Er ist blass. Er wirkt schüchtern. Er schweigt. Es fällt schwer zu glauben, dass der Mann auf der Anklagebank der ersten Jugendkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth einen Menschen erstochen haben soll. Mit seinem Zopf und der Studentenbrille wirkt er überfordert, wenn er hört, was ihm immer und immer wieder vorgeworfen wird.

Im Internet haben sie ihn einen "Killer" genannt, auch ein Boulevardblatt titulierte den Beschuldigten so. Wenn dies im Gerichtssaal vorgetragen wird, sagt er nichts. Der Angeklagte schaut hauptsächlich auf den Richter. Als ob er dort lesen könne, ob er tatsächlich zu dem fähig ist, was dort im Gerichtssaal 619 erzählt wird.
Er hat auf seinen Cousin eingestochen. Mit einem Messer, dass er von seinem Vater zuvor geschenkt bekommen hat.

Der Cousin nervt

Ein auffälliger roter Griff, eine scharfe Klinge, die man einklappen kann. Ein Weihnachtsgeschenk. Einen Tag nach dem Heiligen Abend war es mit dem Frieden vorbei. Wobei dieser Friede nie existiert habe. Das hat er am ersten Sitzungstag von dreien durch seinen Anwalt verlesen lassen. Der fünf Jahre jüngere Cousin habe immer wieder mal genervt. Wollte nicht zurück nach Bamberg fahren, dorthin, woher er eigentlich kommt. Der Jüngere wollte mit dem Älteren Playstation spielen, "cool" sein.

Der Ältere war aber genervt. Offensichtlich gab es schon längere Zeit ein Problem. Vor Jahren sei man mit den Eltern im Geburtsland Polen gewesen, dort habe man sich wegen einer Kleinigkeit gestritten, aus den Augen verloren. Nun trafen die Cousins wieder aufeinander. Der Ältere der beiden punktete durch sein Alter und durch seinen Computer. Der Jüngere war der sportlichere. Athletisch, kräftig.

Dieser habe den Beschuldigten immer wieder gefoppt. Das sei nichts Neues gewesen. Der Sachverständige vor Gericht sprach davon, dass der Angeklagte bei einem Gespräch während der Untersuchungshaft davon erzählt habe, dass er in der Schule gemobbt worden sei. Wegen seiner Sprache, weil er Pole sei. "Es ist sicher eine leichte Reifeverzögerung festzustellen", erklärte der Sachverständige. Aber keine Schuldunfähigkeit. Das sei eine "affektive Aufladung" noch nicht.

Aus Sicht des Angeklagten ist das die falsche Formulierung mit der "Aufladung". Es hatte Streit gegeben. Eigentlich wollte er mit seinem Freund und dem Cousin spielen, Weihnachten auf jugendfreundliche Art feiern. Er habe es nie gewollt, dass der Abend eskaliere. Doch irgendwie sei es dann zur zunächst verbalen Auseinandersetzung gekommen. Dann habe der Cousin ihm ins Gesicht geschlagen. Ein Arzt bestätigte das in der Nacht der Festnahme, dass mindest ein Schlag ins Gesicht gegangen sei.

Der Cousin habe ihn an seinem Pferdeschwanz festgehalten und den Kopf nach hinten gezogen. Wieder und immer wieder. Die Lösung des Problems habe vor ihm gelegen: Das neue Messer. Er habe es gepackt und...
...genau an dieser Stelle gehen die Meinungen auseinander. Er selber ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass er das Messer seitlich nach hinten geführt habe. Es hätte eine Drohung sein sollen, dass er so langsam keinen Spaß mehr verstehe. Der Staatsanwalt sieht diesen Akt mit dem Messer anders. Er habe nicht seitlich, sondern am eigenen Kopf vorbei, über die Schulter nach hinten gestoßen.

Der anwesende Zeuge schilderte diesen hohen Stich, der Verteidiger gibt an, dass dieser ungünstig auf der falschen Seite gesessen habe, um dies wirklich zu erkennen. Bei der Urteilsfindung spielte diese Variante letztlich aber keine Rolle. Wichtiger war, dass vom Zeugen angeführt wurde, dass der Angeklagte noch gerufen habe: "Du stirbst jetzt..."

Vorsatz? Oder ein unvollendeter Satz, wie der Verteidiger in seinem Plädoyer anführte. "Du stirbst jetzt, wenn Du nicht endlich aufhörst", habe der sich wehrende Cousin anführen wollen. Jedoch ging alles zu schnell. Es gab nicht mehr viel zu sagen. In der Version des Angeklagten, habe er nicht registriert, dass der jüngere Cousin so nah an ihm dran sei, dass der sich ausgerechnet im Moment der Messernutzung in die Richtung beugte, wo das Messer auf ihn zukam.

Innerlich verblutet

In der Version des Staatsanwaltes, war es ebenfalls die Nähe des Cousins zu seinem Vordermann, der in Richtung Computer schaute, da er durch das festgehaltene Haar fixiert gewesen sei. In beiden Fällen ist der Stich zwischen den Rippen bis zum Herzen vorgedrungen. Innerhalb kürzester Zeit ist der 15-Jährige innerlich verblutet. Die Angaben des Arztes sind unfraglich.

Fraglich waren die Worte des Angeklagten, fraglich, ob er "billigend" in Kauf genommen habe, dass er seinen Kontrahenten tödlich verletzen könnte. Der einzige Zeuge hatte nur den Tatvorgang beschrieben. Nüchtern - auch wenn es um einen Freund ging. Zumal dieser ja bereits in der Nacht die Tat zugegeben hatte. Er wollte noch helfen, habe die Wunde zugepreßt, damit das Blut zum Stehen komme. Erst der Vater habe ihn aus dem Zimmer geschickt mit den Worten "Ich kann Dich erst einmal nicht mehr sehen".

Einen Blick seines Neffen zu erlangen, versuchte hingegen der Vater des Getöteten. Immer wieder blickte er zu dem, der selbst weiterhin auf den Richter schaute. "Ich muss als Selbstständiger weitermachen, da haben Sie keine Zeit zu zerbrechen", hatte er gegenüber dem Gericht geäußert. Das trifft für ihn zu, nicht für seine Frau, die Tante des Beschuldigten.

Sie ist in teilstationärer Behandlung. Der Sohn war eine Stütze, denn er war das einzige Kind der Familie. Es hatte vor Jahren bereits den Schicksalsschlag gegeben, dass ein Schwesterchen bei der Geburt starb. Staatsanwalt Dominik Steinauer hatte in seinem Plädoyer sieben Jahre Jugendstrafe wegen Totschlags gefordert. Der Verteidiger, Holger Zebisch, hatte von fahrlässiger Tötung gesprochen und eine Bewährungsstrafe beantragt.

Jugendstrafrecht angewandt

Keinen Widerspruch gab es vom Kammervorsitzenden Dieter Weidlich, dass Jugendrecht angewandt werden müsse. Bei Erwachsenenstrafrecht hätten bis zu 15 Jahre Gefängnis gedroht. "Es war eine Tat, die stark zu bestrafen ist", führte der Richter aus. "Denn das Leben eines Menschens ist das höchste Rechtsgut, das wir kennen und mit unserem Recht schützen müssen." Das Urteil: Sechs Jahre, keine Bewährung, und die Hoffnung auf echte Reue. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.