zurück und floh erst ein Jahr später", sagt Wolfgang Gibowsky.

Route über Tschechien

Auch seien die Eltern froh gewesen, dass der Zug den Weg über Tschechien genommen hatte, denn die andere Route wäre über Dresden gegangen, das zu dieser Zeit ausgebombt wurde. Als die Familie in Ebermannstadt ankam, war es für die Eltern schwer, Arbeit zu finden.

Besonders für den Vater, dessen Unterschenkel amputiert war. Er bekam wohl ein Holzbein, das jedoch Eigentum der Bundesrepublik Deutschland war. "Als mein Vater 1973 starb, musste ich das Holzbein in Bamberg abgeben", erinnert sich Wolfgang Gibowsky. Die ersten drei Jahre lebte die Familie in einem Zimmer in einer Gastwirtschaft.

Vom Regen in die Traufe

Mit dem Besitzer, der ebenfalls amputiert war, gab es allerdings Probleme, da er dem Vater unterstellte, dass er wohl etwas angestellt haben müsse. Danach zog die Familie in eine Wohnung, die sogar ein Bad und eine Toilette hatte. "Allerdings wollte die Besitzerin nicht, dass wir das Bad benutzen. Wir waren also vom Regen in die Traufe geraten", erzählt Gibowsky.

Die Mutter sei dann putzen gegangen, der Vater war als Schnapsbrenner tätig. "In der Schule gab es für mich keine Probleme, denn die Klassen waren klein und jeder kam woanders her", erinnert sich Gibowsky. Eine große Freude war es ihm, den Bauern auf dem Feld zu helfen. "Von einem Bauern bekamen wir sogar Fleisch, als der geschlachtet hat", freut sich Wolfgang Gibowsky noch heute. Nach der Schule lernte er Mechaniker.

Und er hat noch eine Theorie: "Mein Leben begann mit einer langen Zugfahrt. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich auch jetzt noch so viel unterwegs bin." Im vergangenen Jahr war er übrigens in Australien. Im Forchheimer Stadtarchiv fand Archivar Rainer Kestler Unterlagen, die sich mit dieser Zeit auseinandersetzen. Zu lesen ist, dass etwa 12 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat in Ostpreußen, Schlesien, Pommern und dem Sudentenland flüchten mussten und hauptsächlich in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern aufgenommen wurden.

Forchheim war ideal für die Unterbringung, da es wenig zerstört war und verkehrsgünstig zwischen Nürnberg und Bamberg liegt. Außerdem hatte es einen Bahnhof und viel Landwirtschaft im Umfeld.
In den Gemeinden um Forchheim war eine Flüchtlingsquote von 50 Prozent keine Seltenheit. So entstand auch die Flüchtlingssiedlung Poxdorf-Hagenau.