Regisseur Reinhard Grasse, der auf für die Bühnenfassung der Vorlage von Peter Ott verantwortlich zeichnet, setzte den Akzent genau auf die Schnittstellen. Ein Mittel dafür war der zeitlos gestaltete Bühnenraum um den Altar - mit Säulen und Steinquadern. In diesem Rahmen konnten römische Soldaten genauso agieren wie die Gruppe der Manager mit Handy und Laptop.
Schon zu Beginn der ersten Sprechszene wurde das offensichtlich, standen sich doch links die Jünger in losen Gewändern und weißen Schultertüchern der nach heutiger Mode gekleideten Pharisäern gegenüber.

Unüberhörbar wurde das Anliegen im Epilog, wo Judas Ischkariot (Wolfgang Finger), der Hohepriester (Peter Ott), Pilatus (Peter Lorz), Petrus (Hansi Homburg) und Maria Magdalena (Tina Meier) auftraten und retrospektiv ihr Hoffen auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit bekundeten, aber zugleich ihr Handeln zu rechtfertigen versuchten: "Gut und richtig für den Augenblick", nannte der Hohepriester sein Tun. Pilatus erinnerte an faule Kompromisse, nur die Frau aus Magdala bekundete ihre Berührtheit von der Botschaft Jesu.


Jesus fordert Toleranz

Im Wortlaut der Bibel spricht Jesus (Lukas Schmid) nicht das Wort Toleranz aus. Im Spiel jedoch entgegnet er mit diesem Wort den hinterhältigen Fragen der Manager/Pharisäer, die auf Gerechtigkeit und Einhalten ihrer Spielregeln pochen.
Weit weg vom Historienspektakel mit realistisch-blutrünstigen Szenen ist der ganze Aufbau der Höchstadter Fassung. Die beliebte Massenszene des Einzugs in Jerusalem ist reduziert auf einen Tanz, bei dem vier Mädchen Jesus und seine Gruppe mit Palmwedeln die letzten Meter durchs Kirchenschiff zur Bühne geleiten.

Die verbale Auseinandersetzung zwischen den Etablierten und dem, der ihre Welt hinterfragt, nimmt mehr Raum ein als die aus den Stationen des Kreuzwegs vertrauten Episoden. Von ihnen blieb auf der Bühne das Geschehen am Ölberg und der Auftritt des Pilatus. Ihm, dem hier schön fränkelnden Römer, sind die Hintergründe, weshalb die Priesterschaft auf eine Verurteilung drängt, völlig unbegreiflich. Er gibt nach, um für sich Schwierigkeiten in Rom zu vermeiden, auch wenn ihn seine Frau (Edith Jager) davon abhalten möchte. Nach dem redensartlichen Hände-in-Unschuld-waschen wird Jesus abgeführt.

Sopranistin Corinna Schreiter führte das Spiel mit einem "Agnus Dei" weiter. Aus dem Off sprach ein "syrischer Flüchtling" von seiner Passion, ein "Langzeitarbeitsloser", dass er sich wie gekreuzigt fühle...

Das Bühnengeschehen setzt erst wieder mit den trauernden Jüngern ein, zu denen Maria Magdalena tritt und ihnen die Auferstehung verkündet. Das Spiel endet mit dem Gospel "Halleluyah", vorgetragen von Sonja Tonn. Die beiden Sängerinnen und Erzählerin Birgitt Stach gliederten und verbanden von Beginn an die Rückgriffe auf die biblische Vorlage mit kirchenmusikalischen und weltlichen Kompositionen.

Als Beispiel, wie sich Passionsdarsteller mit ihren Rollen identifizieren, nannte eingangs Dekan Kilian Kemmer den Roman "Griechische Passion" von Nikos Kazantzakis. Er schildert darin ein kretisches Dorf unter türkischer Herrschaft und ein Passionsspiel, in dem sich der Hirte Manoli mit der Rolle des Jesus identifiziert und sich für gestrandete kleinasiatische Flüchtlinge einsetzt. Diesen Appell an die Menschlichkeit schrieb der Autor 1948 und musste wegen der Darstellung des Dorfpriesters viel Ablehnung durch die orthodoxe und die katholische Kirche einstecken.


Kritik bleibt im Historischen

Solche Gefahr droht der Höchstadter Version nicht, lehnen sich doch die Passagen um den Hohenpriester nah an die biblische Vorlage an und lassen ihn, assoziiert durch die historisierende Kleidung, in der römischen Provinz Judäa. Ohne offensichtlich zu machen, dass sein Agieren auch von so manchem Firmenchef oder sonstigem Machthaber praktiziert wird.