Der 2. September 2015 ist für Claudia Fleischmann ein ganz besonderer Tag. Seitdem hat sie mit ihrem altem Ich gebrochen und lebt ihr neues Leben - als Frau. Vor rund einem Jahr hat sie sich geoutet, hat damals ihrer Ehefrau Sabine von ihrem anderen Ich erzählt. "Ich war zuvor in ein tiefes Loch gefallen, litt unter Depressionen, hatte zu nichts mehr Lust", erinnert sich Claudia Fleischmann zurück, die vor 55 Jahren als Klaus zur Welt kam.
Während ihrer Krankheit stellte sie alles auf den Prüfstand und bemerkte erstmals bewusst ihr anderes Ich.

"Ich hatte ein zweites Leben, trug häufig Damenkleidung, wenn meine Frau außer Haus war", erinnert sich Fleischmann zurück. Sie stellte fest, dass diese Obsession gar nicht so selten ist und wagte den Schritt, den Sprung in ein neues Leben als Frau. Und wie nahm Ehefrau Sabine diese Wandlung und das Geständnis wahr? "Ich war natürlich erst einmal sprachlos, aber ich akzeptierte diese Entscheidung. Zumal uns auch eine Paartherapie geholfen hat", meint Sabine Fleischmann.

Claudia Fleischmann sieht sich aber nicht als Transsexuelle. Wie viele Betroffene lehnt sie diesen Begriff ab. "Die Leute glauben dann, es hätte was mit Sex zu tun, das hat es aber nicht." Fleischmann befürwortet stattdessen den Begriff der "Transidentität", der den Fokus auf die abweichende Geschlechtsidentität der Personen legt und das Phänomen so weniger pathologisiert.

Aber wie sieht der Tag im Leben der Forchheimerin aus? Abends trägt sie ein Hormon-Gel auf ihre Arme auf und nimmt auch zusätzlich Medikamente, die männliche Hormone unterdrücken. In einer Erlanger Klinik wird sie behandelt, dort soll kommendes Jahr auch die Geschlechtsumwandlung mit Hilfe einer OP erfolgen. Gegenwärtig lässt das Gel Fleischmann von ihren Gesichtszügen her weicher erscheinen, zusätzlich lässt sie sich regelmäßig epilieren und schminkt sich dezent. "Das hat mir eine Bekannte meiner Frau, eine gelernte Kosmetikerin, gezeigt." Schon während ihrer Kindheit gab es wohl Anzeichen, dass sie anders ist: "Ich spielte wahnsinnig gerne mit Puppen und mein schönster Fasching war, als ich mich als Mädchen verkleiden durfte."


Die Reaktion der Bekannten

Aber wie haben Bekannte und Verwandte auf die Wandlung vom Mann zur Frau reagiert? Die Frührentnerin sagt: "Natürlich gibt es Menschen, die das mit Kopfschütteln und Ignoranz aufnehmen, aber viele haben das auch positiv aufgenommen." Ehefrau Sabine meint: "Es gab auch eine Frau, die mit mir öfters im Bus fährt und die voller Abscheu reagierte."

Gegenwärtig läuft auch die amtliche Namensänderung von Klaus zu Claudia Judith Fleischmann vor einem Gericht. "Dazu habe ich Gutachten erstellen lassen und diese eingereicht. Es sieht gut aus, dass mein neuer Name bald auch in meinem Pass stehen wird", hofft Fleischmann.

Es ist aber nicht allein die Diskussion um Begriffe, Sternchen und Unterstriche, die das Leben vieler transsexueller Menschen erschwert. Denn neben ihren persönlichen Problemen stoßen sie nach wie vor auf große gesellschaftliche Vorbehalte und auf bürokratische Hürden.

Seit Anfang der 1980er Jahre regelt in Deutschland das Transsexuellengesetz (TSG), unter welchen Voraussetzungen Vornamen und das bei Behörden eingetragene Geschlechtgeändert werden können. Das Bundesverfassungsgericht hat allerdings Teile des Gesetzes als diskriminierend eingestuft - so in einer Entscheidung von 2011. Eine Neuregelung lässt bislang auf sich warten. Über den Anteil transsexueller Menschen in Deutschland gibt es keine gesicherten Zahlen. Die Schätzungen gehen weit auseinander. Fakt ist, dass Transsexualität bei biologischen Männern häufiger als bei Frauen vorkommt.

Insgesamt haben zwischen 1995 und 2014 knapp 17 300 Menschen ein Änderungsverfahren nach dem Transsexuellengesetz durchlaufen. Im Jahr 2014 waren es 1443. Für das Jahr 2014 zählte das Statistische Bundesamt 1051 Menschen, die ihr Geschlecht veränderten. Knapp zwei Drittel waren Menschen mit männlichen Geschlechtsorganen, die sich zur Frau operieren ließen.

Claudia Fleischmann bereut bis heute nicht, ihr Frausein öffentlich gemacht zu haben. "Ich habe mich viel zu lange versteckt. Wahrscheinlich habe ich das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein, jahrelang mit viel zu viel Alkohol verdrängt." Fleischmann trug als Mann einen langen Vollbart, ihr früheres Äußeres hat so gut wie nichts mehr mit ihrem jetzigen Auftreten zu tun. Seit fast 20 Jahren ist sie nun trocken, hat kein Bier, Schnaps oder Wein mehr angerührt.


Keinen Schritt bereut

"Ich bereue keinen meiner Schritte. Ich frage mich eher, warum ich mich nicht schon früher erklärt habe", so Claudia Fleischmann. Sie wünscht sich, dass mehr den Mut finden, sich zu outen. "Wir müssen das unterstützen und Menschen in solchen Phasen helfen. Viel zu lange wurden sie an den Rand der Gesellschaft gedrückt und stigmatisiert." Fleischmann ist sich sicher, dass wenn sie sich als Jugendliche vor Jahrzehnten erklärt hätte, wäre sie mit Sicherheit in der Psychiatrie gelandet.

Und wie wird es nun mit seiner Frau weitergehen? Sabine Fleischmann erklärt: "Es war wirklich schwer, das alles zu akzeptieren. Schließlich habe ich einen Mann geheiratet, der nun eine Frau ist. Das erste Jahr war knüppelhart, jetzt aber wird es besser. Wir lassen die Zukunft auf uns zukommen."