"Wir brauchen Dich unbedingt für die Mannschaftswertung", setzt mich die Läuferfrau unter Druck, die neben drei weiteren Mitgliedern des Langstreckenteams des FSV Großenseebach für den siebten Kapellenlauf gemeldet ist. Fehlt also nur noch einer für die Fünfer-Mixed-Mannschaft. Am Samstag erst beim BLV-Cup in Indersdorf am Start, wollte ich am Sonntag mein Team neben der Strecke unterstützen und pausieren. Doch ihr ahnt, was passiert ist: Sonntag, 9 Uhr, Vorra. Der Querläufer steht an der Startlinie des Halbmarathons. Auf keinen Fall werde ich 100 Prozent laufen. Nicht, dass der Querläufer blindlings in die nächste Verletzung hineinrennt.

Einfach so mitjoggen geht gar nicht. Die Scheßlitzer und die Kemmerner sind da. Kneifen gibt's nicht! Die Läuferfrau erhöht den Druck. Ungeduldiges Gemurmel vor dem Startschuss. Unruhig wie eine Horde von Wildpferden stehen sie da. Das Startsignal macht sozusagen das unsichtbare Gatter auf und die Herde stürmt nach draußen. Jeder auf der Jagd nach der neuen Bestzeit. Was uns bei der Arbeit stört, machen wir in der Freizeit freiwillig. Wir jagen der Uhr hinterher. Eine neue Halbmarathonbestzeit hat hier sowieso keiner zu erwarten. Der Kapellenlauf hat einige Höhenmeter vorzuweisen. Das scheint hier aber niemanden zu stören. Nur der Querläufer trabt langsam los. Als letzter im Feld klatscht er noch eines der Kinder am Straßenrand ab.

Das Feld zieht sich in die Länge. Die Stille wird vom Getrappel der Laufschuhe und vom Hecheln der Atmung unterbrochen. Dabei wusste selbst Till Eulenspiegel schon, dass Zeitdruck die Ergebnisse verschlechtert. Stichwort Ochsenkarren. Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Holzfäller, der keine Zeit zum Schärfen der Axt hat? Warum? Er muss weiter Bäume fällen.

Jedem ist klar: Bei Zeitnot lässt die Sorgfalt nach. Die Fehlerquote wird größer. Macht nix. Dann arbeiten wir eben noch schneller. Damit gleichen wir die Fehlerquote aus. Den Querläufer stört das heute nicht. "Jetzt bist du ja immer noch da. Schau' bloß, dass du nach vorne kommst." Olli Kahn lässt grüßen: Dieser Druck, immer dieser unglaubliche Druck.

Gemütlich lasse ich es angehen. Doch schon nach wenigen Kilometern läuft es wie von selbst. Mit Druck geht nichts, aber heute läuft es wie geschmiert. An der ersten Verpflegungsstation bei Kilometer 4 verabschiede ich mich von der Läuferfrau. Das ist heute ein Läufertag, wie man ihn selten hat. Es rollt. Langsam schiebt sich der Querläufer nach vorne. Trotzdem lasse ich mich nicht unter Zeitdruck setzen, sondern genieße die Landschaft. Überall Zeitdruck. Jeder vierte Student bricht das Studium ab, bei Mathe ist es sogar jeder zweite. Fürs Abitur gibt es auch keine neun Jahre mehr, sondern nur noch acht. Ein ganzes Jahr gespart.

Vorbei an Wiesen und Feldern, durch den schattigen Wald und in den Nachbarort. Blauer Himmel, jedoch angenehm frisch, ein Läuferfest. Und es rollt und rollt. Es gibt Tage, da läuft es sich wie von selbst. Aber weit entfernt vom Wettkampfpuls. Ohne Druck pflügt der Querläufer durchs Teilnehmerfeld nach vorne. Hier am Waldausgang ist es letztes Jahr passiert.

Und wer gedacht hat, unter Druck leidet noch etwas ganz anderes, nämlich die Hilfsbereitschaft, den muss ich eines Besseren belehren. Lauffreund Rudi warf hier letztes Jahr jegliche Laufziele über den Haufen, kümmerte sich um einen dehydrierten Läufer, bis ein Streckenposten kam. Blauer Himmel, Sonnenschein. Der Querläufer schwebt dem Ziel entgegen. Die Zeit ist heute egal. Hören wir auf, nach Uhren zu suchen, die schnell gehen. Benutzen wir lieber Uhren, die richtig gehen. Hören wir auf unsere innere Uhr. Nehmen wir uns wieder Zeit. Wie hieß es doch einst? Gut Ding will Weile haben.

Run happy and smile!
Euer Querläufer