So ganz ist die Saison für Martin Grau noch nicht beendet. Über die 3000 Meter möchte der 23-jährige Biengartener vor der Vorbereitung auf die Hallensaison noch einmal eine Topzeit hinlegen. "Einfach nur für mich", erklärt er. Doch beweisen müsste er sich spätestens seit den Rennen des vergangenen Monats nichts mehr: Nach Platz 4 bei der Team-Europameisterschaft Ende Juni in Russland folgten über die 3000 Meter Hindernis erst die Goldmedaille bei der Universiade (Studenten-WM) im südkoreanischen Gwangju und schließlich der Titel bei der deutschen Leichtathletik-Meisterschaft in Nürnberg.

Im Interview erklärt der Sportsoldat, weshalb es trotzdem nicht für die WM-Norm reichte, wie die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 gelingen soll, und weshalb die Staffel für ihn etwas ganz Besonderes ist.

Bei den Staffelmeisterschaften in Jena hat der LSC Höchstadt am Wochenende über die 3x1000 Meter die Bronzemedaille nur knapp verpasst. Was überwiegt mehr, die Enttäuschung über den undankbaren vierten Platz oder die Freude über die Zeit, die immerhin einen neuen Vereinsrekord bedeutete?
Martin Grau: Wir sind auf keinen Fall enttäuscht. Wir sind ein kleiner Verein, und es ist uns gelungen, uns in der Riege der großen Vereine gut zu positionieren und sogar eine Mannschaft wie den TV Wattenscheid hinter uns zu lassen. Das hätte vorher keiner erwartet. Unsere Taktik, mit einem Vorsprung auf die letzten 1000 Meter zu gehen, ist zwar nicht aufgegangen, dennoch können wir zufrieden sein. Auch wenn wir in einer anderen Reihenfolge gelaufen wären, hätte das wahrscheinlich nichts geändert. Mehr konnten wir nicht geben, und daher war Platz 4 absolut in Ordnung. In den nächsten Jahren können wir vielleicht noch um die zwei Sekunden mehr rausholen.

Eigentlich ist die Leichtathletik eine Einzelsportart. Wie ist es da, als Team anzutreten?
Es ist etwas völlig anderes - und es gefällt mir richtig gut. Mittlerweile ist es wirklich zu einer echten Teamsportart geworden. Zwar rennt jeder für sich, aber ich bin froh, dass ich ein Team habe. Gerade in der Staffel will sich niemand die Blöße geben und gibt noch einmal ein paar Prozent mehr. Gerade wenn man ein gutes Ergebnis erzielt hat, macht es besonders viel Spaß. Keiner muss am Ende enttäuscht in der Ecke liegen, da jeder am Erfolg beteiligt war und man sich zusammen freuen darf.

Bei der deutschen Meisterschaft in Nürnberg waren Sie zwar Einzelstarter, doch alleine freuen mussten Sie sich über die Goldmedaille wohl nicht?
Auf der Ehrenrunde hätte ich bestimmt 13 bis 15 Mal stehen bleiben können. In jeder Ecke des Stadions stand jemand, der meinen Namen geschrien hat, mit mir abklatschen wollte. Leider war die Zeit dafür nicht da. Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn du weißt, dass viele Leute aus der Region da sind, dir in diesem großen Stadion zuschauen und eventuell sogar die Daumen drücken. Wenn du dann auch noch gewinnst, toppt das alles. Das Stadion ist für solche Veranstaltungen perfekt geeignet. Das hat mich schon sehr an die Europameisterschaft 2014 in Zürich erinnert, der einzige Unterschied war nur, dass das Stadion in Nürnberg voll war.

Vor einem Jahr gab es vor der DM noch den zweiten Platz. War der Titel jetzt mal fällig?
Auf jeden Fall haben wir damit geliebäugelt. Ich weiß, dass immer viel passieren kann. Gerade bei den Hindernisdisziplinen, was sich in Nürnberg auch wieder gezeigt hat, als Nico Sonnenberg eingangs der letzten Runde stürzte. Mit Felix Hentschel als Zweiten hätte wohl auch niemand gerechnet. Der Überraschungseffekt ist immer da, und im Sport kann viel passieren. Umso glücklicher bin ich, dass es nun geklappt hat. Den Titel wollte ich haben. Letztes Jahr ging der Versuch in die Hose, nun waren auch die Voraussetzungen für mich einfach besser.

Weil Steffen Uliczka, der Sieger der vergangenen beiden Jahre, nicht mehr mit dabei war?
Das muss man schon so klar sagen. Er ist auf einem sehr hohen Niveau gelaufen. Aber wenn er sich dazu entscheidet, keine Hindernisse mehr zu laufen, ist die Bahn halt für den Nächsten frei. Ich war letztes Jahr schon nicht viel langsamer als er. Vielleicht hätte es jetzt auch mit ihm als Konkurrenten für den Titel gereicht. Daher bin ich zufrieden wie es gerade ist, aber nächstes Jahr muss die Zeit einfach besser werden. Dann ist alles gut.

In Nürnberg brauchten Sie 8:41,50 Minuten. Doch auch in schnelleren Läufen haben Sie die WM-Norm von 8:24 Minuten nicht erreicht. Woran lag es?
Im vergangenen Herbst hatte ich einen Lehrgang bei der Bundeswehr. Den habe ich natürlich gerne mitgemacht, da sie mein Arbeitgeber ist, aber das hatte bei mir im Grundlagentraining einen Ausfall im Ausdauerbereich zur Folge. Den werden wir in diesem Jahr nicht haben, weil kein Lehrgang ansteht. Da können wir in aller Ruhe Kilometer machen, an Kraft und Stabilisation arbeiten oder auch mal alternativ trainieren. Es hat aber auch das perfekte Rennen gefehlt. Wir haben schon früh angefangen, knallhart auf die Norm zu gehen und nur auf die Zeit zu achten, was dann aber zweimal nicht funktioniert hat. Danach war ich ganz schön platt, dachte mir, dass ich vielleicht doch nicht so schnell rennen kann.

Wie lange blieben die Zweifel?
Die Rennen in der Endphase der Saison waren richtig gut. Die Team-EM in Russland und die Universiade verliefen genau so, wie wir es uns gewünscht haben. Da habe ich dann gemerkt, dass ich auch schneller hätte laufen können. Aber die Form war einfach vier Wochen zu spät da, um in einem schnellen Rennen auch mitgehen zu können. Wir haben nicht falsch periodisiert, aber vielleicht zu spät nach hinten. Aber das ist alles kein Drama. Die WM wäre sicherlich eine schöne Erfahrung gewesen. Aber es ist wie es ist. Ich kann nicht alles mitnehmen und bin für alles dankbar, was ich mitnehmen darf.

In den meisten Ihrer Läufe fehlte es auch an schnellen Konkurrenten, die dafür sorgen, dass am Ende eine schnelle Zeit zu Stande kommt.
Wir wollen daher im November nach Kenia gehen, wo ein viel höheres Tempo gelaufen wird. Im Frühjahr stehen dann erneut Trainingslager in den USA und Südafrika an, was ja schon 2014 gut funktioniert hat. Wenn ich mit dieser Vorbereitung damals schon 8:24 Minuten rennen konnte, kann ich vielleicht nächstes Jahr, wenn ich wieder ein richtig schnelles Rennen erwische, an den 8:20 kratzen - was wohl die Olympia-Norm wäre. Die steht zwar noch nicht fest, aber ich schätze mal, dass es so 8:22 Minuten werden dürften. Meine Bestzeit ist 8:24,2. Mit zwei Jahren mehr Erfahrung und zwei Jahren mehr Training könnte ich dann die Chance haben, mit dem gleichen Trainingskonzept dabei zu sein.

Das Gespräch führte
Marian Hamacher



Grau sieht Wassergraben als Meilenstein

Von Sarah Dann


Die Europameisterschaft im Sommer 2016 ist für Martin Grau "fast ein Muss". Ziele wie dieses und Träume von olympischen Spielen gehören für den Leistungssportler ebenso dazu wie harte Trainingslager oder drei Wochen Erholung während der bevorstehenden Saisonpause.

"Ich will schneller rennen als in diesem Jahr." Und: "Bei der EM will ich wieder ins Finale." Das jedenfalls nahm sich Martin Grau in der Gesprächsrunde mit Sparkassen-Chef Reinhard Lugschi und Thomas Pickel für die nächste Saison vor. Ebenso erfuhren die Sponsoren-Vertreter am Freitag, die den Kampf in Nürnberg live verfolgt haben, wie ausgeklügelt ein Sprung über den Wassergraben im Wettkampf ist, dass ein Lauf von Hindernis zu Hindernis auch als Meilensteine wahrgenommen werden können und dass eine Olympia-Teilnahme im kommenden Jahr schwierig, aber machbar werden könnte. "Das wäre natürlich ein Traum", sagte Grau.

Wie genau der "Fahrplan", auf den Trainer Markus Mönius näher eingegangen ist, für 2016 aussehen wird, ist noch unklar. Da sich durch die olympischen Spiele der Trainingsplan nach vorne verschieben wird, muss Grau "im Mai schon topfit" sein. Deshalb steht möglicherweise auch die eine oder andere weitere Reise bevor. Damit den Zielen nichts dazwischenkommt, heißt es in den nächsten Wochen erst einmal "Kopf und Beine" frei kriegen. Drei Wochen, in denen keine 175 bis 180 Kilometer pro Woche wie im Trainingslager zurückgelegt werden, sondern andere Sportler in anderen Städten besucht werden. Zur Abwechslung wird Grau sich locker mit seinem Zwillingsbruder auf den Staffel-Triathlon am 13. September vorbereiten und erinnert noch an das gemeinsame Lauf-Vorhaben Ende September mit Landrat Alexander Tritthart, das im Februar mit Handschlag besiegelt wurde.