Vor 100 Jahren herrschte nach der Kriegsniederlage Deutschlands auch in der Region große Not. Bis Februar 1919 waren in Forchheim und den umliegenden Dörfern noch Militäreinheiten einquartiert, die auf ihre Entlassung warteten.

In Bayern mussten rund 900.000 Soldaten in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Die Arbeitssuche machte in der Provinz, wo es kaum Industrie gab, besonders große Schwierigkeiten. Die Wirtschaftslage spitzte sich mit 1,1 Millionen Arbeitslosen in Bayern im Februar 1919 krisenhaft zu. Das war auch in Forchheim zu spüren.

Im Februar kam es zu "Ansammlungen von Arbeitslosen zu verschiedenen Gruppen in wenig angenehmer Weise", meldete der Wiesent-Bote. Gerüchte gingen um, Spartakisten seien auf dem Weg nach Forchheim. Der Magistrat sah sich gezwungen, eine "gemischte Kommission" einzusetzen, die auf die "Forderungen der Erwerbslosen, Notstandsarbeiter und Kriegsbeschädigten" eingehen sollte. Sie stand unter dem Vorsitz von Bürgermeister August Reinhard, führte aber offensichtlich zu keinen greifbaren Ergebnissen; denn in der Folge musste sich der Magistrat weiter mit dem Thema auseinandersetzen.

Mitte März 1919 gab es über 425 "männliche Arbeitslose". Für sie suchte die Stadt angestrengt nach "Notstandsarbeiten".

Abbruch der Festungsmauer

In einer gemeinsamen Sitzung von Magistrat und Gemeindekollegium fiel am 14. März nach "zweieinhalbstündiger eingehender Besprechung" eine denkwürdige Entscheidung: "Nur unter dem Druck der zwingenden Arbeitsnot" wurde einstimmig beschlossen, "infolge der jetzigen traurigen Verhältnisse" und "trotz schwerster Bedenken, welche besonders dem Vorstand des Gemeindekollegiums und des historischen Vereins, Dr. Räbel, gehegt wurden, vorbehaltlich der Zustimmung der Landesstelle für Denkmalpflege in München, das Stück Festungsmauer vom ehemaligen Sattlertor bis zur Bastion am Krankenhaus abbrechen zu lassen."

Und schon eine Woche später genehmigte der Magistrat unter Zustimmung der Regierung und im Widerspruch zum Gutachten des Denkmalschutzamtes, "daß mit den Arbeiten sofort begonnen wird und daß nur soviel abgebrochen wird, als zur Behebung der Arbeitsnot erforderlich ist". Wie der jetzige Zustand zeigt, kann aber der Abbruch nicht sehr umfangreich gewesen sein, wenn überhaupt einer erfolgt ist. Gleichzeitig sollten für die weiblichen Arbeitslosen Näh-, aber keine Kochkurse eingerichtet werden, weil es dafür "an den nötigen Lebensmitteln fehle".

Im Gegensatz zur Stadt (10.000 Einwohner) hielt sich die Arbeitslosigkeit im Umland (unter 30.000 Einwohner) in Grenzen. Nach den Berichten von Josef Völker, dem Forchheimer Bezirksamtsvorstand, gab es im Landkreis im Frühjahr 1919 um die 100 männliche und zwischen 30 bis 50 weibliche Arbeitslose. "In den meisten Fällen", so Völker, "handelt es sich um Arbeiter der in hiesiger Stadt gelegenen stillstehenden Fabriken oder doch eingeschränkten Industriebetriebe."

Flucht nach Bamberg

Die Wirtschaftslage verschärfte die politische Krise, in der sich Bayern seit der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar befand. Sein Nachfolger, Johannes Hoffmann (SPD), musste nach Ausrufung der Räterepublik in München am 7. April mit seiner Regierung und dem Landtag nach Bamberg fliehen.

Auf dem Land erklärte sich die Bauernschaft der Fränkischen Schweiz am 10. April in Pottenstein solidarisch mit der Bamberger Regierung und schloss sich der Lebensmittelsperre gegen die Städte an, die sich zur Münchner Räterepublik bekannten. Das waren neben Augsburg in Franken die Städte Fürth, Hof, Münchberg, Rehau, Naila, Wunsiedel, Schweinfurt, Aschaffenburg und Würzburg. Auf Druck der Reichsregierung rief nun Ministerpräsident Johannes Hoffmann von Bamberg aus zum Kampf gegen das Regime in München auf.

In Forchheim riefen die beiden SPD-Landtagsabgeordneten Max Walther und Hans Gentner am 9. April 1919 in einer Versammlung mit über 1200 Personen zur Unterstützung der Bamberger Regierung auf. In einer Resolution nahmen sie scharf Stellung gegen die Räterepublik und forderten, das Land von den "Fremdlingen" zu säubern.

Aber die örtliche Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) lehnte kategorisch ab, in Forchheim selbst eine Freiwilligentruppe zu bilden. Die Forchheimer Mehrheitssozialdemokraten (SPD) wiederum zögerten ihre Entscheidung hinaus, weil ihr die auf dem Land bereits gebildeten Einwohnerwehren suspekt waren. Laut Bürgermeister Reinhard wollte deswegen der Bamberger Militärminister Ernst Schneppenhorst (SPD) am 29. April "genügend Militär" nach Forchheim schicken, um unter deren Schutz eine Freiwilligen-Ortswehr durchzusetzen.

Die Situation verschärfte sich ab 22. April, als die Forchheimer USPD eine Versammlung abhielt, in der ein Referent aus Nürnberg für die Räterepublik warb und dabei äußerte, ihm sei jedes Mittel recht, sie auch durchzusetzen. Angeblich sicherte er dabei den örtlichen Genossen zu, "daß sie, wenn sie selbst ihr Ziel nicht erreichen, jederzeit Unterstützung aus Nürnberg bekommen können".

Zu diesem Zeitpunkt hatten Regierungstruppen unter schweren Kämpfen mit 44 Toten bereits Augsburg eingenommen. Nun ging es darum, auch München von der Rätediktatur zu befreien. Über ganz Bayern wurde das Standrecht verhängt.

Warum Bürgermeister Reinhard in dieser Situation - vier Tage nach der USPD-Veranstaltung und ohne erkennbare Gefahr - in Bamberg mitteilte, dass er in Forchheim "die Verantwortung nicht mehr weiter tragen könne, wenn der Stadt nicht genügend Schutz gewährt" werde, bleibt unklar. Jedenfalls nahm Schneppenhorst Reinhards Befürchtungen so ernst, dass er schon zwei Tage früher, also am 27. April, die Hälfte der vorgesehenen Truppe - 35 Freikorpssoldaten - nach Forchheim beorderte.

Am Morgen des Montags nach dem "Weißen Sonntag" gab die Stadt per Aushang die Verhängung des Standrechts bekannt. "Von Seiten des Kommandoführers und auch von den Soldaten" - so Bürgermeister Reinhard - "wurden die Leute fortwährend darauf aufmerksam gemacht, daß sie bei dem verkündeten Standrecht nicht auf der Straße stehen bleiben und Gruppen bilden dürften."

Das Verbot machte Probleme, weil nicht nur Kirchgänger, sondern auch Publikum unterwegs war, das Lebensmittelmarken im Rathaus abholen wollte, und auch Leute, die das neu eröffnete Büro zur Anwerbung von Freiwilligen für die örtliche Ortswehr neugierig beobachteten. Einige von ihnen provozierten dabei auch die um das Rathaus postierten Soldaten. Angeblich klopften manche mittags sogar heftig ans Fenster der Polizeiwache und riefen, dass um 4 Uhr nachmittags das Rathaus gestürmt werde und "heute noch alle herausgeholt und hingemacht würden".

Tatsächlich marschierte dann zu dieser Zeit der Kommandoführer mit einigen Soldaten vor das Rathaus und kündigte mit einem Trompetensignal an, dass aufgrund des Standrechts der Platz sofort zu räumen sei. Aber, so Bürgermeister Reinhard, "alle Aufforderungen, auseinanderzugehen, blieben erfolglos. Auch verschiedene abgegebene Schreckschüsse hatten keine Wirkung".

Trotz dieser Schüsse hörten nach eigenem Bekunden mehrere "Zivil- und Militärpersonen" sowie ein Schutzmann "einwandfrei" noch einen "Revolverschuss gegen das Militär" heraus, der aus der Richtung von der Gastwirtschaft "Zur Glocke" gefallen sein soll.

Ein Augenzeuge, Simon Kreppelt, der damals als 17-jähriger Beamtenanwärter von seinem Dienstzimmer im ersten Stock des Rathauses aus einen guten Überblick hatte, bestritt 1975 in einem Interview diese Version als Schutzbehauptung. Seiner Meinung nach hätten Soldaten "aus dem Fenster des Rathaussaales" geschossen, als sie ihren Kommandoführer in Gefahr glaubten.

Ein weiterer Augenzeuge erinnerte sich, als Zehnjähriger gesehen zu haben, wie Soldaten aus einem Haus gegenüber dem Rathaus mit einem Maschinengewehr "über die Köpfe der Menge hinweg" geschossen hätten: "Dabei bekam die Rathausfassade Treffer ab und eine Ecke aus einem Fensterbogen wurde herausgesprengt."

Bis heute bleibt ungeklärt, wer die Schüsse ausgelöst hat. Faktum bleibt jedoch, dass durch das anschließende Maschinengewehrfeuer und den Abwurf zweier Handgranaten, von denen eine explodierte, 18 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Noch am selben Abend verstarb der 17-jährige Florian Schätzer und wenige Tage später der Arbeiter Josef Eckert. Zu Tode kam auch der Soldat Max Baumann. Er starb an den Messerstichen, die ihm Andreas Vogel im Flur der Brauerei Schindler (heute Volksbank) beibrachte - aus Rache, weil seine Mutter bei der Schießerei am Rathaus schwer verletzt worden war.

Im Rückblick

Der Magistrat bezeichnete anderntags in seiner Sitzung die blutige Schießerei am Rathausplatz als "traurigen Unglücksfall", der "durch die unverantwortliche Haltung eines großen Teiles der umstehenden Leute selbst verschuldet worden" sei.

Offensichtlich stuften der Bürgermeister und die Ratsherren den Auflauf selbst nicht als politische Aktion ein. Das Protokoll spricht zunächst nur pauschal von "Leuten" und "Vorübergehenden", verdächtigt dann aber dann doch eine "Reihe von Personen", die den Kommandoführer auf dem Rathausplatz "umringten".

Wer waren diese Gefährder? Hat sie niemand erkannt? Auch nicht der "Schutzmann", der den Revolverschuss hörte? Der Magistrat gibt im Protokoll der örtlichen USPD die Schuld an der unsicheren Lage in Forchheim. Sie habe die Etablierung einer Volkswehr in Forchheim verhindert und vorgehabt, sich der Räterepublik anzuschließen.

Gehörten ihre Leute dann zu der "Reihe von Personen", die am Rathaus zur Gefahr wurden? Namen werden vom Magistrat nicht genannt, nur vage Andeutungen gestreut. Deswegen bleibt der Eindruck, die Soldaten seien durch ihre eigenen "Schreckschüsse" in Panik geraten und hätten dann - vor allem nach Abwurf der beiden Handgranaten - in nervöser Überreaktion über die Menge geschossen. Erst die vom Rathaus abprallenden Querschläger führten zu den schweren Verletzungen.

Die beiden Toten waren keine Revolutionäre, sie waren Opfer der übersteigerten Furcht vor "unverantwortlichen Ausländern", wie der Forchheimer Magistrat meinte, die mit ihrer Räterepublik "unser schönes Bayernland völlig zu Grunde" richteten. Zur Sicherung von Stadt und Land übernahm eine Woche nach dem blutigen Konflikt Gottlieb Kärgelein die Führung der "Militär-Land-Polizei". Er war Kriegsteilnehmer, Oberleutnant der Reserve und Geschäftsführer des Kommunalverbandes Forchheim - aber auch Gründungsmitglied der NSDAP-Ortsgruppe Forchheim, Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Streiter" und ab 1924 NSDAP-Stadtrat.