Michael Sanna ist ein freundlicher Typ, aber beim Fischen versteht er keinen Spaß. "Wie schaust Du denn aus? Die blaue Hose und dann das orange Tuch! Die Fische sehen doch alles." Ein bunterer Fliegenfischer sei ihm noch nie begegnet, sagt er. Die erste Lektion habe ich also schon gelernt. Weil früher Vorurteil: Menschen mit Angelrouten haben keinen Sinn für Mode. Quasi Jägergrün gleich Fischertristesse. Aber Fischertracht hat nichts mit Fashion zu tun.

Die Natur diktiert die Kleiderordnung, erzählt Michael Sanna auf der Hotel-Terrasse in Muggendorf. Hier im "Goldenen Stern" hat er sein Basislager aufgeschlagen. Hier lebt er seinen Traum vom Fischen seit fast 30 Jahren. Eigentlich hat der gebürtige Norditaliener aus dem schönen Friaul früher in Bayreuth gearbeitet, erfahre ich beim Kaffeetrinken.

Irgendwann sei er seinem Lehrer und Meister ins Netz gegangen. Einem Fischerguru. Eine schicksalhafte Begegnung. Michael Sanna lernte und tauchte ab in die Natur, immer tiefer in den faszinierenden Kreislauf der Raubfische und ihrer Beutetiere. Dort, wo alles Leben im Fluss ist. Wo man nicht nur den Haken ins Wasser hängt, und wartet, dass ein Fisch anbeißt. Zur Königin der Angelkünste - zum Fliegenfischen.

Bei dieser Angelmethode hängt kein Futter am Haken. Eine künstliche Attrappe imitiert die natürliche Beute der Raubfische. Und diese haben ihren eigenen Sinn für Kulinarisches. Die Natur diktiert den Speiseplan. Deshalb muss man das Verhalten der Fische und die Metamorphose des Lebens unter und über Wasser im Laufe der Tages- und Jahreszeiten kennen.

Heute ist Michael Sanna selber ein König der Fischer, denke ich. Einer, der um die halbe Welt reist. Zu den schönsten Gewässern. Sätze in den Mund nimmt, die mit "smaragdgrünen Bergbächen" beginnen und in den wildesten Gegenden irgendwo in Sibirien enden. Ich bin beeindruckt. Da ist einer, der wie Hemingway von der wilden Schönheit der Natur schwärmt. "Jetzt fahren wir ans Wasser", reißt er mich aus meinen Träumen und ich denke: Gut, mit Laufen hat das Fliegenfischen schon mal nichts zu tun. "Ich zeige Dir den englischen, den klassischen Stil", sagt er, während wir hinunter zum Forellenbach laufen.

Denken wie eine Bachforelle


Der Wiesent nähern wir uns mit leichtem Gepäck: einer Angelroute (die wird aus vier Teilen zusammengesteckt), einer Schnur (die ist unser Gewicht) und einem Arsenal an bunten Attrappen aus Fäden, Federn und Fellen, die zu einem Gesamtkunstwerk um den Angelhaken gebunden werden.

Schnell lerne ich meine zweite Lektion: die Vielfalt des Lebens am Fluss ist uferlos. Hier zeigt mir mein Angelmeister eine matte Steinfliege, dort lenkt er meinen Blick auf die versteckte Heuschrecke im Ufergras. Deshalb ist auch das Arsenal an Attrappen uferlos, beginne ich zu begreifen. Beim Beobachten denkt der Fliegenfischer wie eine Bachforelle unter Wasser, erfahre ich. Was fleucht, fliegt und kreucht gerade auf, am und im Wasser herum.

Ich muss jetzt die Schnur mit Hilfe der langen elastischen Angelroute fliegen lassen. So, dass sie sich aufladen kann mit Kraft. Die Bewegung der Rute kommt aus der Schulter, bete ich mir vor. Wenn ich versuche mit dem Handgelenk nachzuhelfen, ruft der Meister: "Nicht Peitschen wie in Oberammergau." Ruhig die Rute arbeiten lassen, notiere ich die nächste Lektion.

Die Schnur ist unser Gewicht und fliegt waagerecht, wenn man die Route konsequent an zwei Punkten im Himmel zum Stehen bringt. "Die Rutenspitze verfolgen, und bei ein Uhr und elf Uhr stoppen", ruft er mir zu und ich denke: Noch 'ne Lektion. Am Nachmittag bricht mir vom Verfolgen der Routenspitze fast der Arm ab.

Mit letzter Kraft kommt ein roter Fetzen an den Haken, der aussieht wie eine fliegende Ameise. Damit könnten wir jetzt Glück haben, sagt der Meister noch. Die Forellen stehen mit dem Kopf nach vorne in der Strömung. Ich kann sie sehen. Wir schleichen uns von hinten an. Ich verfluche heimlich die bunten Klamotten an meinem Leib.
Dann zappelt ein Flossentier tatsächlich an der Angel. Wir halten die Schnur in Spannung, damit der Fisch nicht abhauen kann. Denn wir fischen ohne Widerhaken, sagt er und ich denke: Das hat Stil - und noch eine Lektion. Wir lassen den Fisch wieder frei. Und ich denke: Gott sei Dank, er war viel zu klein.

Wir fischen weiter. Fliegen fliegen um meinem Kopf, ich stehe bis zu den Knien im Wasser. Ich fühle mich wie ein Fisch im Wasser. Ich versuche wie eine Forelle zu denken und wie Hemingway zu werfen. So verfliegen am Ufer die Stunden.