Eine klassische Schlossführung kommt meist nicht ohne Zahlen, Fakten und ehrfürchtiges Schweigen der Betrachter aus. Bei einer neu konzipierten interaktiven Führung auf Schloss Weissenstein sollen die Besucher das prachtvolle Gebäude nun auch auf andere Art entdecken. "Das Erleben steht im Vordergrund, nicht die Zahlen", sagt Antoinette Fehlinger, Marketingverantwortliche auf Schloss Weissenstein.

So soll die Führung "Mit allen Sinnen erleben ... Perspektivwechsel" die drei Empfindungen Sehen, Hören und Tasten eines jeden Einzelnen ansprechen. Die Wahrnehmung wird dadurch in den Vordergrund gestellt. Zudem trage diese Form zu einem vertiefenden Verstehen bei, so Fehlinger. Einige Besucher hatten zuvor mehrmals angemerkt, man müsse sich gar hinlegen, um das prächtige Deckenfresko noch intensiver betrachten zu können, das im Treppenhaus zu sehen ist, berichtet sie.

Ein Himmel voller Götter

In der Eingangshalle sind dafür bereits mehrere Schaumstoffmatten auf dem Boden ausgebreitet, die zum Betrachten des Deckenfreskos im Liegen einladen. Was zuerst ungewohnt anmutet, entpuppt sich schnell als angenehm. "Was springt Ihnen ins Auge?", fragt Angela Nusser in die Runde. Die Kunsthistorikerin und Herzens-Pommersfeldnerin hält im barocken Schloss regelmäßig Führungen.

Das Gemälde zeigt den Himmel. Götter, die die Himmelskörper symbolisieren sollen, tummeln sich dort auf Wolken, eigenartige Tiere zieren die gewölbten Ränder. In der Mitte der Gott Apoll, hinter ihm einzelne Sonnenstrahlen "In Verbindung mit den Säulen im Treppenhaus wirkt es, als ob die Sonne bis ganz nach unten scheint", erklärt die Kunsthistorikerin. Durch das Liegen lassen sich die Einzelheiten des Bildes länger aufmerksam betrachten, ein Austausch entsteht. Zusätzlich verteilt Nusser Folien mit Informationen.

Eine Maske aus Muscheln und Korallen weist direkt in die angrenzende Grotte. Die dicken Mauern darin sind üppig mit Muscheln, Glas- und Tuffsteinen geschmückt. "Die Grotte lebt durch das Phänomen der Akustik", sagt Nusser und klopft mit einem Schlägel auf den Steinboden.

Durch den besonderen Bau der Grotte klingt jedes Geräusch besonders intensiv. "Leider habe ich eine sehr hohe Stimme. Aber die sonoren Stimmen der Männer klingen hier immer sehr stark", erzählt Nusser.

Auf Schloss Weissenstein werden auch weitere spezielle Themenführungen angeboten. Das Treppenhaus lässt sich erkunden, eine andere Führung ist eigens für Kinder konzipiert. Antoinette Fehlinger hebt den Unterschied der interaktiven Führung zu einer regulären hervor: "Es soll kein Monolog sein, sondern ein kreativer Dialog." Die Besucher sollen die Fragen stellen, die sich ihnen durch den Perspektivwechsel auftun.

Der interaktive Rundgang dauert eine gute Stunde. Die genaue Zeit hänge davon ab, wie sehr die Besucher sich selbst durch Fragen und Anregungen beteiligen, so Nusser.

Geeignet ist er für Kinder und Erwachsene gleichermaßen, Platz ist für etwa zwölf bis 15 Personen. Die Führung soll zukünftig samstags am frühen Nachmittag stattfinden und wird zunächst online bekanntgegeben. Die erste findet am 8. Juni um 14.30 Uhr statt.

Imitation von Marmor

Der dritte Teil dreht sich um das Fühlen. "Erspüren Sie einfach mal den Marmor", fordert Nusser dazu auf, die historischen Überbleibsel zu berühren. Was bei vielen Führungen undenkbar ist, wird hier in den Mittelpunkt gerückt. Der Unterschied zwischen echtem Marmor und dem optisch ähnlichen Imitat lässt sich deutlich fühlen. Somit lässt sich auch erahnen, wo die damaligen Schlossherren unauffällig etwas eingespart haben.

Am Ende der Führung sind nur wenige Jahreszahlen gefallen, aber der Besucher bekommt trotzdem ein greifbares Gefühl für das Leben in den barocken Sälen zur damaligen Zeit.