Als "beispielhafte Darstellung von Terror und Verführung" bezeichnete Bezirksheimatpfleger Günther Dippold die 560 Seiten starke Untersuchung von Albrecht Bald mit dem Titel "Der NS-Gau Bayerische Ostmark/Bayreuth: Grenzgau, Grenzlandideologie, wirtschaftliche Problemregion". Besonders hob Dippold bei der Buchvorstellung die "bestechende Quellenvielfalt" hervor.

Die Auflistung umfasst 50 Seiten und berücksichtigt alle einschlägigen Archive von Bamberg über München bis Berlin. Forchheim und Ebermannstadt unterstanden mit ihren NSDAP-Kreisleitungen dem im Januar 1933 aus den Bezirken Oberfranken, Oberpfalz und Niederbayern gebildeten nationalsozialistischen Gau, der flächenmäßig einer der größten in Deutschland war, aber wirtschaftlich und konfessionell überhaupt nicht zusammenpasste.

Was die drei Teile allein verband, war die Grenzlage, die nun von der Propaganda in ihrer Wehr- und Verteidigungsfunktion gegen die Bedrohung durch das "Tschechentum" als "Grenzmark" ideologisch überhöht wurde.

Totenkult um Schemm

Tatsächlich aber verdankt sie ihre Entstehung ihrem ersten Gauleiter Hans Schemm (1891-1935), der seine erfolgreiche politische Werbetätigkeit von Oberfranken aus in die tief katholischen und wirtschaftlich unterentwickelten Regionen der Oberfalz und von Niederbayern ausdehnen sollte.

Er baute Bayreuth gezielt zur "Gauhauptstadt" aus, installierte hier über 40 Ämter der Partei und besetzte sie mit engen Vertrauten aus der "Kampfzeit". Diese "im Wesentlichen aus Volksschullehrern zusammengesetzte Führungsclique" wird in der Fachwissenschaft auch als Bayreuther "Gauclique" bezeichnet.

Intensiv setzt sich Albrecht Bald mit Schemms Image als "guter Nazi" auseinander. Er führt es zum einemn auf sein gutes Aussehen ("hochgewachsen, blond, blauäugig"), zum anderen auf sein Organisations- und Redetalent zurück, vor allem aber auf seinen frühen Unfalltod am 5. März 1935.

Im Anschluss daran entwickelte sich ein regelrechter Totenkult um ihn. Sicherlich hat auch dazu beigetragen, dass er sich als Bayerischer Kultusminister zumindest nach außen hin als religiös zu verkaufen verstand. Mit der Schlagzeile "Unsere Religion heißt Christus, unsere Politik heißt Deutschland" gewann er bei seinem Amtsantritt auch bei den beiden Kirchen Ansehen.

In Wirklichkeit aber war er "an innerkirchlich-theologischen Fragen wenig interessiert" und verfolgte in der Praxis mehr einen "nationalen Protestantismus" in Form einer "einheitlichen Reichskirche".

Rivalitäten im Apparat

Das unterschied ihn gänzlich von seinem Nachfolger Fritz Wächtler (1891-1945), der mit seiner antikirchlichen Agitation selbst "über die von der nationalsozialistischen Politik angestrebten Grenze" hinausging (S. 123). Finanziell waren die Mitglieder der "Gauclique" nicht schlecht gestellt. Mit 540 RM verfügten sie über mehr als das Dreifache des monatlichen Bruttodurchschnittseinkommens im Deutschen Reich (1937).

Nicht viel weniger erhielten die hauptamtlich angestellten Kreisleiter (480 RM), der Rest musste sich mit Aufwandsentschädigungen zufriedengeben. Ausführlich geht Bald auf die Rivalitäten im Bayreuther Parteiapparat ein, schildert das angespannte Verhältnis des Gauleiters Wächtler zu seinem Stellvertreter Ruckdeschel und deckt zudem auf, wie es bei der "Arisierung" jüdischen Eigentums zu Korruptionen kam. Schemm wie auch seine Nachfolger unternahmen große Anstrengungen, den so gegensätzlich strukturierten Gau zu einer regionalen Einheit zusammenwachsen zu lassen.

Der "Ostmärker" - eine von Schemm gezielt verwendete Wortschöpfung - sollte über alle Stammes- und Konfessionsschranken hinweg ein eigenes "Gaubewusstsein" entwickeln.

Eigenes Emblem

Kulturell wurde das durch volkskundliche Projekte, die Pflege des Brauchtums und des eigens gegründeten "Grenzlandtheaters Hof" gefördert, wirtschaftlich durch besondere Werbemaßnahmen für Ostmarkprodukte und Ostmarkreisen.

Davon profitierte auch die Fränkische Schweiz. Der hier populäre Schriftsteller August Sieghardt schuf sogar ein eigenes Werbeemblem für die Ostmark: "Vor den Zinnen einer Burg steht ein Herold im traditionellen Gewand und bläst mit der rechten Hand eine Fanfare, während die linke eine Lanze umfasst. Darüber ... die kreisförmige Umschrift ‚Die Bayerische Ostmark ruft."

Trotz aller Bemühungen der Gauleiter Schemm, Wächtler und Ruckdeschel überdauerte der Gau nur ganze zwölf Jahre. Mit dem Ende des Dritten Reichs zerfiel auch die Ostmark wieder in ihre ursprüngliche Teile.


Buch Albrecht Bald: "Braun schimmert die Grenze und treu steht die Mark!" Der NS-Gau Bayerische Ostmark/Bayreuth 1933-1945. Grenzgau, Grenzlandideologie und wirtschaftliche Problemregion, Bumerang Verlag Bayreuth 2014, Band 2 in der Reihe "Bayreuther Rekonstruktionen", 560 Seiten, 38,50 Euro.