Das Kreuz ist schief. "Schnecken-Gerch, Du hältst den Meter schief!" Es ist wie bei einem guten Fußballspiel. Die Beobachter wissen es immer besser als die Akteure. "Seit still, ich muss mich konzentrieren", der Schnecken-Gerch, mit bürgerlichem Namen Georg Wirth, setzt das Metermaß nochmals an, schneidet zwei grüne Äste nach und stöhnt auf: "Perfekt!"

Für die acht Männer des Dechsendorfer Heimatvereins ist damit die Arbeit erledigt, und die hat wahrlich lange genug gedauert.

Bereits in den frühen Morgenstunden ging es für Georg Meyer und seinen Traktor samt Anhänger hinaus in den Wald. Grünzeug suchen. Grünzeug für einen besonderen Auftrag. Denn seit 1990 zeichnet sich der Heimatverein verantwortlich für die Gestaltung des Osterbrunnens und damit der Osterkrone.
Die wird in der Scheune vom Bäßlers Sepp gebaut. Die Männer sind für den Grundaufbau mit den Tannenzweigen verantwortlich, die Frauen widmen sich anschließend dem Osterschmuck.

"Das satte Grün muss fest gebunden werden, damit es nicht herunterfällt", erklärt Josef Bäßler, der sowohl auf der Leiter stehet, als auch ein wenig die Verantwortung übernommen hat. Fred Müller, einer seiner Mitstreiter reicht ihn die nächsten Zweige hoch, die das Gerüst umschließen. "Wir haben die Brunnen mal in der Fränkischen Schweiz gesehen und waren begeistert davon. Da es vor der katholischen Kirche hier am Ort eben einen Brunnen gibt, war die Idee schnell geboren."

Wichtig ist das unter- und miteinander - und das funktioniert.

"Ein guter Lehrling sägt genau das, was der Geselle gleich braucht. Und das hat gerade wohl nicht geklappt", klingt es von der Leiter nach unten. Das wird mit einem frohen Lachen und dem Satz"Hol's Dir halt, wenn Du's so dringend brauchst", quittiert. Wenn es mal zu ruhig wird, mischt sich Adam Goll wieder ein. Aus einer scheinbaren täglichen Erzählung, entpuppt sich wieder ein Witz.

Was vielleicht fehlt, sind jüngere "Osterbrunnenbastler".

"Dabei sind wir ganz verträglich", lachen die Herren der Brunnenschöpfung. Liegt vielleicht auch daran, dass es beim Start der Arbeit ein reines "Männergewerch" ist. Bis zum Kaffee und Kuchen in den Nachmittagsstunden. Denn dieser Brauch ist sozusagen die Wechselzeit. Die Herren gehen, die Damen kommen. Die Verantwortung wird vom Sepp Bäßler direkt an die Regina Kindler weitergegeben. Die Vorsitzende des Heimatvereins ist begeistert von der Tatkraft ihrer Mitstreiter. "Wir empfinden das nicht als Arbeit, auch wenn es den ganzen Tag dauert."
Ein wenig Untertreibung ist dabei, denn es ist ja nicht nur der Tag des Osterkronenbaus. Von den 800 Eiern, die in dem Grün angebracht werden, geht halt immer mal das ein oder andere Ei kaputt. "Wir benutzen halt auch keine Plastikeier", erklärt Carmen Henniger den Grund für so manche Schale am Boden. Natürlich geht jeder mit den fragilen Hühnereiern so vorsichtig um, wie möglich. Aber nicht jeder Sturz aus mehr als 30 Zentimeter Höhe lässt sich vermeiden.

Das wiederum hat den Vorteil, dass es sehr unterschiedliche Kunstwerke sind, die das Gesamtkunstwerk ausmachen. "Bei uns kann jeder mitmalen", sagt Kindler. "Wir haben Eier von Mitgliedern dran, aber auch von den Kindern des Heimatvereins." Einige der Eier sind bereits so alt wie der Brauch in Dechsendorf. "Das habe ich gemalt", weiß jede beteiligte zu bestimmten Eiern zu sagen.

In diesem Jahr stand eine besondere Technik hoch im Kurs.

Ein Blatt - "Das war jetzt bei der Kälte gar nicht so leicht zu finden", sagt Henniger - wird auf das Ei gepresst und mit einer Feinstrumpfhose fixiert. Dann geht es ab in den Zwiebelsud, indem die Eier einige Minuten liegen. Nach der Trockenphase bildet sich das Blatt dann heller und sehr filigran auf dem Ei ab. "Damit die dann nicht ausbleichen, werden sie noch lackiert", erklärt Henniger.

Überraschend ist, dass dieser Brauch an sich, gar nicht so alt ist.

In der Fränkischen Schweiz entstanden die ersten Brunnen dieser Art Anfang des 20. Jahrhunderts. Mündliche Überlieferungen berichten erstmals von einem Osterbrunnen in Aufseß um das Jahr 1909. Warum die Brunnen geschmückt wurden, wissen selbst die Fachleute nicht genau. Es gibt christliche Interpretationen ebenso wie heidnische Ansätze. Das ist den Dechsendorfern aber im Grunde egal, es sieht einfach schön aus.

Kindler sagt dazu: "Wir lassen den geschmückten Brunnen meist bis zur Konfirmation der Protestanten stehen. Diese feiern, wenn es viele sind, meist in der Katholischen Kirche. Und damit diese einen schönen Fotohintergrund haben, bleibt der Brunnen eben stehen!" Beim Aufbau ist ebenfalls alles klar geregelt. Einen Tag vor Gründonnerstag wird geschmückt. Wie bereits erwähnt: Erst die Männer, dann die Frauen. Am Karsamstag wird die Osterkrone, ohne einen allzu großen festlichen Akt, zur Kirche gebracht und auf den Brunnen aufgesetzt.

Eine Besonderheit gab es heuer beim Bau: Es war so kalt wie nie zuvor.

Die Finger waren klamm und der heiße Kaffee gefragt, wie selten zuvor. Kein Wunder, dass sich die Frauen ebenso wie die Männer ernsthaft fragten, ob es heuer vielleicht eine Schneekrone werden könnte.