Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entschlossen sich Zehntausende Deutsche zur Auswanderung. Damals waren es die USA, die Hoffnung auf ein besseres Leben boten. Am Beispiel von Ermreuth lässt sich dies verdeutlichen, denn hier waren es besonders viele Einwohner, die ihr Dorf für immer verlassen haben.

Warum sowohl Juden als auch Christen ihrer alten Heimat den Rücken kehrten - dies versucht eine Broschüre zu erklären, die soeben erschienen ist. Der Forchheimer Rolf Kießling stellt in dem Heft "So wollen wir unser Glück in Nordamerika versuchen" zahlreiche Einzelschicksale dar, soweit die Quellen es zulassen.


Viele Formalitäten

"Die vielen Formalitäten, die zu erledigen waren, bewogen manche, lieber nur einen Reisepass zu beantragen und dann für immer in den USA zu bleiben", hat Kießling festgestellt. Andere hielten sich an die Vorschriften und legten alle Papiere vor, die erforderlich waren: Geburtszeugnis, Schulzeugnis, Leumundszeugnis, Schifffahrtsvertrag, Nachweis der benötigten Geldmittel, um sich einen Reisepass ausstellen zu lassen, Ankündigung der Absicht auszuwandern in zwei verschiedenen Zeitungen.

"Die schlechte wirtschaftliche Situation, die für manche im Konkurs endete, war eines der Motive zur Auswanderung", erklärt der Autor, der bereits ein Buch über die "Juden in Forchheim" sowie weitere heimatgeschichtliche Aufsätze und Broschüren veröffentlicht hat. Der Wunsch, eine Familie gründen zu können und ein sicheres Auskommen zu finden - auch dies bewegte viele Menschen.


Schritt in die neue Welt

Auswanderer forderten die Daheimgebliebenen auf, doch auch den Schritt in die neue Welt zu wagen. Eine Seereise auf Segelschiffen, die rund 200 Personen aufnehmen konnten und den gewaltigen Atlantik überqueren mussten - "wahrlich ein Wagnis!", meint Historiker Kießling.


Die Frau fürs Leben

Interessant ist die Geschichte des umtriebigen David Meier, der aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt war, um seinen Militärdienst zu leisten. Zu seinem Glück wurde er für militäruntauglich befunden. Doch in Bayreuth traf er die Frau fürs Leben: eine reiche Kaufmannstochter, die mit ihm das Abenteuer wagen wollte.

Menschen jeden Alters machten sich auf die beschwerliche Reise. Auch kleine Kinder, ja sogar Säuglinge wurden mitgenommen - schließlich galt es keine Zeit zu verlieren. In dem meisten Fällen ist fraglich, ob die Wünsche und Hoffnungen der Auswanderer in Erfüllung gegangen sind.


Das Beispiel Löwenguth

Am Beispiel des Löb Löwenguth zeigt Kießling auf, wie es in den USA weitergehen konnte. Löwenguth, der sich in den USA Lewis Lewengood nannte, war laut Familienüberlieferung Pazifist und hatte deshalb Deutschland verlassen. In der neuen Heimat war er zunächst als Hausierer unterwegs, zog von Farm zu Farm und bot kleine Dinge des Alltags an, Knöpfe zum Beispiel. Sein Leben war beschwerlich, doch lernte er ein jüdisches "Mädel" aus Unterfranken kennen und gründete mit ihr eine Familie. Schließlich ließ er sich in New York nieder und wurde ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde Bet-El.

Nachkommen von Lewis Lewengood besuchten 2012 Ermreuth, um die Heimat ihrer Vorfahren kennen zu lernen und die eigenen Wurzeln zu entdecken. Ihnen verdankt Kießling interessante Einblicke in das Leben von Einwanderern.
Für das Layout zeichnet Nicole Kotz verantwortlich, die schon zwei andere Veröffentlichungen von Rolf Kießling gestaltet hat.


Die Broschüre

Titel: "So wollen wir unser Glück in Nordamerika versuchen" - Jüdische und christliche Auswanderer aus Ermreuth im 19. Jahrhundert

Autor: Rolf Kießling

Herausgeber: Weilersbacher Kreis, Forchheim 2015

Verkauf: Die Broschüre umfasst 64 Seiten und ist zum Preis von 5 Euro in der Bäckerei Oßmann und in der Raiffeisenbank in Ermreuth sowie im Laden "Das Eck" in Neunkirchen am Brand zu erhalten oder kann beim Autor unter Telefon 09191/31540 bestellt werden.