Abel Amanoel war 15 Jahre alt, als sein Vater im Gefängnis getötet worden sei. Das war vor sechs Jahren. Mittlerweile lebt der junge Äthiopier zwei Jahre und acht Monate in Deutschland. Als Flüchtling anerkannt ist er noch nicht - aber er fühle sich sicher.

In seiner Heimat konnte er das nicht. "Die Bedrohung war immer da." Nach dem politisch motivierten Mord an seinem Vater hatten seine Mutter und sein Onkel beschlossen, dass Abel nicht im Land bleiben konnte. "Du fliegst und dein Leben wird besser", hatte ihm die Mutter gesagt. Sie besorgten ihm ein Ticket nach Frankfurt und der junge Mann stellte dort im Winter 2012 einen Asylantrag.

Beeindruckender Respekt

Der 21-Jährige ist das Vorzeige-Beispiel eines Asylbewerbers. Während viele der 641 Flüchtlinge im Landkreis wartend in ihren Unterkünften sitzen und (laut Landratsamt) nur 13 Prozent einer gemeinnützigen Arbeit nachgehen, ist Abel Amanoel permanent mit seiner Fortbildung beschäftigt. Er kann sich gut ausdrücken und hat den Hauptschulabschluss nachgeholt. Er macht jetzt die Mittlere Reife und wird ab Herbst die Berufsoberschule in Nürnberg besuchen.

Abel Amanoel ist ein Lernender. In seinem schmalen Zimmer in Buckenhofen stapeln sich die Bücher neben dem Computer und auf dem Boden. "Ich darf in die Schule gehen, das ist meine Sicherheit", sagt er. Was ihn an Deutschland zudem beeindrucke, das sei der Respekt, den die Leute ihm entgegenbrächten.

Abel Amanoel hat zwei Ziele vor Augen: Er will Elektrotechnik studieren - und er will etwas für seine Landsleute tun. "Meine Freunde in Äthiopien müssen frei sein." Abel redet nicht nur darüber, er schreibt: Der 21-Jährige ist einer von drei Herausgebern des "Voice of Patriot Magazine". Als "Editor in Chief" sammelt und verfasst er Beiträge. Zuletzt schrieb er über "Human Rights Violation in Ethiopia", also über die Verletzung der Menschenrechte in seiner Heimat. "Ich muss was tun, um die Leute zu schützen, ich will Teil der Lösung sein", sagt Abel Amanoel.

Familie nicht direkt erreichbar

Wenn er vom Lernen entspannen will, setzt er sich aufs Fahrrad und fährt am Kanal entlang. Um abends auszugehen, dafür habe er als Flüchtling kein Geld. Aber das störe ihn nicht. Er bleibe "gerne zu Hause" und versuche "alles positiv zu nehmen."

Was nicht immer gelingt. Manchmal plagt ihn das Heimweh. Seine Familie wohnt in Masha, einem Städtchen in Südwest-Äthiopien - ohne Internet und ohne Telefon.

Zur Mutter und zu seiner kleinen Schwester hat Abel seit zwei Jahren keinen direkten Kontakt mehr.

Und auch der Kontakt zu den Mitbürgern in Oberfranken ist nicht so, wie Abel ihn sich erträumt. "Die Leute sprechen schnell und fränkisch, das ist schwer." Er schildert die ganz andere Mentalität: In Äthiopien gehen die Einheimischen auf die Fremden zu und wollen "unbedingt mit ihnen reden". In Deutschland könne es einem dagegen passieren, dass man nach einer Straße fragt und "die Leute gehen einfach weiter". Gern würde er besseres Deutsch lernen, doch die "Kultur des Abstands" mache ihm das nicht leicht, bedauert Abel.

Doch er habe seine Wahl getroffen: "In Äthiopien habe ich meine Mutter, aber auch die gefährliche Politik. In Äthiopien wollte ich in die Schule und konnte nicht - jetzt gehe ich in die Schule. "

Am 10. Und am 29. Juni wird Abel Amanoel seine nächsten Prüfungen bestreiten. "Die mittlere Reife schaffe ich auf jeden Fall", sagt der junge Flüchtling - und fügt in fränkisch hinzu: "Des is net schwer."