Im Jahr 1932 gingen im November die Wähler in Deutschland ein fünftes und letztes Mal zur Stimmabgabe. Im Wahlkreis 26 Franken, der Ober-, Mittel- und Unterfranken umfasste, stellten sich 19 Parteien für die Wahl zum Reichstag. Die seit Monaten ununterbrochen politische Agitation der Parteien drohte im Chaos zu enden.
Im Gegensatz zum übrigen Oberfranken gelang es der NSDAP in Forchheim und Umland, ihre Versammlungsaktivität auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten. Für die Reichstagswahl am 6. November organisierte sie mit insgesamt 41 Veranstaltungen sogar zwei mehr als im Sommer.

Hitler will alles

Zentrales Thema war Hitlers Alles-oder-nichts-Politik mit scharfen Angriffen auf Reichskanzler Franz von Papen. "Gegen Reaktion - für das Volk!" oder "Wer soll die Führung haben - Hitler oder Papen" lauteten die Überschriften für die zwei "Volksversammlungen" am 21. und 28. Oktober in Forchheim. Auf keinen Fall gebe er, Hitler, sich mit dem Posten eines Vizekanzlers zufrieden. Denn er wolle "nicht tanzen wie Herr von Papen pfeift".

Ähnlich argumentierte der NSDAP-Fraktionsvorsitzende im oldenburgischen Landtag, Otto Herzog, auf einer Wahlkundgebung in Ebermannstadt. "Mit einigen Ministersesseln" sei "seiner Partei nicht gedient".
Wenn "die Regierung Papen wieder in der Versenkung" verschwinde, sei das weiter nicht schlimm.
Wohl aber, wenn die "Hitlerbewegung in solcher Regierung ein Fiasko" erleide: "Hitler kann warten, bis seine Zeit gekommen ist."

Wie die NSDAP richtete auch die Baye rische Volkspartei (BVP) scharfe Angriffe gegen Papen. In Ebermannstadt warf der Bamberger Landtagsabgeordnete Hans Dörfler dem Reichskanzler vor, er habe alles das, was Brüning "in jahrelanger dornenvoller Arbeit aufgebaut" habe, in "kurzer Zeit niedergeritten".
Seine "neue Staatsführung" nehme den Ländern die Staatshoheit und ziele auf ein "Großpreußen" ab. Mit seiner Politik nehme er "dem Volk das verfassungsmäßige Mitbestimmungsrecht an der Regierung des Reiches".

Überraschend offen berichtete Dörfler auch über die Verhandlungen seiner Partei mit der NSDAP. Sie seien "im Interesse des Vaterlandes" aufgenommen worden, "1. um alles zu tun, was die Arbeitsfähigkeit der neugewählten Volksvertretung sichern könne, 2. um die Herbeiführung verfassungsmäßig völlig einwandfreier Regierungsverhältnisse, sowie 3. den Ausbau der Gesetzgebung, von Verfassung und Reichstag und um 4. die Nationalsozialisten endlich auch zur Verantwortung entsprechend ihrer Stärke zu bringen". Offensichtlich war es der BVP wichtig, von den Nationalsozialisten als "national" angesehen zu werden.

Zahlenmäßig stand die BVP mit 32 Veranstaltungen der NSDAP im Landkreis Forchheim nicht allzu sehr nach.
Berichte über SPD-Versammlungen sind in der örtlichen Tagespresse kaum zu finden. Das, was über die lokalen Parteiaktivitäten in der Zeitung stand, kam nicht von unabhängigen Journalisten, sondern aus der Feder eingeschriebener Mitglieder.

Privilegiert war in dieser Hinsicht die BVP, die über die Forchheimer Zeitung ihre Meinung ungehindert und ausführlich verbreiten konnte. Als Kopfblatt des Bamberger Volksblatts aus dem katholischen St.-Otto-Verlag übernahm sie zudem die überregionalen Nachrichten aus der Sichtweise der führenden BVP-Funktionäre.

Vergleichbares stand der örtlichen SPD nicht zur Verfügung. Parteipresse in ihrem Sinn waren das Erlanger Volksblatt oder die Fränkische Tagespost aus Nürnberg. Aus den bezahlten Anzeigen in den Forchheimer Tageszeitungen lässt sich aber entnehmen, dass die SPD bei Weitem nicht die Versammlungsdichte von NSDAP und BVP erreichte. Nach der Liste des Bezirksamts Forchheim führte die SPD zusammen mit der "Eisernen Front" vor der Reichstagswahl am 6. November 14 "genehmigte politische Versammlungen" durch.

Am Abend vor dem Wahlsonntag veranstaltete sie in der Jahnhalle unter dem Thema "Für Volksherrschaft durch einen arbeitsfähigen Reichstag - Gegen Papen, Hitler, Thälmann" eine "sozialistische Feierstunde", in der der Arbeitergesangsverein "Liederkranz" und die "Kapelle Ziegler" die musikalische Begleitung übernahmen.

Wahlbeteiligung geht zurück

Dem allgemeinen Trend entsprechend, ging auch in Forchheim und seinem Umland die Wahlbeteiligung zurück, allerdings nicht in dem Umfang wie im übrigen Bayern.
Gegenüber der Juli-Wahl verlor die NSDAP in Forchheim 185 und im Landkreis Ebermannstadt 627 ihrer Wähler, also über elf Prozent, blieb aber auf dem Land hinter der BVP zweitstärkste Partei. Ihre Verluste waren hier geringer als im Vergleich mit Oberfranken, Bayern und insgesamt in Deutschland.
Umgekehrt waren die Einbußen der BVP in Forchheim mit 3,8 Prozent und im Umland mit 7,4 und 5,7 Prozent höher als in Oberfranken und in Bayern. Als einzige Partei konnten nur die Deutschnationalen sowohl in Forchheim als auch insgesamt in Deutschland Zugewinne verbuchen, was aber bei Weitem nicht reichte, dem amtierenden Kanzler und seinem "Kabinett der Barone" auch nur annähernd politischen Rückhalt zu geben.
Dass in Forchheim die SPD entgegen dem allgemeinen Trend Wähler hinzugewinnen konnte, war überraschend und verstärkte das politische Gefälle zum Umland, wo die SPD seit Jahren nur marginale Bedeutung hatte. Hier bestimmten die Anhänger von BVP und NSDAP die politische Szenerie.
Das Forchheimer Tagblatt fragte sich in einem Kommentar, ob man nach fünf Wählen in einem Jahr Wahlen "überhaupt noch im Ernst als Maßstab für die politischen Anschauungen und den politischen Willen des Volkes betrachten" könne oder sie nur noch "als zufälliges Erzeugnis einer mehr oder minder geschickten Propaganda" werten müsse.
"Zu ernstem Nachdenken" gebe nur "der unleugbare Fortschritt der Kommunisten" Anlass. Hingegen zeige "der über alle Erwartung starke Verlust der Nationalsozialisten", dass die ursprüngliche Kraft der Bewegung wenigstens für den Augenblick gebrochen sei.
Die Angst vieler Bürgerlicher vor der revolutionären Linken, die im November ihre Reichstagsmandate um 11 auf 100 gesteigert hatte - gegenüber 259 Sitzen von NSDAP und DNVP - war größer als vor dem von den Nationalsozialisten lauthals propagierten Umsturz der bestehenden Republik.
Am 17. November musste Papen zurücktreten, weil der Reichspräsident Bedenken hatte, mithilfe der Reichswehr und unter Ausschaltung des Reichstags eine Verfassungsänderung herbeizuführen. Nachfolger wurde General Kurt von Schleicher (1882-1934), gegen den Franz von Papen aber in der Folge ein Bündnis mit Hitler unter Einbeziehung der Deutschnationalen schmiedete. Nach acht Wochen musste auch Schleicher demissionieren. Zwei Tage später wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.