Vor 100 Jahren und damit mitten im Ersten Weltkrieg steckte Deutschland im Frühjahr in einer tiefen Krise, die man mit dem vermehrten Einsatz von U-Booten zu durchbrechen suchte. Die völkerrechtswidrige Seeblockade der Engländer hatte Deutschland von 1916 auf 1917 einen Hungerwinter beschert, die in unserer Region vor allem die Bevölkerung in Forchheim zu spüren bekam.

Nach dem Steckrübenwinter verschärfte sich die soziale Not vor allem in den ärmeren Schichten. Es gab keine Kartoffeln mehr, das Brotgetreide musste mit Gerstenmehl gestreckt werden und die Versorgung mit Kohlen blieb aus. "Die Witwe des im Felde gefallenen Schuhmachers Karl Werner wurde laut Zuschrift des Ortsarmenverbandes Erlangen in die dortige medizinische Klinik wegen Lungentuberkulose untergebracht; die Kur- und Verpflegskosten betragen pro Tag 2 M", heißt es in der Niederschrift des Magistrats Forchheim vom 8. März 1917: "Es wird beschlossen, die Übernahme dieser Kosten auf die Kriegsfürsorge insoweit zu genehmigen, als sie nicht durch Reichsunterstützung bzw. Militärpension Deckung finden."


420 000 Hungertote

Der Fall steht exemplarisch für die Zuspitzung der sozialen Lage in Deutschland. Die Sterblichkeitsrate nahm vor allem bei den Frauen dramatisch zu. Im mittleren erwerbsfähigen Alter zwischen 25 und 45 Jahren stieg sie von 1913 bis 1917 auf 33,7 Prozent.

Leider fehlen für Forchheim entsprechende Untersuchungen, aber dass auch hier die Mangelernährung Spuren hinterlassen hat, sieht man schon allein an der Zahl der Gesuche, die beim Magistrat auf Gewährung von "Unterstützungszuschüssen und Krankenhilfe" eingingen. Ende März 1917 waren das allein bei den Anträgen auf Mietzuschüsse 319, von denen 34 abgewiesen wurden.

Eine wissenschaftliche Kommission bezifferte Ende 1918 die "Gesamtzahl der zivilen Hungerstoten" in ganz Deutschland auf 424 000. Neben den Frauen litten vor allem Kinder in den großen Städten unter der Mangelernährung. Ende März 1917 meldete der Wiesent-Bote aus Streitberg: "Heute kamen unter Führung eines Lehrers 14 Knaben und Mädchen aus Nürnberg hier an, die zum Zwecke der Ermöglichung einer besseren Ernährung in edelgesinnten Familien der hiesigen Pfarrgemeinde untergebracht werden."

Die Initiative ging - wie hier in Streitberg oder später in Heiligenstadt - von örtlichen Lehrern aus. Nach einer Meldung wiederum aus dem Wiesent-Boten wurden bis Mitte 1917 aus Nürnberg 13 866 Kinder und aus Fürth 2028 Kinder bei Familien auf dem Lande untergebracht.
Sie blieben meist drei Wochen, wurden gut verköstigt und bisweilen sogar mit neuer Bekleidung ausgestattet.


Gefälle zwischen Stadt und Land

Besonders verdient gemacht hat sich in dieser Hinsicht laut Zeitungsberichten die "Gasthofbesitzerin Hösch in Heiligenstadt."

Zusätzlich gab es hier für Jugendliche das 1906 von Pfarrer Heinrich Daum gegründete Christliche Erholungsheim. Das Stadt-Land-Gefälle in der Lebensmittelversorgung war groß, weil die Regulierung über den freien Markt außer Kraft gesetzt war. Das Berliner Kriegsernährungsamt setzte Höchstpreise und Lieferverpflichtungen fest, die dazu führten, dass Forchheim zum Beispiel seine Kartoffeln nicht aus dem Umland, sondern aus weit entfernteren Regionen erhielt.

Dafür kämpften auf dem Land die Bauern mit den Hamsterern, die aus Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bayreuth einströmten, und auf dem Schwarzmarkt aufkauften, was zu haben war.
Den Landwirten selbst wurde vorgeschrieben, welche Mengen ihnen als "Kartoffelerzeuger" für den Eigenverkehr zustanden: nämlich "in der Zeit vom 1. Jan. bis 28. Februar bis 1 Pfund, vom 1. März bis zum 20. Juli 1 ½ Pfund Kartoffeln auf den Tag und Kopf ihrer Ernte für sich und für jeden Angehörigen ihrer Wirtschaft".


Fleisch und Kartoffeln

Weißbrot durfte überhaupt nicht mehr gebacken und Brotgetreide musste mit Gerstenmehl gestreckt werden. Sog. "militärische Nachschauschaukommandos" kontrollierten bei den Landwirten die Bevorratung von Getreide, Kartoffeln, Eiern und Fleisch sowie die Einhaltung der von den Bezirksämtern in Ebermannstadt und Forchheim über die Bürgermeister angeordneten Lieferverpflichtungen.

Der Mangel an Edelmetallen führte dazu, dass im Februar 1917 "Bierglasdeckel und Bierkrugdeckel aus Zinn" zunächst zu melden waren und dann beschlagnahmt wurden. Einen Monat später machte das Bezirksamt Ebermannstadt bekannt, dass ab 1. März mit der "Beschlagnahme, Enteignung und Einziehung von Bronzeglocken" zu rechnen sei und für "die Bedürfnisse des Gottesdienstes" lediglich eine Glocke verbleiben dürfe.

Die Not und die Verunsicherung der Bevölkerung nahmen von Tag zu Tag zu. Die Todesanzeigen der an der Front Gefallenen in den drei örtlichen Tageszeitungen belasteten im dritten Kriegsjahr zusehends die Stimmungslage. In Egloffstein ertrug eine 65-jährige Witwe den "Verlust eines Sohnes im Kriege" nicht und beging im Januar 1917 Selbstmord. In dieser Situation mussten die lokalen Behörden gegensteuern und Mut zum Durchhalten machen - zumal die Zeichnung der sechsten Kriegsanleihe anstand. Sie unterstützten die Oberste Heeresleitung bei ihrer neuen Strategie, durch die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges ab 1. Februar 1917 England in die Knie zu zwingen.

Das Risiko, sich damit auch die USA zum Feind zu machen, wurde in Kauf genommen, weil man meinte, innerhalb von sechs Monaten sich kriegsentscheidend durchsetzen zu können.


Festlicher Anstriche

In einer Welle von "Bauernversammlungen" rund um Forchheim rief der Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Forchheimer Gemeindekollegiums Hans Räbel im Frühjahr 1917 zum Durchhalten auf und warb für die Zeichnung der sechsten Kriegsanleihe.

Der Ablauf in diesen Veranstaltungen war fast immer der gleiche: Begrüßung durch den Leiter des Bezirksamts, Lichtbildervortrag des Landtagsabgeordneten Hans Räbel unter der Überschrift "Krieg, Volksernährung und Landwirtschaft", Schluss- und Dankesworte durch die örtliche Geistlichkeit. England war in Räbels Argumentation der Hauptfeind:

Höhepunkt der Versammlungswelle im Frühjahr 1917 war die "Patriotische Kundgebung" im neuen Knabenschulhaus von Ebermannstadt am 15. April.
Hier gab der "Pfarrgemeindechor" mit mehreren Liedern der Kriegswerbung einen festlichen Anstrich. Im Refrain des "Sturmlieds 1914", das unter anderem vorgetragen wurde, hieß es: Und sollt´ die Welt voll Teufel sein/ deutsch Eisen trägt den Tod hinein."