Die linke Hand am Steuer, in der rechten das Handy: nur kurz mal nachschauen, wer sich da auf Whatsapp gemeldet hat. Gefährlicher Alltag auf unseren Straßen. Das behauptet zumindest die neue Verkehrssicherheitsstudie aus dem Allianz-Zentrum für Technik. Fazit: Die Ablenkung durch Smartphone und Navi haben verminderte Verkehrstüchtigkeit in Folge von Alkoholgenuss als Unfallursache Nummer 1 abgelöst.

Das belegt die Studie mit Zahlen. Laut der repräsentativen Umfrage des Versicherers begeht fast jeder zweite Fahrer Handyverstöße (46 Prozent). Etwa drei Viertel der Befragten sind regelmäßig durch die Benutzung verbauter Technik im Fahrzeug abgelenkt (74 Prozent). 39 Prozent bedienen das Navi während der Fahrt. 58 Prozent stellen über das Bord-Menü im Auto das Radio an. 15 Prozent aller Fahrer tippen und knapp jeder Vierte (24 Prozent) liest während der Autofahrt Textnachrichten auf dem Smartphone.


Zahlen mit Vorsicht genießen

"Klar, hab ich auch schon gemacht", räumt Philipp (23) aus Pinzberg ein. Offenbar typisch für diese Altersgruppe, denn die Studie behauptet: 23 Prozent der Fahrer unter 24 tippen und 27 Prozent lesen während der Fahrt Nachrichten. 29 Prozent sehen nach, wer sich auf dem Handy gemeldet hat. Auffällig: 52 Prozent geben an, dass sie sich beim Fahren durch telefonierende Mitfahrer abgelenkt fühlen.

Diese Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen, meint Jürgen Hildebrandt, Verkehrsexperte des Automobilclubs ADAC Nordbayern in Nürnberg. Da die Unfallursache nur äußerst schwer nachzuweisen sei, lägen der Studie des Versicherungs-Unternehmens Schätzungen zugrunde - mit einer enormen Streubreite. Während Sachverständige in der Schweiz davon ausgehen, dass 27 Prozent der Unfälle durch Ablenkung verursacht werden, liegt die Quote für Unfälle in Folge von Unaufmerksamkeit in Österreich bei 14 Prozent.


Im Blindflug unterwegs

Gleichwohl räumt der ADAC-Experte ein, dass Ablenkung im Verkehr ein enormes Problem darstelle. "Wenn Sie bei Tempo 100 nur zwei Sekunden nicht auf die Straße schauen und stattdessen im Handschuhfach kramen oder auf das Handy schauen, sind Sie 55 Meter im Blindflug unterwegs", warnt Hildebrandt.

Der Forchheimer Fahrlehrer Josef Metzner lässt seine Schüler schätzen, wie lang dieser Blindflug bei Tempo 50, bei 80 oder 130 Kilometern pro Stunde dauert. "Auf dieser Strecke kann viel passieren", warnt der Fahrlehrer, der darauf hinweist, dass die Handy-Nutzung nur eine von vielen Nebentätigkeiten während des Fahrens darstellt. Zweifelsfrei, so Metzner, seien die Möglichkeiten der Ablenkung während des Autofahrens gestiegen. Zur Suche nach den Zigaretten, dem Feuerzeug oder der Brille, dem Griff nach der Wasserflasche oder dem heruntergefallenen Spielzeug eines Kindes komme das Eingeben eines Zieles ins Navi und die Bedienung des CD- oder MP3-Players. Und natürlich das Handy. Hier sei die Versuchung groß, nur mal schnell nachzusehen, wer sich da gemeldet hat.


Aufklärung gefordert

Josef Metzner ist nicht überzeugt davon, dass dieses Problem allein durch das Verbot der Handy-Nutzung ohne Freisprechanlage in den Griff zu bekommen ist. Statt Strafen zu verhängen, plädiert Metzner für Aufklärung. Die Autofahrer müssten einsehen, warum es dieses Verbot gibt: "Man muss sich Gedanken machen, warum etwas passiert. Nur wer die Ursache kennt, kann das Übel gezielt bekämpfen."

Hauptkommissar Hartmut Demele, Verkehrsexperte in der Polizeiinspektion Forchheim, kann die Zahlen der Studie nicht bestätigen. Gleichwohl stelle Unaufmerksamkeit ein zunehmendes Problem im Straßenverkehr dar. In ganz Oberfranken werde das Handy als Unfallursache nicht explizit ausgewiesen. "Statistisch erfasst wird nur, dass jemand von der Straße abgekommen oder einem anderen draufgefahren oder falsch abgebogen ist." Die Ursache dafür erscheine im Unfallbericht nicht.

Bei einem Unfall mit unklarer Ursache erforsche die Polizei aber sehr wohl, ob nicht ein Handy-Verstoß der Auslöser gewesen sein könnte. "Im Bedarfsfall beschlagnahmt die Polizei das Handy und lässt die Daten auswerten. Oder wir lassen uns die Gesprächsnachweise vom Anbieter geben", informiert Demele.


Volle Konzentration!

Der ADAC, so Jürgen Hildebrandt, habe die Probe aufs Exempel gemacht und Probanden auf eine Strecke geschickt, bei der unvorhergesehene Hindernisse auftauchten. "76 Prozent der Autofahrer, die sich ablenken ließen, schafften die Aufgabe nicht", unterstreicht Hildebrandt. In den Augen von Polizeihauptkommissar Hartmut Demele ist dies der Beweis dafür, dass Autofahren die volle Konzentration erfordert. Jede Ablenkung, egal, ob unter Strafe gestellt oder nicht, könne verheerende Folgen haben.