Vermutlich war es ein Meter, der am Donnerstagnachmittag auf dem Staffelberg über Leben und Tod entschieden hat. Vom Felsplateau geht es einmal einen Meter steil nach unten, dann kommt ein kleiner Vorsprung. Auf dem Plateau einen Meter weiter links geht es 25 Meter steil nach unten.

Die rote Jacke lag noch lange unterhalb des Vorsprungs, da war ihre 66-jährige Besitzerin schon von Einsatzkräften gerettet und ins Krankenhaus geflogen worden. Schwerverletzt hat sie ihren Sturz überlebt. Eine zweite Frau, eine 78-Jährige, stürzte an der Stelle, an der es über 20 Meter in die Tiefe geht. Sie war wohl sofort tot.
Beide Frauen waren Teil einer Reisegruppe, die - entgegen erster Mitteilungen der Polizei - nicht aus Forchheim sondern aus Erlangen stammt. Inzwischen steht fest: Das Todesopfer kam aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt, die verletzte Frau aus Erlangen.

Die Gruppe wollte einen schönen Tag auf dem Staffelberg verbringen, sagt Kreisbrandrat Timm Vogler. Um 16.57 Uhr wurde der Notruf abgesetzt: "Absturz, zwei Personen am Staffelberg".

Kein Standardeinsatz

Gemeinsam mit der Bergwacht hatte die Feuerwehr den Leichnam der 78-Jährigen geborgen. An die Drehleiter des Feuerwehrfahrzeugs wurde eine Schaufelanlage eingehängt, die Leiter funktioniert dann wie ein Kran. Ein Standardverfahren in solchen Fällen, sagt Vogler. Von einem Standardeinsatz könne jedoch nicht die Rede sein. Es sei schwierig für seine Männer gewesen, sich auf dem unwegsamen Gelände zu bewegen.

Michael Hess, Leiter des Staffelsteiner Bauamtes, hat am Morgen nach dem Unfall extra nochmal nachgeschlagen, in der Bayerischen Landesverfassung: Artikel 141, Absatz 3, dort ist das Grundrecht niedergeschrieben auf "Genuss der Naturschönheiten und Erholung in der freien Natur".

Kurz: Jeder hat das Betretungsrecht in der freien Natur und ist dabei selbst verpflichtet, für seine Sicherheit zu sorgen. Es besteht an solchen Stellen keine Verkehrssicherungspflicht, sagt Hess.

Über einen Zaun, sagt er, kann man drüberklettern, vielleicht könne man überlegen, ein Schild aufzustellen, wie an manchen Stellen in den Alpen, ein gelbes Dreieck, darin ein stürzender Mensch. Aber ob das viel Sinn mache? Hess bezweifelt das: "Es ist halt ein Felsvorsprung, da muss man aufpassen."

Erinnerungen kommen hoch

Normalerweise, sagt Markus Alin, sei es eine Selbstverständlichkeit, nicht zu weit vorzugehen, wenn es danach steil runtergeht. Alin ist stellvertretender Leiter des Kur- und Tourismus-Service Bad Staffelstein, wenn sich Gruppen dort anmelden, bekommen sie einen Begleitzettel; darauf steht unter anderem, dass festes Schuhwerk nötig ist und dass das letzte Stück sehr steil nach oben führt. Wanderern rate er auch mal, sie sollen bei der Felskante aufpassen, denn es gehe steil nach unten.

Dass so etwas wirklich einmal passieren kann, damit hätte Alin nie gerechnet. Bei aller Tragik, sagt Kreisbrandrat Vogler, sei die Situation am Donnerstagnachmittag auch ein wenig surreal gewesen. Vor beinahe einem Jahr stand er an derselben Stelle auf dem Felsplateau, neben ihm ebenfalls der Staffelsteiner Polizeichef Gerald Storath und der Leiter des Rettungsdienstes, Tobias Eismann.

Damals blickten die drei Männer auf einen Baum in dem ein Auto hing. Die Fahrerin hatte den Absturz überlebt, der Fall machte bundesweit Schlagzeilen.

"Das gibt's doch gar nicht", das war dann auch die erste Reaktion von Landrat Christian Meißner (CSU), als er am Donnerstagabend von dem Absturz der Rentnerinnen erfuhr. Am Tag danach warnt er vor Schnellschüssen.
Eine Frage nach Sicherheitsmaßnahmen sei immer auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit und nicht zuletzt eine Frage nach der Selbstverantwortung, sagt er. Und überhaupt, wo fange man auf dem Staffelberg mit Sicherheitsmaßnahmen an und wo höre man auf. Es gelte jetzt erst einmal, die Ermittlungen der Polizei abzuwarten.
"Wir gehen von einem tragischen Unglücksfall aus", sagt Jürgen Stadter, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken. Die Coburger Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen, Zeugen befragt.

Obwohl die ganze Gruppe zum Zeitpunkt des Unfalls auf dem Plateau war, hat den eigentlichen Absturz offenbar niemand gesehen. Allein dass die beiden Frauen an der Felskante standen, konnte von den Reisenden bestätigt werden. Die wichtigste Zeugin sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vernehmungsfähig: die verletzte 66-Jährige.

Als Tobias Eismann, Leiter des Rettungsdienstes, am Donnerstag um kurz nach 17 Uhr auf dem Plateau ankommt, wird die 66-Jährige schwer verletzt auf das Plateau gezogen.

Die Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte habe tadellos funktioniert, das möchte Eismann loswerden. Rund 75 waren an der Rettung beteiligt, der Großteil ehrenamtlich: Die Bergwacht hat den Leichnam geborgen, die Feuerwehr hat über die Drehleiter abgesichert und Mannschaftsbusse organisiert, die die zurückgebliebene Reisegruppe nach Romansthal in einen Gasthof gebracht hat. Eismann begleitet die Gruppe. Nachdem die verletzte Rentnerin ins Krankenhaus geflogen worden ist, endet sein Einsatz auf dem Berg.

Gehofft bis zuletzt

Eine Stunde hat es gedauert, bis die Polizei in den Gasthof kam und die Todesnachricht überbrachte. "Da hat man nochmal einen deutlichen Schlag im Raum gespürt", sagt Tobias Eismann. Sicher, die übrigen Mitglieder der Reisegruppe hatten vermutet, dass etwas Schlimmes passiert war, aber eben auch noch gehofft.

Notfallseelsorger waren da bereits angekommen, der Staffelsteiner Pfarrer Georg Birkel und Krankenhausseelsorger Peter Lachner. Es wurde mit den Rentnern gesprochen, aber vor allem zugehört, sagt Eismann. Die Gruppe verreist seit Jahren gemeinsam. Die Menschen haben sich von früheren Ausflügen erzählt, von ähnlichen Schicksalsschlägen.

Der Ablauf des Einsatzes, die Organisation, all das sei für ihn nichts Außergewöhnliches gewesen, sagt Eismann. Er macht eine kurze Pause, dann fügt er hinzu: "Den Fall hake ich trotzdem nicht so einfach ab wie normalerweise." Zwei Stunden hat er mit der Reisegruppe verbracht. Sie sei ihm irgendwie ans Herz gewachsen.