Die Zuhörer in der voll besetzten Johanniskirche in Forchheim konnten sich doppelt glücklich schätzen: zum einen, weil sie ein ganz besonderes Weihnachtsoratorium eines relativ wenig bekannten Barockkomponisten hören, vielleicht überhaupt kennen lernen konnten, zum anderen, weil die konkrete Darbietung sowohl von Seiten des Chores und der Solisten als auch vom Orchester her höchste Qualität hatte.
Dieses Orchester hat sich auf Barockmusik spezialisiert und nennt sich "Neue Nürnberger Ratsmusik"; quasi als Vorspiel für das Oratorium ließ es das Concerto in G-Dur von Johann Joachim Quantz (1697 - 1773) erklingen; Quantz war Flötist, Komponist, Flötenbauer und der Flötenlehrer von Friedrich dem Großen. Besonders die Violine und die warmen Töne der Holzblasinstumente (zwei Flöten, zwei Oboen und das Fagott) stimmten zugleich feierlich wie lebendig auf den Hauptteil des Konzerts ein - auf das "Oratorium in Festum Nativitatis Christi" von Carl Heinrich Graun.

Graun, der von 1703 (oder 04) bis 1759 gelebt hat, war selber ausgebildeter Sänger, freier Komponist von Kirchenmusiken (Dresden und Braunschweig) und schließlich Kapellmeister Friedrichs des Großen (Berlin); er hat auch Passionsoratorien und Opern geschrieben.

Sein Weihnachtsoratorium ist sowohl vom Kompositorischen wie vom Theologischen her sehr interessant: "Der besondere Charakter von Grauns Kirchenstil liegt in dem wohlausgewogenen Wechsel von melodisch betonten und kontrapunktisch streng gearbeiteten Chorsätzen, von gefühlvollen, farbenreich instrumentierten Arien und harmonisch weit ausgreifenden Rezitativen", wie der Musikwissenschaftler Peter Wollny kommentiert.

Das große Verbindende

Das Oratorium hält sich vom Text her nicht nur an die Bibel, sondern bringt viele frei gedichtete Betrachtungen und Meditationen; vor allem gehört es zu den wenigen Weihnachtsoratorien, die Weihnachten, Karfreitag und Ostern wirklich miteinander verbinden.

Der Chor, die "Große Kantorei St. Johannis Forchheim", leitete das Oratorium ein mit einem Jesaja-Text als Fuge ("Mache dich auf, ...") - vom Klang und Rhythmus her absolut sauber - mit klar herausklingenden lebendigen Synkopen.

Monika Teepe (Sopran, Preisträgerin des Kulturförderpreises der Stadt Nürnberg), Edeltraud Rupek (Alt, für klassischen Gesang und auch für Chanson und Musical ausgebildet), die Brüder Christian (Tenor) und Felix Rathgeber (Bass), die aus einer bekannten Musikerfamilie stammen und beide ihre Grundausbildung im Windsbacher Knabenchor erhalten haben, brillierten jeweils als Solisten bei den folgenden Arien, Accompagnati und Recitativen.

Voller Ausdruckskraft und Temperament hörte man vom Bass die Arie "Abgrund krache, Tod erzittre ...", vom Tenor entsprechend innig das "Ew'ger Sohn ..., ach, verkläre dich in mir...!" der Arie, bei der Christian Rathgeber von der für die Barockzeit typischen, auch tenorgestimmten Viola Pomposa begleitet wurde.
Das fast dramatisch und doch auch tröstlich wirkende Duett von Alt und Sopran gegen Ende des Oratoriums ("Herr, im Frieden will ich sterben ...", in Anlehnung an Simeons Worte bei der Darstellung Jesu im Tempel) muss besonders hervorgehoben werden: Die beiden Sängerinnen haben auch schwierigste Tonabstände wunderbar ausgesungen, ausgehalten, ja ausgelebt. Alle vier Solisten sangen in beeindruckender Harmonie den bekannten Choral "Wie soll ich dich empfangen ...".

Ungewöhnlicher Wechsel

Ein besonderes Highlight des großen Chores war der "Coro" "Euch ist heute der Heiland geboren ..." (Lukas 2,11). Wieder als Fuge mit der ihr eigenen Polyphonie komponiert, stellt er höchste Ansprüche an die Sänger; zudem schwingt die Fuge ungewöhnlicherweise von Moll zu Dur um und endet auch so. Bis zum Schluss großartig-feierlich begleitet von Trompeten, war dieser Teil des Oratoriums ein Extra-Hörgenuss.

Mitwirkende souverän geleitet

Dass das gesamte Konzert das Publikum in der Johanniskirche so begeistern konnte, lag zu einem sehr hohen Maß an der genauso sensiblen wie souveränen Art, mit der Dekanatskantorin Stephanie Spörl dirigierte und alle Mitwirkenden sichtbar verständnisvoll leitete.
Der große Applaus bestätigte die Freude, Bewunderung und Dankbarkeit der zahlreichen Zuhörer.