Leere Regale. Keine Puzzles. Keine Brettspiele. Und auch Bilderbücher gibt es in diesen Tagen nicht im Hiltpoltsteiner Kindergarten. Was für einen Kindergarten auf den ersten Blick seltsam, ja fast schon grausam anmutet, hat einen Grund: Die Kinder im Hiltpoltsteiner Kindergarten fasten. Das heißt, sie verzichten auf alle vorgeformten Spielsachen. Seit bereits 15 Jahren hält der Hiltpoltsteiner Kindergarten das so in den Wochen vor Ostern.
Und so sieht das aus, wenn die Kinder auf vorgefertigtes Spielzeug verzichten. Jens, die Kinderpflegerin Ivonne Mebus und einige andere Kinder sitzen an einem Tisch und stechen mit Tassen Formen in den von der Gruppenleiterin Evelyn Bähr hergestellten Salzteig.
Am anderen Tisch hält der vierjährige Rune ein Rohr aus Pappe und wirft begeistert Korken hinein. Als der Behälter mit den Korken fast geleert ist, prüft er den Inhalt des Rohrs und stellt erstaunt fest, dass dies erst zur Hälfte gefüllt ist. "Schau, jetzt hat er einen Schnuller", grinst Juliana, als sie dem eingeschnittenen Mund ihres Tennisballs einen Knopf in Übergröße verpasst.

Ein paar haben sich beschwert

Zuvor hat sie Knöpfe in allen möglichen Größen in den Tennisballkopf gefüllt. Die Puzzles, die sie sonst so leidenschaftlich legt, vermisst sie offensichtlich nicht. Sie überlegt nur kurz, schüttelt dann den Kopf.
Die Kinder empfinden den Verzicht nicht als etwas Schlimmes oder sogar als Bestrafung. Die meisten machen das freiwillig, aus eigenem Antrieb sogar.
Evelyn Bähr erinnert sich noch an den verheerenden Tsunami, der Ende 2004 in Südostasien gut 270 000 Menschen das Leben gekostet hat. "Das hat die Kinder beschäftigt und bei den Gesprächen über die Katastrophe meinten einige, dass die Menschen dort ohne Möbel sind. Um zu wissen, wie das ist, haben die Kinder für die Fastenzeit auf Tische und Stühle verzichtet." Heuer wollten sie auf fertige Spielwaren verzichten. "Dann brauchen wir sie nicht mehr aufräumen", kommentierten manche eher trocken und nüchtern den Verzicht.
Andere dagegen haben sich anfangs aber auch über das Spielzeug-Fasten beschwert. Aber das habe sich gelegt, sagt Bähr. Das Besitzdenken verschwinde, denn "jeder Baustein kann jetzt zum Elefanten werden", erklärt sie.

Die Kinder werden kreativer

Als die vorgefertigten Teile verbannt wurden, langten die Kinder selbst mit an, und trugen Spiele, Puzzles, Autos und Tiere aus dem Raum. Die Umgewöhnungsphase verging schnell, dafür war das neue Spielzeug zu interessant. "Ein Korken ist leichter als ein Holzbaustein, nicht so eben und weicher. Solche Erfahrungen machen die Kinder jetzt", sagt Bähr.
Einige Kinder waren von dem Fasten derart angetan, dass sie auch zu Hause einige Spielsachen außer Reichweite gebracht haben. Was im besten Fall auch die Kreativität fördert. So kann der Verzicht am Ende bereichernd wirken.