Was macht ein Wintersportler eigentlich von Frühling bis Herbst? Blau? Edgar Eckert grinst. "Ja, genau", sagt er mit seinem weichen Fichtelberger Zungenschlag, der im restlichen Franken Urlaubsgefühle weckt. "Ich freu' mich über den blauen Himmel und zeig' den Gästen die Schönheiten des Fichtelgebirges."

Der 67-Jährige war mehrfach Bayerischer und Deutscher Meister im Skilanglauf, außerdem WM- und Olympia-Teilnehmer. Wenn in seinem Geschäft für Wintersportartikel jahreszeitbedingt nichts zu tun ist, wird Edgar Eckert zum Wanderführer. "Bei uns gibt's fast in jeder Gemeinde einen Wanderführer", sagt er. "Wir sind halt noch ziemlich naturverbunden. Und wir ham halt auch viele schöne Strecken."

Eine davon ist der Aufstieg vom Seehausparkplatz an der B 303 zum "fränkischen Höhepunkt", dem Schneeberg, der mit 1051 Höhenmetern der höchste Berg des Fichtelgebirges und zugleich auch ganz Frankens ist. "Da rauf zu laufen, ist herrlich entspannend und trotzdem abwechslungsreich", verspricht Eckert einer Gruppe gut gelaunter Mittel- und Unterfranken, die am Wochenende zum Wandern gekommen sind. Zu seinen jüngsten Gästen meint er augenzwinkernd: "Sogar Jugendlichen wird's nicht so schnell langweilig."

Na, ob er da Recht behält? Wandern mit der Familie ist für "Pubertiere" per se eher eine Strafe. Aber wenn Mitte Oktober die Sonne noch so schön wärmt, dann muss man das einfach ausnutzen.

Bepackt mit leichten Rucksäcken, denn die Tour soll nur wenige Stunden dauern, geht's in gemächlichem Tempo los. Schon nach ein, zwei Minuten verflüchtigt sich der Verkehrslärm. Vogelgezwitscher hat nun die Lufthoheit. Obwohl Herbst ist, leuchtet es noch überall in sämtlichen Grüntönen. Nur vereinzelt mischen sich Nuancen von Gelb und Orange zwischen die hellen, samtigen Grasflächen, die dunkelgrünen Fichtenbestände und die Mischwald-Zonen. Eine Buchenallee schimmert im Sonnenlicht rotbraun. Edgar Eckert hat Walking-Stöcke dabei. Gleichmäßig schreitet er voran. Füße, Stöcke und Herzschlag bewegen sich im Takt.

An einem Meer aus graugrünen Granitsteinen macht Eckert die erste Trinkpause. Grantitblöcke, so weit das Auge reicht, rinnen wie ein steinerner Wasserfall ins Tal. Angesichts des spektakulären Naturschauspiels verzichtet der Fachmann auf große Worte und sagt nur: "Wir sind hier auf 927 Metern Höhe, auf dem großen Haberstein." Hier, am südwestlichen Hang des Schneebergs, kann man zwischen den Felsspalten sogar den seltenen, streng geschützten Tannenbärlapp entdecken.

Über Schotter geht es weiter bergan. Die Jugend entdeckt am Wegesrand eine stattliche Kreuzotter und auf 1000 Höhenmetern einen "Riesenhinkelstein", der den ersten Kilometer Richtung Himmel markiert.

Nach etwa zwei Stunden schiebt sich neben beeindruckenden Felsformationen ein seltsam gerades Gebilde ins Blickfeld. Beim Näherkommen wird klar: Das ist ein Überrest aus der Zeit des Kalten Krieges. Glatt, grau und kalt ragt der umzäunte Radarturm in die Höhe. "Die Anlagen dienen heute dem zivilen Mobilfunk. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Schneeberggipfel lange Zeit Sperrgebiet, erst waren die Amerikaner hier zu Gange, dann installierte die Bundeswehr Abhöreinrichtungen." Seit Mitte der 90er Jahre ist der Berg wieder frei zugänglich - und ein besonderes Naturschutzgebiet.

Gleich neben dem Radarturm, ebenfalls im Gipfelbereich, zieht eine kleine Felsenburg mit Holzaufbau die Blicke auf sich: "Das ist das so genannte Backöfele. Es heißt, dass die in die Berge geflüchteten Bewohner der Gegend dort im Dreißigjährigen Krieg ihr Brot gebacken haben", erklärt Eckert und breitet die Arme aus. "Wir haben's geschafft. Von hier aus haben wir die schönste Aussicht auf das gesamte Fichtelgebirge."

Mitte Oktober macht der Berg seinem Namen noch keine Ehre. Doch lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis Schnee liegt. Mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von 3,8 Grad ist der Schneeberg der kälteste Berg des Fichtelgebirges und über viele Monate weiß. "Für naturinteressierte Wanderer hat das einen ganz besonderen Reiz", findet der Wanderführer. "Sie können in Gipfelnähe viele arktische Pflanzen entdecken, die hier seit dem Eiszeitalter angesiedelt sind." Weniger botanisch Bewanderte erfreuen sich auch an purpurfarbenen Weideröschen und senfgelber Schafgarbe. "Manchmal kann man hier sogar Wildkatzen beobachten", weiß Eckert.
Ob Goethe einst eine gesehen hat? Als sicher gilt, dass der berühmte Deutsche Ende des 18. Jahrhunderts den "Nußhardt" besuchte. "Der Nußhardt", berichtet Edgar Eckert, während er seine Gäste auf die Spuren des Dichterfürsten führt, "ist mit 972 Höhenmetern der dritthöchste Berg im Fichtelgebirge, nach dem Schneeberg und dem Ochsenkopf". Auf deren Gipfel hat man vom Nußhardt aus einen wunderbaren Blick. Tatsächlich: Nach einer launigen Stunde über Stock, Stein und dicke Wurzeln erwartet uns ein kurzer, enger Felsengang - alternativ gibt es eine Eisentreppe - und dann ein grandioser Ausblick.
Doch was haben die acht kleinen Mulden im Felsplateau zu bedeuten? "Das sind die sagenumwobenen Druidenschüsseln", gibt sich Edgar Eckert geheimnisvoll. Ob darin Zaubertrank gemixt wurde? Oder Hexen gekocht haben? Eckert rückt nicht so recht mit der Sprache raus. "Wer weiß..."
Staunend, ein bisschen erschöpft, aber rundum zufrieden geht es talwärts. Edgar Eckert lehrt uns, dass es nicht nur im Winter beim Skifahren den Einkehrschwung gibt. Im Seehaus schmecken Blaubeerknödel oder Jägerpfanne einfach wunderbar. Und von dem grünen Haus am See, mitten im Wald, ist es nur noch ein Katzensprung zurück zum Wanderparkplatz.
"Müssen wir schon gehn?", fragt der 13-Jährige, als Eckert nach ausgiebigem Mahl zum Aufbruch bläst. Gibt es eine bessere Auszeichnung für eine familientaugliche Wanderung?

Viele nützliche Infos und Touren-Vorschläge: www.tz-fichtelgebirge.de; weitere Fotos: www.infranken.de