Wohl kaum ein Fußballer hat ihn nicht: Den Traum vom ganz großen Durchbruch am runden Leder. Diesem Traum ist Timo Goldammer Mitte Juni ein beachtliches Stück näher gekommen. Dem 18-jährigen Erlanger gelang mit seiner A-Jugend der Aufstieg in die Juniorenfußball-Bundesliga. Ein großer Schritt, der enorm hartes Training und außergewöhnliches Engagement gefordert hat. Ein Schritt, der auch im kommenden Jahr einiges vom U19-Kapitän des FC Carl Zeiss Jena abverlangen wird.
Ein ganz gewöhnlicher Tag im Jenaer Sportinternat beginnt für Timo Goldammer um 6.30 Uhr: Aufstehen, Anziehen, Vorbereiten auf einen anstrengenden Tag. Denn bereits eine halbe Stunde später steht das gemeinsame Frühstück mit den Mannschaftskollegen an, ehe er den Schulunterricht im benachbarten Sportgymnasium besucht. Doch bereits um 10 Uhr ist vorerst Schluss mit Mathe, Deutsch und Englisch. Denn dann steht Fußball auf dem Stundenplan. Etwas mehr als zwei Stunden lang trainiert Goldammer dann im Rahmen des offiziellen Unterrichts mit seiner Mannschaft, um 12.45 Uhr geht es wieder zurück ins Klassenzimmer.
Kaum ist die Schule vorbei, führt der nächste Weg erneut auf den Bolzplatz. 16 Uhr: Vereinstraining im Nachwuchs-Leistungszentrums des FC Carl Zeiss Jena. Erst nach dem gemeinsamen Abendessen mit seiner Mannschaft im Internat hat der 18-Jährige dann wieder Zeit für sich. Denn ab 19 Uhr bleiben die Fußballschuhe endgültig stehen und die Schultasche vorerst verschlossen.

Schule und Sport - das klappt


"Doch, man hat schon noch genügend Zeit für sich. Also es ist nicht so, dass man keine freie Minute mehr findet, um mal ins Internet zu gehen oder mal Playstation zu zocken", erzählt der Mittelfeldregisseur der Jenaer U19-Mannschaft. Außerdem mache es die "sensationelle Kooperation zwischen Schule und Sport" den Nachwuchskickern möglich, reibungslos beides unter einen Hut zu bekommen.
Für den leidenschaftlichen Fan von Borussia Dortmund lief es zumindest im Sportinternat nicht immer so reibungslos wie momentan. Mit fünf Jahren nahm ihn sein älterer Bruder Tobias mit ins Fußballtraining. Früh bemerkte Timo seine Leidenschaft für das runde Leder und stieg beim FSV Erlangen-Bruck ein. Auf einem Hallenturnier entdeckten dann Scouts des 1. FC Nürnberg den Mittelfeldmotor und überzeugten ihn schon in der D-Jugend, nach einem Probetraining zum Club zu wechseln.
Obwohl der Erlanger dort anschließend sportlich gesehen nie Fuß fasste und nach einem Jahr wieder auf Vereinssuche war, betrachtet er seine Zeit bei Nürnberg rückblickend nicht als Fehler: "Ich habe eine Menge Erfahrung gesammelt. Zum Beispiel habe ich dort gegen Teams wie den PSV Eindhoven gespielt."

Entscheidung brauchte Zeit


Danach kehrte der Youngster zu Bruck zurück. Doch schon in der C-Jugend machte Goldammer einen anderen Topverein auf sich aufmerksam: Der aktuelle Drittligist Carl Zeiss Jena hatte seine Fühler nach dem Spielmacher ausgestreckt und ihn anschließend bei Ligaspielen beobachtet. Der direkte Kontakt kam dann allerdings eher zufällig auf dem Bolzplatz zu Stande und "ich war drei Mal auf Probetraining in Jena", erzählt Goldammer.
Doch der Youngster musste mit sich ringen. Fast ein halbes Jahr lang ließ er sich Zeit, um sich Gedanken über seine Zukunft zu machen. Unterstützt wurde er dabei immer wieder von seiner Familie. Im Juli 2010 fiel dann endgültig die Entscheidung, nach Jena zu ziehen. Diese hatte weit reichende Konsequenzen: "In den ersten Wochen hatte ich eine Menge Probleme. Mit 15 Jahren war ich komplett alleine mit lauter Fremden, hatte meine Freunde und Familie zurückgelassen und war auf mich allein gestellt. Da habe ich dann jeden Tag mit meiner Mutter telefoniert und mir war klar: Länger als ein Jahr mache ich das hier nicht mehr mit", gibt Goldammer schmunzelnd zu.

Diskussionen mit dem Bruder


Doch mit dem Ziel, den Sprung in die Bundesliga zu schaffen, fand der aufgeschlossene Jugendliche im Laufe der Zeit immer mehr Halt in seiner Wahlheimat. Mittlerweile kehrt Timo nur jedes zweite Wochenende nach Erlangen zurück, besucht Familie, Freunde und Freundin. Dass dabei jedoch oftmals wieder der Fußball an erster Stelle steht, hat er seiner sportfreudigen Familie zu verdanken. Denn an Wochenenden läuft Bundesliga im Hause Goldammer. Und wenn dann noch Timos Dortmunder auf den FC Bayern München, den Lieblingsverein seines Bruders, treffen, steht Diskussionen nichts mehr im Wege. "Tobias ist ein guter Fußballer, aber leider Fan vom falschen Verein", lächelt der jüngere Bruder Timo.
Auf dem Feld läuft aktuell alles rund bei Timo Goldammer. Nun macht sich der Sportgymnasiast, der seinem letzten Schuljahr entgegenblickt, aber auch um seine Zukunft abseits des Rasens Gedanken. "Viele Clubs bieten jungen Fußballern ja einen Vertrag und zusätzlich noch eine Ausbildung an. Das wäre auch interessant für mich. Falls das mit dem Profifußball nicht klappen sollte, würde ich wohl wieder nach Erlangen zurückkehren und hier irgendwo kicken. Aber Aufhören kommt für mich nicht in Frage."
Zwar könne sich der Leistungsträger der A-Jugend auch vorstellen, bei Carl Zeiss Jena zu bleiben, allerdings bestehe bislang kaum Kontakt zu den Verantwortlichen. Seinen Traum, eines Tages Seite an Seite mit seinem Lieblingsfußballer Marco Reus beim BVB zu spielen, hält er indes für unrealistisch. Trotzdem schiebt Goldammer nach dem Training Extraschichten, um dem Profigeschäft noch näher zu kommen und an seinen Schwächen zu arbeiten.

Der Spaß steht im Vordergrund


Timos Vorsatz für seine letzte Spielzeit in der Jugend-Bundesliga fällt allerdings bescheiden aus: "Meiner Meinung nach werden wir um den Klassenerhalt kämpfen müssen." Doch in der Truppe um Kapitän Goldammer steckt Potenzial - das zeigte der erste Spieltag: Zwar musste sich die U19 durch einen Gegentreffer in der Nachspielzeit dem FC St. Pauli mit 0:1 geschlagen geben, lieferte aber ein gutes Spiel ab.
Vor Timo Goldammer liegt also noch eine Menge Arbeit, um seinen Traum vom Sprung in das Profigeschäft zu verwirklichen. Doch das ist nicht schlimm für den 18-Jährigen: "Es soll ja auch Spaß machen. Und wenn einem etwas Spaß macht, dann betrachtet man das auch nicht als Arbeit."