Geschichte ist langweilig, verstaubt und interessiert heutzutage nicht mehr? Von wegen... In Höchstadt zumindest ticken die Uhren anders.

Vor allem dank Mirjam Wellein. Sie zieht sich mindestens einmal im Monat einen schweren braunen Umhang über, setzt sich einen breitkrempigen Hut auf, schultert eine furchteinflößende Hellebarde, zündet die Laterne an und erwartet am Marktplatz ihre Gäste.

Als Nachtwächterin führt sie abends die Menschen durch die dunklen Gassen und Straßen. Mit ihren Erzählungen und Geschichten überrascht sie dabei selbst so manch Einheimischen.

Zu Beginn gibt es von ihr zunächst einmal die historischen Rahmendaten: 1003 wurde Höchstadt erstmals urkundlich erwähnt, als es ans Kloster Fulda verschenkt wurde, und seit 1380 darf es sich ganz offiziell Stadt nennen.

Dunkle Schatten

So weit, so gut. Doch es gibt auch viele dunkle Schatten in der Geschichte Höchstadts. "1633 wurde es komplett von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg zerstört, lag in Schutt und Asche", so Mirjam Wellein zu Beginn ihrer Führung. Mit ernster Miene sagt sie inmitten ihrer Gruppe stehend: "Am Schlossberg vor dem Landratsamt wurden bei Bauarbeiten Kinderskelette gefunden, die aus der Zeit des Überfalls der Schweden stammen." Sie erinnert damit an das Leid, das die Menschen früher erdulden mussten.

Doch es gibt eben auch die netten Geschichten von Mirjam Wellein, die die Menschen beim Gang durch die Stadt zum Schmunzeln bringen. Wie etwa die Anekdote, wonach ein Mann nach dem Zweiten Weltkrieg den damaligen Hunger der Menschen für einen Streich nutzte. "Er brach eine Schokoladen-Tafel in Stücke und verteilte die vor einem Brunnen in der Stadt.

Die Frauen mit ihren schweren Holzbütten auf dem Rücken sahen die Leckerei am Boden, als sie Wasser holten. Sie bückten sich, vergaßen aber ihre Last und kippten sich das Wasser ins Genick - sehr zur Freude des Mannes, der vom Fenster aus die nasse Bescherung sich anguckte", sagt die Nachtwächterin sehr zur Freude ihrer lauschenden Begleiter.

Oder wer weiß noch, wo sich in Höchstadt das Ochsenklavier befand und wie es zu seinem Namen kam? Wellein kann auch da helfen: "Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Amerikaner anscheinend die alte steinerne Brücke schonen. Deshalb bauten sie genau daneben eine Holzbrücke. Die aber hat immer geklappert, wenn Fahrzeug oder Gespanne darüber rollten. Daher bekam das Bauwerk den Namen Ochsenklavier."

Doch wie kam die frühere Krankenkassen-Managerin Wellein auf die Idee, Nachtwächterin zu werden? Lächelnd antwortet sie: "Ich habe mein Leben total umgekrempelt und meinen Job gekündigt. Seitdem tue ich nur noch Dinge, die mir Spaß machen." Wie eben ihren Nebenjob als Nachtwächterin.

Die Geschichten, die sie auf ihren Spaziergängen erzählt, hat sie von alten Höchstadtern. "Vor allem beim Kellerbergverein halte ich die Ohren offen und höre den Menschen dort bei ihren Gesprächen zu."

Schlitzohren ausgesperrt

Bei soviel Erzählungen hätte Mirjam Wellein einiges zu schreiben und könnte ein Buch über ihre Heimat herausbringen. "Das habe ich mir wirklich schon überlegt. Das ist aber mit einem großen Aufwand verbunden. Darum werde ich kümmern, wenn ich denn einmal Zeit dafür finde", fügt sie an.

Den Abschluss der Tour bildet übrigens ein Besuch im Türmerzimmer des Stadttores. Dort wohnte früher der Mann, der verhindern sollte, dass sich keine Schlitzohren nach Höchstadt schleichen konnten. Ein Job, den es heute nicht mehr gibt, mit all seinen Konsequenzen - auch was das Problem Schlitzohren angeht.
Die Gruppe im Türmerzimmer, unter der sich sogar ein Ehepaar aus Unfinden in Unterfranken befand, muss da grinsen und viele denken zurück an die gute, alte Zeit. Als selbst Papst und Vatikan den sturköpfigen Höchstadtern ihren Heiligen St. Georg nicht wegnehmen konnten. Eine weitere Geschichte von Mirjam Wellein. Doch die erzählt sie lieber selbst - auf ihrer nächsten Stadtführung.

Natürlich darf auch Höchstadts wohl berühmtester Sohn nicht bei den Erzählungen von Mirjam Wellein fehlen: Johann Baptist Ritter von Spix, dem die Stadt sogar ein Denkmal errichtete und der seit 2004 ein eigenes Museum hat. 1781 kam er zur Welt und hatte wohl genau das, was man einen fränkischen Sturkopf nennt. Deshalb flog das siebte von elf Kindern wohl auch aus dem Priesterseminar, weiß Wellein zu berichten.

Dann ging er nach München und wurde Naturwissenschaftler, der sich für König Maximilian I. um die zoologische Sammlung kümmerte. 1820 bereiste er Brasilien, brachte Tausende Pflanzen und Tiere mit. Nach seiner Rückkehr wurde Spix zum Ritter geschlagen. "Leider war Spix bis zu seinem Tod 1826 in München wohl mehr geschätzt als in seiner fränkischen Heimat", meint Wellein.