"Der tragische Tod von Susan Taylor berührt mich, wird aber an meinem Entschluss, zu starten, nichts ändern. Ich werde, wie es die anderen Kanalschwimmer jetzt auch tun, Susan mein Schwimmen widmen", sagt Peter Hücker tief berührt über den Tod der Schwimmerin beim Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Die junge Britin erlitt einen Herzinfarkt, alle Wiederbelebungsmaßnahmen kamen zu spät: "Sie hat wie alle Schwimmer, ihre Fähigkeiten im kalten Wasser zu schwimmen mit einem Sechs-Stunden Schwimmen bei Temperaturen unter 16 Grad Celsius bewiesen und hatte auch alle notwendigen medizinischen Untersuchungen - die Voraussetzung, überhaupt zum Start zugelassen zu werden", hebt der Igensdorfer Judotrainer hervor, der selbst schon zwei Mal versuchte, den Ärmelkanal zu durchschwimmen.
Sicher muss man gut vorbereitet sein. Der Ärmelkanal ist nicht irgendeine Wasserstraße, sondern die dicht befahrenste der Welt. "Etwa 500 Ozeanriesen, teils so hoch wie ein zehnstöckiges Haus, kommen alle zehn Minuten", erinnert sich Peter Hücker an seine beiden Versuche. Er sieht sich als "Wiederholungstäter", nur leider nicht so erfolgreich wie gerne gehabt. "Beim ersten Mal war ich körperlich nicht so gut vorbereitet, beim zweiten Mal scheiterte es am Geist", erzählt er trocken und hofft nun, beides ausreichend gut trainiert zu haben, wenn er zwischen dem 29. Juli und dem 6. August seinen dritten Versuch startet. Wenn das Wetter passt.

Startzeitpunkt? Völlig ungewiss

Die starke Strömung ist die Hauptunbekannte im Ärmelkanal, dessen Gezeiten deshalb nicht gleich ausfallen. Wenn Peter Hücker Pech hat, ist das Wetter so schlecht, dass er überhaupt nicht antreten kann. Den Termin nannte ihm die Organisation in Großbritannien. "Es gibt zugelassene Boote. Maximal zwölf sind an einem Tag gleichzeitig zugelassen", erklärt er. Denn er muss einen Vertrag mit den Bootseigentümern oder Pächtern schließen, die Gebühren zahlen, um dann für dieses Einzelschwimmen zugelassen zu werden.
Im Boot, das den Schwimmer bei seiner Route begleitet, sind die wichtigsten Leute. Der Kapitän, der Pilot und speziell ausgebildete Bootsführer eben, zwei Observer, Beobachter und Peter Hückers Team (Ehefrau Monika, Helene und Peter Drewicke, Detlef Ebel und dessen Freundin Silvia Link). Sie vertreten seine Interessen, versorgen Hücker mit Nahrung. "Mein Freund hat ein Gestänge gebaut", erzählt der Igensdorfer Peter Hücker. Auf diesem Gestänge wird ihm ein Getränk gereicht. Er nimmt es und trinkt davon, das dauert zwischen sieben und fünfzehn Sekunden Zeit, erzählt er weiter. Aber das Team schaut ununterbrochen auf den Schwimmer. Wo ist er? Schwimmt er noch richtig? Das sind die Fragen. Schwimmt er zu weit weg, folgt ein Trillerpfeifenkonzert. Er ist sicher, dass ihm so nichts passiert.

Panik im Wasser

Doch wie wichtig das Team im Begleitboot wirklich ist, hat er bereits bei seinem ersten Versuch 2009 bemerkt. "Es kam Nebel auf und ich spürte Panik und als erste Gedanken fragte ich mich, was ist, wenn sie dich nicht mehr sehen?", schildert Hücker diese Empfindungen. Eine der Hauptgefahren für Hücker ist Hypothermie, also die Unterkühlung. "Das bekommt man selbst nicht richtig mit. Sie beobachten dann, ob die Schulter blau wird und stellen Fragen, um zu erkennen, ob man noch vernünftig antworten kann", erklärt Hücker, der dieses Mal freiwillig nicht aus dem Wasser möchte. Doch: "Der Kapitän hat das letzte Wort. Keiner von den Schwimmern widersetzt sich den Anweisungen des Kapitäns in Zusammenarbeit mit dem Observer der Organisation." Auch Susan Taylor hätte das nicht getan, fügt er an und verdeutlicht: "Die Channel Swimming Organisation bestätigt, dass Extremschwimmen dieser Art an die Grenzen der Belastbarkeit geht und in Extremsituationen zum Tode führen kann."
Ein Risiko besteht, Hücker hat aus diesem Grund bereits zwei Versuche abgebrochen. "Kevin Murphy, der Secretary der CS&PF hob hervor, dass in den letzten 150 Jahren nur sechs Schwimmer bei oder kurz nach dem Versuch den Ärmelkanal zu durchschwimmen, verstarben. Ein geringer Prozentsatz bei geschätzten 10 000 Versuchen", erzählt Hücker. Seinen ersten Versuch brach er ab, da sich genau am Schwimmtag die Tide gedreht hat, sodass er versetzt wurde und in zehn Kilometer Abstand parallel zur französischen Küste geschwommen ist. "Vielleicht hätte ich es noch schaffen können", meint der 56-Jährige rückblickend. Doch nach 15 Stunden schwimmen und weiteren zehn Stunden, die er noch Pi mal Daumen hätte schwimmen müssen, schlug er am Boot an. Das war das Aus. Dass er dieses Ziel unbedingt erreichen möchte, liegt in seiner Jugend: Als 15-Jähriger lag er sechs Wochen im Krankenhaus, die Wade in "15 Teile" zerlegt, sodass er geschient werden musste. Ein Arzt meinte, es sei ohnehin fraglich, ob er je wieder laufen könne. "Hier setzte ich mir zehn Ziele, die ich in meinem Leben erreichen wollte und auch eines, sollte ich nicht mehr laufen können", erzählt der Igensdorfer Judotrainer, der aus Berlin stammt. Doch als er am Jugendschwimmschein scheiterte, legte er das Vorhaben Ärmelkanal weit weg. Erst im Jahr 2001, als Hücker den Jakobsweg pilgerte, verspürte er viel Kraft in den Beinen, trainierte weiter, auch Marathon und Ultramarathon, schließlich Triathlon, um sich dann 2009 doch in den Ärmelkanal zu trauen.
2008 beobachtete Hücker in Dover die Ärmelkanalschwimmer vor Ort. "Das ist ein hartes Völkchen", meint er und schließlich wies man auch ihn an, eine Stunde zu schwimmen. 18 Grad kalt war das Wasser und er stand zitternd abseits, als man ihn nach dieser Stunde nochmals aufforderte, zu schwimmen. "Wenn du nicht reingehst, dann schafft du den Ärmelkanal nie", erinnert sich Hücker an sein inneres Zwiegespräch. Damals lernte er Andy King, den Fischer kennen, mit dem er fährt; das war auch der Punkt, wo er mit der erfahrenen Trainerin Freda Streeter bekannt gemacht wurde. Sie leitet das Training seit 40 Jahren und trägt den Spitznamen "Channel General", im positiven Sinne. Seit September vergangenen Jahres nahm Hücker an drei Schwimmseminaren teil, gewöhnt sich seit April mit dem Kaltwasserschwimmen an die Temperaturen im Ärmelkanal und fährt seit Mai jedes zweite Wochenende nach Dover, um mit den anderen zu trainieren.
Das Schwimmen bezahlt er selbst, spendet pro Kilometer drei Euro an eine Einrichtung für geistig Behinderte in Hilpoltstein und unterstützt, dass Behinderte an Paralympics teilnehmen können.
Übrigens kann jeder seinen Aufbruch live im Ticker mit verfolgen (siehe Infokasten). Vor allem den Startschuss, der bereits nach bestimmten Regeln verläuft: Hücker springt ins Wasser und dann ans Ufer von England. Man muss ganz außen sein. Mit der Sirene vom Boot beginnt die Zeit. 17 bis 18 Stunden, wenn alles gut geht. Aber: "Ich bin auch bereit, den Rekord fürs längste Schwimmen (28,45 Stunden) zu brechen", fügt Hücker an, der aber auch schon froh wäre, überhaupt anzukommen.