Wie haben Sie es überhaupt geschafft, in diese Szene einzutauchen?
Beate Greindl: Das hat sich über viele Monate hingezogen. Ich fuhr zunächst auf gut Glück hin und nahm Kontakt zu dem Guru auf. Das war am Anfang gar nicht so einfach. Er hat dann aber doch mit mir gesprochen und hat mich als potenzielle Interessentin gesehen. Irgendwann gab er mir zu verstehen, dass ich in seiner Gruppe mitarbeiten darf, und mich auch so den anderen vorgestellt.

Aber er wusste, dass Sie eine Journalistin sind?
Ja, ja. Aber es war noch gar nicht klar, für welche Sendung und für welchen Sendeplatz der Beitrag gedacht ist. Ich habe ihn einfach mit eingebunden und er hat mir Vorschläge gemacht. Es gibt ja auch esoterische Sendungen. Ich habe dann die Sendung beim WDR ins Spiel gebracht und er fand die Idee gut. Das ging aber über Monate. Ich durfte einmal pro Monat mit ihm sprechen und er hat sich mir immer ein Stück mehr geöffnet. Am Schluss dachte er wohl, das sei für ihn und seine Gruppe auch eine gute Werbung.

Sie konnten im Haus der Familie in Lonnerstadt filmen. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Es hat mich richtig geschockt, unter welchen Bedingungen die Kinder leben. Sie können sich überhaupt nicht zurückziehen, sind unter ständiger Kontrolle und haben sogar ein gemeinsames Schlafzimmer mit den Eltern. Privatsphäre gibt es für die drei Kinder nicht. Einmal habe ich es geschafft, mit den Kindern ohne Anwesenheit der Eltern zu sprechen. Aber selbst da war ein anderes Mitglied der Gruppe dabei. Da hat die Tochter mal über Dinge gesprochen, die sie sonst so nicht erzählt hätte. Dass sie zum Beispiel schon gerne Kontakt zu ihrer Oma hätte, sie aber nicht sehen darf und von den Eltern immer erzählt bekommt, dass die Oma böse sei und schlechte Absichten habe. Das hat das Mädchen sehr beschäftigt. Mit den Eltern hat sie die Ansicht vertreten, dass die Dinge und Personen außerhalb der Gruppe unwichtig und suspekt seien.

Sind Sie der Meinung, es gibt keinen Ansatz, dass die Behörden hier eingreifen?
Ich glaube nicht, dass man da nichts tun kann. Die Ämter hätten da schon Möglichkeiten. Sie könnten zum Beispiel eine Art Erziehungsbeistand zur Seite stellen, der dann überwacht, dass die Kinder nicht so isoliert werden dürfen. Dass sie auch mal Freunde besuchen oder in den Sportverein gehen dürfen. Dass eben solche Grundrechte der Kinder auf Umgang mit Gleichaltrigen eingehalten werden. Auch die Jugendämter haben gewisse Standards, wie sie mit Sektenkindern umgehen sollten. Da steht genau drin, dass Kinder nicht instrumentalisiert werden dürfen und Rechte haben.

Hat der Guru bei uns noch andere Anhänger?
Im Moment nur diese fünfköpfige Familie und zwei Damen: seine Lebensgefährtin und eine Schauspielerin aus München, die vorwiegend Gartenarbeit macht. Es gab schon andere, die aber auch wieder ausgestiegen sind. Die drei Kinder der Lebensgefährtin zum Beispiel. Und eine Schweizerin, die sich wieder gelöst hat, aber sehr viel Geld da ließ. Weitere Grüppchen sind weltweit verstreut und nur lose miteinander verwoben.

Für die Kinder der Lebensgefährtin war die Zugehörigkeit zur Gruppe lebensbedrohlich. Im Film erkennt man, dass sie noch jetzt - zehn Jahre nach ihrem Ausscheiden - traumatisiert sind.
Das wirkt sich tatsächlich immer noch aus. Die große Tochter hat zwar ihr Leben so weit im Griff, dass sie einen Beruf hat, verheiratet ist. Aber man merkt, auch sie kann kaum von ihrer Mutter sprechen ohne in Tränen auszubrechen. Sie fühlt sich von ihr im Stich gelassen und kann die 180-Grad-Drehung, die sie in dieser esoterischen Gruppe gemacht hat, immer noch nicht verwinden. Die beiden Brüder müssen immer noch schauen, dass sie ihr Leben in den Griff bekommen. Einer ist gesundheitlich schwer angeschlagen und trägt an den Folgeschäden der Nichtbehandlung seiner Mukoviszidose. Der andere hat psychische Probleme.

Welche Gefahren birgt eine solche Gruppe und wie kann man die Kinder davor schützen?
Die Kinder sind in dem Fall ihren Eltern ausgeliefert und können sich nicht wehren. Die größte Gefahr für die Kinder ist, dass sie nicht lernen, wie das normale Leben funktioniert. Sie entwickeln keinerlei Selbstbewusstsein, weil ihnen eingetrichtert wird, dass nur die Glaubenslehre der Gruppe etwas zählt. Man bekommt die Schuld aufgebürdet, wenn etwas schlecht läuft. Aber erntet für Positives keine Lorbeeren. Kinder werden klein gehalten. Dadurch besteht die Gefahr, dass sie sich später nicht behaupten können, keine Freunde finden, kein Vertrauen aufbauen können. Sie sind komplett gesteuert und nicht gewohnt, frei zu denken und zu handeln. Der ständige Verdacht, dass die Außenwelt schlecht sei, kann zu Ängsten und Paranoia führen. Wer aus einer solchen Welt kommt, hat in unserer Gesellschaft natürlich erhebliche Schwierigkeiten.

Dabei kämpfen die Großeltern vor Gericht um ein erweitertes Besuchsrecht. Scheitert hier selbst die Justiz?
Das ist zumindest über Jahre so gewesen. Ich habe aber die Hoffnung, dass durch den Film jetzt etwas genauer hingeschaut wird und sich etwas tut. Man merkt schon, dass jetzt auch bei den Leuten am Ort Interesse herrscht und man nicht nur über "diese Komischen" redet, sondern versucht wird, zu helfen. Man ist sich bewusst, dass hier etwas passieren muss und man das Ganze nicht einfach so hinnehmen kann.

Werden Sie das Schicksal dieser Kinder weiter verfolgen?
Ich werde das auf jeden Fall versuchen. Ich weiß zwar nicht, was passiert. Ob die Gruppe so bleibt oder ob sich intern etwas ändert. Ich hoffe einfach, dass für die Kinder eine Lösung gefunden wird.

Wussten die Familie und der Guru, dass Sie auch andere Gesprächspartner hatten?
Ja, ich habe sie ja auch mit den Aussagen konfrontiert, die von außen gekommen sind. Und habe gemerkt, dass hier eine wahnsinnige Aggression vorherrscht, zum Beispiel gegenüber der Großmutter. Sie wollen von allen in Ruhe gelassen werden, weil sie der Meinung sind, sie tun das Richtige und alle anderen wollen ihnen Böses. Das forciert der Guru natürlich sehr. Er ist wütend auf die Oma, weil sie nicht nachgibt und immer wieder versucht, etwas für die Kinder zu erreichen.

Wie kann man sich überhaupt derart in eine solche Szene verstricken?
Der Guru hat schon eine gewisse Art, die Leute zu beeindrucken. Er wirkt zwar auf den ersten Blick eher freundlich. Ich habe aber auch gemerkt, wie ungemütlich er werden kann und durchaus etwas Bedrohliches bekommt, wenn er mit jemandem nicht einverstanden ist. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach ist, sich von einer solchen Person zu lösen, vor allem dann, wenn man schon alles aufgegeben und keine Alternative mehr hat. Hinzu kommt, dass die Sektenmitglieder durchaus der Meinung sind, sie seien etwas Besonderes. Sie hätten "fortgeschrittene Seelen" und fühlen sich den anderen gegenüber erhaben. Wenn man die Ungereimtheiten darin erkennt, ist es meistens schon zu spät. Man hat schon zu viel aufgegeben.

Hat die Großmutter den richtigen Weg gewählt, indem sie sich eben nicht zurückzieht, sondern den Kampf aufnimmt?
Das sagen auch Fachleute und Sektenexperten: Kinder, die doch einmal den Absprung schaffen, brauchen draußen jemanden, wo sie hinkönnen. Sonst sind sie völlig verloren und bekommen einen Schock, wenn sie erkennen, wie's wirklich zugeht. Nicht wenige von solchen Kindern sind dann auch selbstmordgefährdet. Da ist es wichtig, dass man weiß, es gibt einen, dem bin ich nicht egal und der hat um mich gekämpft.