Samstagnachmittag, kurz nach drei, Innenstadt von Herzogenaurach. Aus der westlichen Hauptstraße erklingen seltsame Geräusche, heiser und bedrohlich. Dann stapft er aus einem Innenhof - ein riesiger Drache, knallig grün und mit furchterregenden Zähnen. Geleitet von seiner hübschen Bändigerin walzt das Urvieh, mit lautem Brüllen, in Richtung Vehnturm.

Dort warten schon die nächsten seltsamen Gestalten. Eine kleine Herde von Maschinenwesen steht unruhig in ihrem Gatter vor der Brauerei Heller und möchte hinausgelassen werden, auf die Weide respektive hinein in das Publikum in der Hauptstraße. Zwei Hirten begleiten ihre metallenen "Tiere", die aus Fahrrad-Einzelteile zusammengebastelt sind. Ketten sorgen für den Antrieb, Elektromotoren geben den Strom. So staksen die Viecher durch die Stadt und sind, wie auch der Drache Olin, der Hingucker des Nachmittags. In diesen Minuten hätte das Kulturfestival auch den Namen "Fantasy" tragen können.

Flash Mob mit Europahymne

Es nennt sich aber "Revolution". Eine solche, wenn auch eine kleine, bedeutete auch der Flash Mob, der sich am Samstag gleich dreimal in der Innenstadt bildete. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Liederkranz jemals ein Flashmob stattgefunden hat", kommentierte eine Sängerin die Aktion. Also war das durchaus revolutionär. Was geschah? Ein Streicherquintett des Herzogenauracher Kammerorchesters und der Herzo Chor trafen sich unangemeldet, um an drei Plätzen der Innenstadt die Ode an die Freude vorzutragen. Die Musiker begannen die europäische Hymne zu spielen, und von allen Seiten kamen die Sänger und Sängerinnen herbei und sangen: "Freude schöner Götterfunken" bei Gänsehaut-Feeling. Revolutionär? Absolut!

Pausenlos Darbietungen

Rund 80 Beiträge in drei Tagen, allein im Entdeckungsraum in der Hauptstraße und zwei privaten Innenhöfen, dazu noch viele weitere Aktionen im Umfeld an Marktplatz und im Schlosshof, dann noch das kostenpflichtige Programm im Pavillon und an anderen Stätten - allein das erscheint schon als eine Revolution im bisherigen Kulturleben der Stadt. Wer das Thema richtig ausleben wollte, konnte zudem noch den Reden der berühmtesten Revolutionäre der Zeitgeschichte lauschen. Hierfür war ein Film-Container aufgestellt worden.

Geordnete Revolution

Freilich lief die dreitägige Herzogenauracher Revolution im geordneten Rahmen ab - eine kontrollierte Revolution sozusagen. Bei dieser Fülle an Beiträgen muss auch geplant werden. Als sich beispielsweise die berühmte Altneihauser Feierwehrkapelln aus der Oberpfalz am Sonntagvormittag ankündigte (Bericht auf Seite 16), fand die Darbietung der bekannten spöttischen Lieder nicht als Zug durch die Hauptstraße statt, sondern als kleines Platzkonzert auf dem Marktplatz. Man wollte dem zeitgleichen Programmpunkt im Pavillon nicht in die Quere kommen.

Zahlreiche Fans

Dem Publikum war's wurschd wo - Die Anarchisten aus der Oberpfalz finden überall ihre Fans. Und rund um den Brunnengerch, dessen Auswahl damals freilich nichts mit Anarchie oder Revolution zu tun hatte, ist schließlich genügend Platz.