Die Bewährungsprobe als Kapitän hat Steffen Weinhold bereits vor Ende der Handball-Europameisterschaft bestanden. Trotz Gehirnerschütterung und eines Zahnschadens, die er sich bei der Auftaktniederlage gegen Spanien am Samstag zugezogen hatte, meldete er sich für die zweite Begegnung der Deutschen am Montag gegen Schweden (27:26) einsatzbereit, warf sogar fünf Tore.

Der Spanier Maqueda hatte Weinhold aus Nahdistanz bei einem direkten Freiwurf den Ball an den Kopf geworfen und die Rote Karte gesehen. "Was danach auf dem Spielfeld passiert ist, habe ich nicht mitbekommen", sagte der deutsche Kapitän der deutschen Presse-Agentur.

Dass Weinhold aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Uwe Gensheimer in die Spielführer-Binde schlüpfte, ist nur ein kleiner Makel in der Karriere des Franken. Mit 29 Jahren ist er im besten Handballer-Alter. Bei den Bundesligisten Nordhorn-Lingen und Flensburg-Handewitt ist der Linkshänder hinter Holger Glandorf zu einem Rückraumspieler internationaler Klasse gereift. Seit 2008 bestritt er 84 Länderspiele. Weinhold ist ein ruhiger Akteur, der auch auf dem Spielfeld selten aus sich herauskommt. Er ist nicht der typische Shooter aus dem Rückraum, sondern tankt sich eher kraftvoll durch die gegnerische Abwehr.


Hohe Akzeptanz in der Mannschaft

Weinhold gehörte bereits vor der EM zum Mannschaftsrat. "Steffen war hinter Uwe der zweite Kapitän und dessen rechte Hand. Er ist ein Führungsspieler. Außerdem ist er erfahren und hat in der jungen Mannschaft eine hohe Akzeptanz", erklärte Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Weinholds Stellvertreter ist der Würzburger in Diensten des VfL Gummersbach, Carsten Lichtlein (35), der sich im deutschen Tor mit Andreas Wolff abwechselt.

Rückblende: Weinhold spielte bereits mit 17 beim HC Erlangen in der 2. Liga. Bevor Frank Bergemann 2007 dort das Traineramt übernahm, war Weinhold als gerade 21-Jähriger in die Gespräche eingebunden. "Damals ist der Verein noch davon ausgegangen, dass er bleibt", erinnert sich der 59-jährige Erlanger, der vergangene Woche Trainer des Bundesligisten Balingen-Weilstetten wurde. Doch Weinhold wechselte zur Saison 2007/2008 nach Nordhorn.

Die wenigen Wochen reichten Bergemann, um gut acht Jahre später festzustellen: "Für mich ist es keine Überraschung, dass er Kapitän wurde. Er hat jede freie Sekunde zum Trainieren genutzt, seine Karriere konsequent vorangetrieben und sich kontinuierlich entwickelt.


Mannschaftsarzt gibt grünes Licht

Zusatztraining, das "Raffi" - sein Spitzname - auch körperlich nutzt. Dank seiner starken Muskulatur konnte Weinhold auch gegen Schweden auflaufen. "Er hat keine Kopfschmerzen, sieht keine Doppelbilder und hört gut", hatte Mannschaftsarzt Kurt Steuer vor der Partie am Montag gesagt. Und auch der Kapitän selbst gab grünes Licht: "Es geht mir wieder gut."

Die Disziplinarkommission der Europäischen Handball-Föderation (EHF) entscheidet noch über eine Sperre. Der DHB bewies Fairplay: Er hat sich in einem Schreiben gegen die Bestrafung Maquedas ausgesprochen. Der Spanier hatte sich bei Weinhold entschuldigt. "Er kam hinterher nochmal zu mir. Für mich ist das gegessen", sagte der Kapitän.

Lob für seine neue Rolle bekam Weinhold auch von seinem Vorgänger, dem wegen Wadenproblemen und einer Reizung der Achillessehne ausgefallenen Gensheimer. "Raffi ist ein mehr als würdiger Vertreter", schrieb der Linksaußen der Rhein-Neckar-Löwen, der zum Daumendrücken in die Halle gekommen war, auf Facebook. Weinhold, der seine Premiere als Spielführer am 5. Januar im Test gegen Tunesien feierte, erklärt: "Es macht mich stolz, aber es ist nicht das Entscheidende. Jeder muss seinen Teil für einen Erfolg beitragen."


Große Erfolge

Nach zwei Jahren bei der HSG Nordhorn, mit der Weinhold den EHF-Pokal gewann, zog es ihn zurück nach Franken, zum TV Großwallstadt, von wo er 2012 zur SG Flensburg-Handewitt wechselte. Mit dem Champions-League-Titel verabschiedete er sich 2014 zum THW Kiel, mit dem er vergangenes Jahr zum ersten Mal deutscher Meister wurde.

Ob es schon zum ersten Titel mit der Nationalmannschaft reicht? Das Verletzungspech könnte den Nachfolgern der Wintermärchen-Generation von 2007 einen Strich durch die Rechnung machen. "Es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn noch mehr Spieler ausgefallen wären", sagte Weinhold angesichts der Ausfälle von Gensheimer, Patrick Groetzki, Patrick Wiencek, Michael Allendorf und Paul Drux. Aber "wir fühlen uns in Polen wohl als Außenseiter", meint der fränkische Kapitän. mit dpa


Führende Franken:

Der in Erlangen geborene und in Herzogenaurach aufgewachsene Lothar Matthäus führte Deutschlands Fußballer 1990 in Italien als Kapitän zum dritten Weltmeister-Titel. Der damals 29-Jährige heimste im selben Jahr die Preise als Deutschlands und Europas Fußballer des Jahres ein und ist bis heute der einzige deutsche Weltfußballer des Jahres.

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking fungierte der Würzburger Dirk Nowitzki als deutscher Flaggenträger. Zwar wurde er mit den Basketballern nur Zehnter, doch seine Qualitäten als sportlicher Anführer hatte er da längst unter Beweis gestellt. Sowohl beim dritten Platz bei der WM 2002 in Indianapolis als auch beim Vize-Europameister-Titel 2005 in Serbien und Montenegro wurde der heute 37-Jährige zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt.

Nur im Bobfahren ist ein deutscher Sieg wahrscheinlicher als im Hockey. Dennoch war der Olympiasieg 2012 in London für den Nürnberger Maximilian Müller ein großer Erfolg. Als Kapitän war der 28-Jährige maßgeblich am 2:1-Sieg gegen die Niederlande und der Wiederholung der Goldmedaille von 2008 beteiligt. 2009 wurde er Vize-Europameister, 2010 Vize-Weltmeister.