Ralf Stockum schüttelt fassungslos den Kopf. "China ist nicht das typische Gerstenanbauland, auch kein Gerstenexporteuer. Das ist, als würde man Island als Nudelland bezeichnen", sagt der Braumeister. Er steht am Feldrand, fährt mit den Fingern über die Ähren der zweizeiligen Marthe - so heißt die Sommergerste - , die der Landwirt Matthias Tauber auf diesem drei Hektar großen Feld für den Lindenbräuchef anbaut.

In vier Wochen ungefähr kann die Gerste gedroschen werden, sagt Tauber. Auch er schüttelt den Kopf, lacht. "Von der Region - für die Region", mit diesem Slogan werben vor allem die kleinen Brauereien.
Allerdings sollen sich zwei Landwirte bei einem Vertrauten, der am oberen Rand Oberfrankens beheimatet ist, ausgesprochen haben. Sie behaupten, dass die Brauerei Lindenbräu aus Gräfenberg und die Klosterbrauerei aus Weißenohe Braugerste aus China importieren.

Aus der Heimat

Stockum und seine Kollege aus Weißenohe verwahren sich allerdings mit Nachdruck gegen diese Vorwürfe. Der einzige Zusammenhang zwischen der Braugerste und China sei, dass die heimische Gerste das chinesische Soja, das auch in Bayern oft als Futter für die Tiere angebaut wurde, wieder verdrängt.

"Die Hochlagen der Fränkischen Schweiz sind das typische Gerstenanbaugebiet", sagt Stockum. Die Bodenqualität passe einfach. Seit 80 Jahren bauen Matthias Tauber und seine Vorfahren hier Gerste an. Bis vor wenigen Jahren, als ihre Landwirtschaft im Umbruch war, weil sie ihre Milchkühe aufstockten. Aber der Gerstenanbau war schon schwer kalkulierbar für die Landwirte, gerade Anfang der 2000er-Jahre. Es gab einfach zu viele Preisschwankungen. Denn der Gerstenpreis wird weltweit gehandelt. Bei großen Brauereien werde sicher nicht der Brauer in München die Gerste kaufen, das tue der Manager und der zockt an der Börse.

Die großen Konzerne und Großmälzereien ordern die Riesenmengen von den Großhändlern. Und da ist dann schon einmal Gerste aus der Ukraine, Frankreich, Dänemark oder Schweden dabei. Was zur Folge hat, dass nicht mehr nachvollziehbar ist, aus welchem Land die Gerste stammt.

Kostendruck für alle Seiten

"Von nichts kommt nichts. Wir haben schon immer auf die Produktionstechnik geachtet. Ein Grundmaß an Pflanzenschutz und Düngung gehört dazu", sagt dagegen Tauber.

Bei einem regionalen Agrarhändler sind derzeit 100 Tonnen Gerste gelagert. Seinen Namen möchte er allerdings nicht in der Zeitung lesen. Auch der Händler kennt den Kostendruck und empört sich darüber.
Die Hälfte der bayerischen Gerste komme aus dem Ausland. Auch als Schiffsware ist diese Gerste dann unterwegs. Denn durch den Börsenhandel darf sie nichts mehr kosten, soll verramscht werden. Billiger sei eben die französische Wintergerste oder die Gerste aus anderen europäischen Ländern, meint er. Nur sei dann eben Gerste von unterschiedlicher Qualitäten vermischt.

Ein besonders Bier

Aber auch Bier brauche Heimat. Und die gewünschte Qualität. Die Mälzereien, die ein gewisses Gerstenkontingent sicher planbar einkalkulieren wollten, aber auch die Landwirte, die ihre Gerste zu einem sicheren Preis verkaufen wollten, überlegen sich Gegenmaßnahmen.

Sie wollten die Handelsströme der Großkonzerne umgehen und ausreichend Gerste aus der Region verwenden. So entstand auch das "10-Kilometer-Bier". Die Mälzer und Brauer holen dafür ihre Gerste von Landwirten im Umkreis von zehn Kilometern. "Es sind noch zu wenige, die mitmachen", sagt der Inhaber des größten Agrarhandels in Oberfranken. Der Gräfenberger Lindenbräu beteiligen sich am "10-Kilometer-Bier". Nicht nur deshalb hat Ralf Stockum immer ein bis zwei Landwirte unter Vertrag.

Die zusätzliche Gerste bezieht er aus der Frauenaurach Klostermälzerei Bergler, die ebenfalls regionale Gerste verarbeitet. Von dort bezieht auch Urban Winkler, der Chef der Weißenoher Brauerei, sein konventionelles Malz.
Den Biohopfen hat er zu 100 Prozent vom Biobauern Friedrich aus Lilling. Am "10-Kilometer-Bier" beteiligt er sich nicht, aber auch er kauft Biogerste aus der Region. Nicht nur um "von der Region, für die Region" zu stärken, hat er eine eigene Aktion ins Leben gerufen, die den Verbraucher auf jeder Bierflasche informiert und sensibilisiert. "Eine Kiste Weißenoher Classic erspart mindestens sieben Quadratmeter Acker unnötige Agrarchemikalien.

Botschaft auf dem Etikett

"Im Namen einzigartiger Tiere und Pflanzenarten, welche diesen Schutz einer naturnahen Kulturlandschaft zum Überleben brauchen, danken wir Ihnen" - so steht es auf den Etiketten geschrieben.
Wer lieber Billigbier von Großbrauereien kaufe, die Billiggerste aus der Ukraine importieren, brauche sich nicht wundern, wenn die Landwirte vor Ort lieber in den Solaranbau und Maiswüsten investieren.