Im Zusammenhang mit der mittlerweile beendeten Sonderausstellung des Stadtmuseums Herzogenaurach "Martin Luther und die Folgen" steht ein Interview-Projekt der Klasse 8c des Gymnasiums Herzogenaurach. Dabei berichteten vier Zeitzeugen über das Leben evangelischer Familien in einer stark vom Katholizismus geprägten Umgebung.
Das Treffen mit den Zeitzeugen am Gymnasium sollte gut vorbereitet sein. Darauf legten Studienreferendar Jeremias Grau und Christian Hoyer vom Stadtmuseum größten Wert. Und auch die Schüler wollten das Projekt von Grund auf angehen. Bei einer Führung durch die Sonderausstellung machte sich die Klasse laut einer Pressemitteilung des Museums zunächst mit den grundlegenden Daten zur Reformationsgeschichte und mit der Entwicklung seit 1500 vor Ort vertraut.
Von Hieronymus Nopp, dem gebürtigen Herzogenauracher, der als Reformator in Regensburg wirkte, erfuhren die Schüler dabei genauso wie von der gegenreformatorischen Politik des Bamberger Landesherrn. Die Repressalien steigerten sich ab Ende des 16. Jahrhunderts so weit, dass einige Familien ihrer Heimatstadt den Rücken kehren mussten. Seit den 1620er Jahren erschien Herzogenaurach - zumindest nach außen hin - wieder als rein katholische Stadt.


Zuzug evangelischer Familien

Dies blieb auch fast zwei Jahrhunderte hindurch so, bis die angehende bayerische Zeit ein neues Kapitel für Herzogenaurach aufschlug - nicht zuletzt hinsichtlich der konfessionellen Zusammensetzung der Bevölkerung in der Aurachstadt. Jetzt zogen bayerische Staatsbeamte evangelischen Glaubens zu und auch evangelische Bürgersfamilien wie etwa die Apothekerfamilie Beyschlag oder die Brauerfamilie Heller.
Über solche Familien und die Entwicklung der evangelischen Gemeinde vor Ort wollten die Schüler noch mehr in Erfahrung bringen. So machten sie sich mithilfe des Stadtmuseums auf die Suche nach Repräsentanten dieser Familien. Sie wälzten außerdem Fachliteratur zur Thematik "Wie führe ich ein Zeitzeugengespräch", eruierten die Grenzen von "Oral History" und erarbeiteten einen ausgefeilten Fragenkatalog. Erst dann nahmen sie Kontakt mit Barbara und Manfred Kühn, Hans Lang und Klaus Zehlein auf. Zur Freude der Schüler sagten alle zu, und der Fragerunde am Gymnasium stand nichts mehr im Weg.
Die Familie Zehlein sei Ende des 19. Jahrhunderts nach Herzogenaurach gekommen, berichtet Klaus Zehlein. Urgroßvater Lorenz Zehlein aus Bruck erwarb eine bereits bestehende Schmiede in der Hauptstraße und engagierte sich von Anfang an im 1901 gegründeten Kirchenbauverein als Kassier. Der Bau hat sich dann wegen des Ersten Weltkriegs und der Inflationsjahre verzögert. Erst 1934 entstand die erste evangelisch-lutherische Kirche in Herzogenaurach, deren Modell als Sparbüchse in der Brauereigastwirtschaft Heller aufgestellt war.
Was seine Generation anlangt, habe es konfessionell nie Reibereien gegeben, ist sich Klaus Zehlein sicher: "Obwohl wir damals nur sieben evangelische Schüler in meiner Klasse waren, gab es überhaupt keine Ressentiments. Wir haben auch lauter katholische Nachbarn in der Hauptstraße gehabt", so Zehlein weiter "Aber unter den Kindern gab es überhaupt keine Berührungsängste. Und ich habe dann sogar eine Katholikin geheiratet", verrät er mit einem Augenzwinkern.


Seltene "Mischehen"

Um die Jahrhundertwende seien die Verhältnisse noch andere gewesen, weiß hingegen Altbürgermeister Hans Lang: "Da war was los in Herzogenaurach!", als sein katholischer Großvater eine "Evangelische" heiraten wollte. Zunächst wurde die Heirat untersagt, obwohl schon ein Kind unterwegs gewesen sei. Erst drei Jahre später habe der Buchbindermeister Hans Graf seine Barbara Zinner heiraten dürfen. Etwa 15 solcher "Mischehen" habe es dann wohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben, erzählt Lang weiter, wobei es "nur etwa 200 Bürger evangelischer Konfession in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Herzogenaurach gegeben" habe: "Der große Schub für die evangelische Gemeinde kam erst durch den massiven Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Nachkriegszeit - und dann nochmal infolge der Schaeffler-Ansiedlung".
Dank Schaeffler haben sich auch Barbara und Manfred Kühn kennengelernt. Ende der 1950er Jahre sei es immer noch ein großes Problem gewesen, wenn ein evangelischer Mann und eine katholische Frau eine Beziehung führten. Mittlerweile sei die katholische Kirche in Herzogenaurach eine ganz andere geworden: "In der Ökumene ist so viel passiert, gerade hier bei uns in Herzogenaurach. Die Pfarrer Bock und Sterzl haben diese Entwicklung tatkräftig eingeleitet und auch heute wird in Herzogenaurach Ökumene gelebt und vorangetrieben."