12:0, 0:10, 4:0: Was wie ein Zahlenpuzzle anmutet, ist die punktemäßige Fieberkurve der Bayernliga-Handballerinnen der Turnerschaft Herzogenaurach nach der Vorrunde 2012/2013. Auf sechs Siege folgten fünf Niederlagen. Erst an den letzten beiden Spieltagen daheim gegen den 1.FC Nürnberg sowie bei Garitz/Nüdlingen warf das Team von Trainer Udo Hermannstädter den Anker und stoppte mit zwei in puncto Engagement und Zusammenhalt beispielhaften Kraftakten ein weiteres Abrutschen.

Das Auf und Ab erinnert stark an die vorangegangenen Jahre, als ebenfalls die Unbeständigkeit der Mannschaft das Beständigste war. Leider wurde dann in der Rückrunde fast durchgängig Magerkost geboten, fern von dem, was dieses Team eigentlich im Stande ist zu leisten. Warum das auch heuer so ist, versuchen Abteilungsleiterin Christine Odemer, Trainer Udo Hermannstädter, Mannschaftsführerin Andrea Berner sowie Neuzugang Viktoria Egle näher zu beleuchten.


Unterschiedliche Prioritäten

Im Gegensatz zu Tabellenführer Gröbenzell, der laut Viktoria Egle von Beginn an die Meisterschaft im Visier hatte, wollte die TSH "so gut wie möglich mitspielen", erklärte Andrea Berner die Herzogenauracher Ziele. Alle waren sich einig, dass die Herzogenauracherinnen allein schon wegen der vielen guten Akteure Mitfavorit sein könnten. Doch dies sei der Knackpunkt.

Einige im Team möchten mit entsprechendem Aufwand durchaus um den Titel spielen, andere sind zumindest nicht abgeneigt, möchten aber nicht auf gewisse Freiheiten verzichten, was die ungenügende Trainingsbeteiligung und ständig wechselnde Aufstellungen belegen. Hermannstädter gab zu verstehen, dass es ihm zunehmend schwer falle, dies zu akzeptieren. Auf den Einwand hin, dass jede Spielerin vor dem Saisonstart wisse, was auf sie zu kommt und welche Verpflichtungen sie eingeht, meinte der Coach, dass man "auch auf die individuellen Belange und die der Angehörigen von Spielerinnen Rücksicht nehmen muss".

Andrea Berner gab zu erkennen, dass es mit etwas mehr Geschlossenheit noch deutlich besser laufen könnte. Die Abkehr von der Inanspruchnahme individueller Prioritäten sei aber unter den herrschenden Hobby-Bedingungen wohl nicht einzufordern. Interessant, was Viktoria Egle diesbezüglich von ihrem Ex-Verein Gröbenzell berichtete: "Abgesehen von unabdingbaren Verpflichtungen im Beruf gab es dort diese Probleme nicht, weil die Spielerinnen in einem Selbstreinigungsprozess mit viel Druck untereinander dafür sorgen, dass die selbst gesteckten Ziele immer ganz oben stehen, da brauchen Vorstand und Trainer nicht eingreifen."

Natürlich war auch die Verletzungswelle in den letzten Wochen mit bis zu sieben Ausfällen gleichzeitig ein weiterer Grund für die Schwankungen. Egle erinnerte daran, dass die Gegner am Anfang etwas leichter waren und von den sechs Siegen vier in eigener Halle geholt wurden. Berner kritisierte zudem, dass die TSH sich beim Aufsteiger Zirndorf bei der ersten Saisonniederlage rundum schlecht präsentierten. "Danach ist die Sicherheit abhanden gekommen."


Eine echte Herkulesaufgabe

Für die Rückrunde hofft die Mannschaftsführerin, dass ihr Team etwas konstanter auftritt, doch da ist schon wieder die Verletzungsfrage ein großes Problem: Nach dem Kreuzbandriss bei Torhüterin Martina Ebersberger, mit deren Rückkehr in dieser Saison keinesfalls gerechnet werden kann, tut sich im Gehäuse der TSH ein Vakuum auf.

Hermannstädter vertraut auf Franziska Scheidler und Ellen Mauritz. Aber Letztgenannte ist nach zahlreichen Verletzungen in ihrer so glorreichen Laufbahn für ein kontinuierliches Training einfach nicht mehr belastbar. Und Scheidler fehlt für einige Wochen wegen einer Knöchelverletzung. Nirgendwo ist ein exzellenter Torwart wichtiger als im Hallenhandball - das Probelm zu bewältigen wird also auch für Hermannstädter eine Herkulesaufgabe.

So klingen die Erwartungen dann auch zurückhaltend. Christine Odemer ist zuversichtlich, dass die Mannschaft sich an den beiden letzten Erfolgen aufrichten wird. Berner hofft, dass man mit der zuletzt gezeigten Moral wieder vermehrt positiv überraschen werde. Egle, die sich bei ihrem Wechsel "etwas mehr erhofft" hatte, erwartet ein noch besseres Zusammenspiel, sofern dies auch im Training geübt werde: "Dann können wir auch weiter oben stehen."


Viel Zuspruch in der Halle

Hermannstädter war mit dem bisherigen Abschneiden gemessen am Potenzial unzufrieden: "Wir müssen uns manchmal fragen, ob das Bayernliga-Handball ist, was wir bieten." Nach der Zirndorf-Pleite sei in den Köpfen der Spielerinnen eine Blockade entstanden, die zuletzt nur über den Teamgeist zu knacken war. "Wir sind in der Breite recht stark, aber das bringt uns nicht weiter, wenn wir jedes Wochenende eine andere Mannschaft aufs Feld schicken müssen", betonte Hermannstädter.

Erfreut zeigten sich die TSH-Vertreter über den zahlreichen Zuspruch in der Halle, auch wenn man sich von den Zuschauern noch etwas mehr lautstarke Schützenhilfe wünscht. Das wäre in den nächsten Monaten von großer Bedeutung, denn abgesehen vom Torwartproblem gibt es da auch noch die eklatante Harmlosigkeit bei Distanzwürfen. Seit dem Abgang von Tina Müller im Februar 2011 (Schwangerschaft) muss man auf einzelne Rückraumerfolge von Standby-Spielerin Birte Köbberling, die in der Not immer wieder aushilft, oder aber von Nadja Müller-Tegel hoffen, die nach langer Pause jedoch zunächst andere Schwerpunkte im Spiel der TSH setzt.

Praktisch jeder Gegner stellt inzwischen eng gestaffeltseine Abwehr auf, um die fast identischen Durchbruchversuche von Egle, Berner und Bestle zu verhindern, beziehungsweise die starken Kreisläuferinnen Mergner und Schorradt nicht ins Spiel kommen zu lassen. Es wird also noch eine stressige Rückrunde für das Hermannstädter-Team.