Mohammed Mursi hatte versprochen, Ägypten zu einen. Dass am Samstag eilig über die neue Verfassung abgestimmt werden soll, spaltet das Land aber extrem in Befürworter und Gegner. Warum macht Mursi das?
Christian Wolff: Mursi hat gerade ein paar Machtprobleme. Die alten Eliten der Mubarak-Zeit, die vor allem in der Justiz immer noch da sind, haben ihm lange reingefunkt, vor allem mit juristischen Schritten. Mit dem Verfassungsdekret, das er jetzt wieder zurückgenommen hat, wollte er sich davon befreien. Von der anderen Seite kommt der Einfluss der Muslimbruderschaft. Als Präsidentschaftskandidat war Mursi nicht ihre erste Wahl, sondern Khairat al-Shatir, der nicht zugelassen wurde.
Er und der Anführer der Muslimbrüder, Mohammed Badia, bestimmen den Kurs der Bruderschaft und üben viel Druck auf Mursi aus. Er braucht sie - viele andere Verbündete hat er nicht. Dazu kommt, dass die Salafia so stark geworden ist. Das muss man im weltpolitischen Zusammenhang sehen, denn gerade verhandelt der Internationale Währungsfonds IWF mit Ägypten über Kredite. Da wird es Einschnitte im Sozialbereich geben - und in dem Bereich sind die Salafisten relativ stark. Bedeutet, Mursi kann sein Ding nur mit ihnen durchziehen. Auf der anderen Seite gibt es die Jungen, denen alles nicht schnell genug geht und die oft sehr viel säkularere Vorstellungen haben, wie Ägypten aussehen soll. Die Lager sind da, es ist schwer, herauszufinden, welche Seite die stärkste ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Welche Rolle spielt das Militär?
Mursi hat das Militär auf seiner Seite. Da ist sicher ein Deal vereinbart worden. Sonst würde das Militär sich anders verhalten. Die Muslimbrüder waren bei Nassers Staatsstreich von 1952 dabei - und danach waren sie wirklich harten Repressionen ausgesetzt. So etwas wollen sie verhindern und versuchen deshalb, sich in allen Institutionen des Staates zu etablieren.

Wagen Sie eine Prognose, wie das Verfassungsreferndum am Samstag ausgehen wird?

Ich gehe davon aus, dass es angenommen wird.

Manche sagen, die Demokratie in Ägypten ist zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hat ...
Was ist Demokratie? Mit verfassungsgebender Versammlung und Referendum läuft formal ja alles demokratisch sauber. Die Demokratie kann sich erst beweisen, wenn die Verfassung in Kraft ist: Dann sind alle Dekrete aufgehoben. Aber eine funktionierende Demokratie braucht mehr Zeit. Man braucht einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, in den Minderheiten miteinbezogen und der Spagat zwischen Religiösen und Säkularen geschafft wird. Die Muslimbruderschaft hätte das schaffen können, aber sie geht diesen Weg derzeit nicht. Eventuell, weil sie die Nähe zu den Anhängern der Salafia nicht verlieren will.

Was bedeutet die Scharia für die Verfassung?
Es ist ja nicht so, dass die Scharia vorher nicht in der Verfassung gewesen wäre. Was man kritisieren muss, ist der große Einfluss des Militärs. Der Verteidigungsminister muss Offizier sein. Das Militär setzt seine eigenen Leute ein und der Verteidigungsetat wird nicht vom Parlament entschieden. Dass die al-Azhar-Universität an der Gesetzgebung beteiligt wird, ist auch nicht neu, das war schon unter Mubarak so und wird jetzt eben offiziell. Die letzte Entscheidungshoheit hat sowieso das Verfassungsgericht. Ein Problem ist aber, dass bei den Bürgerrechten oft ein islamischer Vorbehalt drin steht.

Was bedeutet das für die Frauen?
In der Präambel der Verfassung steht, dass Frauen geehrt werden müssen und in allen Zielen und Verantwortlichkeiten dem Mann beigesetzt sind. Das ist keine richtige Gleichberechtigung, die Bürgerrechte stehen unter dem Vorbehalt der Scha ria. Das ist schwierig. Im Zweifel ist es eine Frage der Auslegung. Das Verfassungsgericht hat auch bisher die Scharia aus gelegt - und nicht unbedingt im mer zum Vorteil der Hardliner.

Welche Möglichkeiten bleiben der Opposition, Einfluss zu nehmen, wenn die Verfassung durch ist?
Weiter demonstrieren. Dass der Kampf so hart wird wie jetzt, hatten die Muslimbrüder nicht erwartet. Von ihren Anhängern wurden jetzt Säkulare gefoltert - das wird kein Dauerzustand, denn die Muslimbrüder kämpfen jetzt auch um ihr Image. Sie müssen lernen, dass man ein Land nicht gegen das Volk regieren kann - und das werden sie auch nicht können. Auch wegen des Auslands. Wenn die USA ihre Militärhilfen einstellen, ist es vorbei. Wenn die Welt aufhört, Geld zu schicken und die Firmen abziehen, hat die Muslimbruderschaft ein Problem. Das ist ihnen bewusst. Langfristig wird es nicht mehr um ständige verfassungstheoretische Debatten gehen, sondern darum, ob das Land wirtschaftlich vorankommt. Die revolutionäre Jugend hat nach wie vor keine Jobs.

Die Fragen stellte Natalie Schalk

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