Wenn Carola Engert ihren weitläufigen Garten in Weingartsgreuth betritt, dauert es in der Regel nicht lange, bis sich Jacky zu ihr gesellt und nicht mehr von ihrer Seite weicht. Jacky ist jedoch weder Hund noch Katze, sondern ein inzwischen ausgewachsenes Reh. Den Wald vor der Nase, zieht Jacky trotzdem freiwillig den Garten der Engerts vor.

Zwar nicht das ganze Jahr über, aber einige Monate macht das Reh das rund 3000 Quadratmeter große Grundstück am Waldrand in dem Wachenrother Ortsteil zu seinem Revier.

Nach zwei inzwischen erwachsenen Kindern ist Jacky für die 53-jährige Carola Engert zum "dritten Kind" geworden. In den vergangenen vier Jahren hat Carola zu dem Reh eine Beziehung aufgebaut, wie sie nur ganz selten zu finden ist.

Von einem Fuchs schwer verletzt

Ist das Reh gegenüber der Tierliebhaberin so zutraulich, weil es ihr sein Leben verdankt? Als etwa dreiwöchiges Kitz, das von einem Fuchs in die Nase gebissen worden war, brachte es der Jagdpächter - übrigens ihr Bruder - vor vier Jahren zu Carola Engert. Die ersten Tage im Wohnzimmer und dann in einem Schuppen wurde das junge Kitz aufgepäppelt - und es bekam den Namen Jacky.

Jacky ist bei den Engerts heimisch geworden und hat in der Wiese im Garten auch schon dreimal Junge zur Welt gebracht - einmal ein Kitz und zweimal Zwillinge. Derzeit sind in dem hohen Gras wieder zwei junge Kitze versteckt, die hier keine Angst haben müssen, von Mähgeräten erfasst zu werden. Im Oktober will sie Carola Engert in die freie Natur entlassen und ist aber sicher, dass die Mutter mit ihren Kindern immer mal wieder im Garten auftauchen wird. Angst, dass ihre Jacky sie einmal ganz verlässt, hat die Weingartsgreutherin nicht.

"Der Frau gehört ein Orden", findet der Jäger, Jagdpächter und Polizeibeamte Lorenz Schleicher. Er kennt in der Region niemand, der ein solches Gespür für Rehe hat und sich auch so intensiv um junge Tiere kümmert.
"Das Reh ist und bleibt aber ein Wildtier, du bringst es nie richtig zahm", sagt die Weingartsgreutherin. Ihr liegt es auch völlig fern, das Reh zum zahmen Haustier zu machen. So zutraulich Jacky gegenüber Carola Engert auch ist, ist es für sie doch kein Schmusetier. "Ich bin die einzige Person, von der sich Jacky so richtig anfassen und streicheln lässt", sagt Engert. Weder ihr Mann noch ihre Kinder können sich dem Reh im Garten so nähern. Gegenüber Fremden ist das Reh so scheu, wie schon das Sprichwort sagt.

Ein Leben in zwei Welten

"Jacky lebt in zwei Welten", berichtet Engert. Da ist einmal der Wald und die freie Natur und dann der Garten, in dem das Tier einen gewissen Schutz genießt. Engert: "Jacky kommt und geht, wann sie will." Entweder ist die Gartentür offen, oder Carola Engert lässt ihr Reh raus. Wenn möglich bekommt Jacky für die Ausflüge ein gelbes Band um den Hals, damit es von den Jägern verschont wird.

Tierliebhaberin Engert stammt aus einem Jagdpächter-Haushalt in Mühlhausen und hat sich früher schon um mutterlose Rehkitze gekümmert. Dabei hat sie die Erfahrungen gesammelt, die ihr jetzt zugute kommen.
"Man muss sich sehr viel Zeit nehmen, eineinhalb bis zwei Stunden täglich", sagt sie. Nur durch einen langen engen Kontakt verliert das Reh offensichtlich seine Scheu vor einem Menschen. Wer glaubt, schnell einmal ein solches Tier in seinem Garten halten zu können, wird kaum Erfolg haben.