Mitten im Trubel des Annafestes erlebt eine 14-jährige Forchheimerin tiefste Einsamkeit. Sie streift über das Festgelände, vorbei am Autoskooter, dem Glückshafen des Roten Kreuzes zu einer Langos-Bude. Während sie den öltropfenden Fladen isst, bemerkt sie plötzlich, dass sie ihre Brille zu Hause vergessen hat. Der Ausflug des Mädchens endet in einem panischem Rückzug durch den Wald, wo sie durch einen Schlag gegen den Kopf niedergestreckt wird.

Diese Annafest-Geschichte ist glücklicherweise weitgehend der Fantasie entsprungen. Zumindest ihr tödlicher Ausgang. Und auch den Täter, einen Außenseiter und Mitschüler des Opfers, hat es so nie gegeben. "Dennoch ist die Geschichte autobiografisch - bis hin zur Brille, die das Mädchen trägt", sagt Tessa Korber.

Ihre Kurzgeschichte "Im Augenblick" ist mit zwölf anderen "finsteren Storys" im Sammelband "Kirchweihleichen" erschienen. Obwohl die "Augenblick"-Heldin die Losbuden nur "bunt und kitschig" findet, und obwohl ihr die "fette Dame hinter der Kasse" bei der Wasserrutsche wie eine Hexe vorkommt, will Tessa Korber ihre Geschichte nicht als Kritik am Annafest verstanden wissen.

Vielmehr sei hier das Erleben verarbeitet, sich als Jugendliche auf Volksfesten "völlig im Abseits" gefühlt zu haben, sagt Tessa Korber. "Ich kritisiere das Annafest nicht - im Gegenteil." Das Forchheimer Fest sei im Vergleich zu jenen Veranstaltungen in Erlangen oder Nürnberg "bestimmt das Schönste", meint die Autorin. "Ich bin nur kein Volksfest-Mensch. Ich bring' es fertig, mich da sofort einsam zu fühlen. Ich bin mit meinen Kindern hingegangen, so wie es meine Eltern mit mir gemacht haben. Ansonsten meide ich Volksfeste großräumig."


Geheimnis der Kellereingänge

Trotz dieser Vermeidungsstrategie hat Tessa Korber genügend Annafest-Erfahrung gesammelt, um erzählerisch tief in die Keller-Stimmung einzutauchen. Die Haushaltsgeräte, die sie beim Losverkauf des Roten Kreuzes gewann, sind ihr noch in bester Erinnerung oder der "tröstliche Geruch" am Ponyreitplatz. Vor allem aber der waldige Teil des Festes: "Die kleinen Hänge und Erhebungen mit ihren Wurzeln und Steinen. Die kleinen Kinder, deren Eltern auf den Bierkellern hockten, kraxelten auf diesen Resten von Wald herum. Sie hockten sich in Wurzelnester, streichelten Moos und näherten sich ehrfurchtsvoll den sandsteingemauerten Kellereingängen, die so tief in den Berg gingen und so viel Geheimnis versprachen."

Tessa Korber ist in der Schlachthofstraße aufgewachsen. Die Heldin ihrer Geschichte lebt - gar nicht weit entfernt - in der Lichteneiche. Und sie trägt, wie die Autorin als junge Frau, eine Brille mit wenig Dioptrien.
Diese zu Hause vergessene Brille wird zum Drehpunkt der verhängnisvollen Story: Weil die 14-Jährige nur verschwommen sieht, übersieht sie ihren einsamen Schulfreund, der ihre Nähe sucht. Der fühlt sich übergangen und wird aus dem Augenblick maßloser Wut heraus zum Täter.

Auch mit dem jungen Mann, der sich bei seinem Annafest-Besuch mit Zuckerwatte überfrisst, nimmt es ein schlimmes Ende. Der ermittelnde Kommissar tappt zwar bis zuletzt im Dunkeln. Dennoch verdankt ihm der Leser wichtige Einsichten. Nicht über den Tathergang, sondern über die Annafest-Besucher: "Die Burschen tendierten neuerdings zu ledernen Kniebundhosen. Die Alten blieben bei karierten Hemden und Mikrofaserjacken mit Markenlogos. Beides war in seinen alternden Augen unfränkisch. Aber wer fragte ihn schon?"