D as Treffen findet in einem nüchternen Seminarraum statt. Auf den weißen Tischen im ersten Stock der Frauenklinik Erlangen stehen runde Schminkspiegel in drehbaren Silberrahmen bereit. Daneben Kosmetiktücher, Watte-Pads und an jedem Platz eine große, hellgraue Tasche. "Look good - feel better" steht darauf. Es ist das Motto des Kurses: "Gut aussehen - sich besser fühlen". Die Taschen sind ein Geschenk der gemeinnützigen Organisation "DKMS Life" an Frauen, die eigentlich ganz andere Sorgen haben als die, ob das Make-up richtig sitzt. Und doch ist das Geschenk sehr willkommen. Und die Tipps, wie man den Inhalt der Tasche benutzt, auch.

Drei Damen haben sich Anfang dieser Woche bei Elisabeth Wolf eingefunden. Wolf leitet das Kosmetikseminar für Krebspatientinnen. Sie macht das ehrenamtlich. Die frühere Schulleiterin hat selbst eine Krebserkrankung hinter sich. Sie weiß: "Man möchte nicht, dass jeder einem die Krankheit ansieht. Gut geschminkt habe ich mich immer besser gefühlt." Aus Interesse besuchte die heute 77-Jährige vor vielen Jahren einen Profi-Kosmetikkurs in Hamburg. "Dort habe ich Schminktechniken gelernt", erzählt sie. Nach weiteren Schulungen begann Wolf vor 13 Jahren, selbst Kurse für Frauen zu geben, die gerade eine Chemo- oder Strahlentherapie durchmachen. Mittlerweile findet jeden Monat ein Seminar in der Frauenklinik statt, manchmal mit bis zu zehn Teilnehmerinnen.

Nicht selten müssen Angemeldete kurzfristig absagen. Auch diesmal. "Wenn man Krebs hat, gibt es gute und schlechte Tage. Manchmal kann man einfach nicht aus dem Haus", sagt Elisabeth Wolf. Dann wendet sie sich mit einem Lächeln an die drei anwesenden Frauen: "Umso schöner, dass Sie da sind. Legen wir gleich los."
Als Erstes werden die Taschen ausgepackt. Zum Vorschein kommen hochwertige Reinigungs-, Pflege- und Schminkprodukte für sensible Haut. "Das is' ja wie Weihnachten", meint eine der Patientinnen lachend. Sie hält einen knallroten Lippenstift in die Höhe: "Gewagte Farbe. Aber das hier..." Elke Wassmuth - so heißt die Entdeckerfreudige - holt Maskara ans Tageslicht: "... das ist 'n tolles Bürstchen!"

Elke gegenüber sitzt Nicole (Name geändert). Sie macht ein fragendes, fast schon skeptisches Gesicht. "Das sagt mir alles nichts." Die Oberfränkin mit den großen, brauen Augen wiegt alle Gegenstände kurz in der Hand, ehe sie sie zur Seite legt. "Ich hab' mich nicht mal zu meiner Hochzeit geschminkt." Elisabeth Wolf lächelt. "Kein Problem. Wir probieren einfach aus, was Ihnen gefällt und was nicht." Noch habe sie es nie erlebt, dass sich eine Patientin enttäuscht wieder abgeschminkt habe. Nicole schaut immer noch zweifelnd. "Vielleicht bin ich ja die Erste..."

Die Seminarleiterin scheint den Einwand nicht zu hören. "Chemothera-pierte Haut ist sehr empfindlich", stellt Wolf fest. "Auch bei schlechtem Wetter ist daher eine Creme mit Lichtschutzfaktor gut." Doch bevor es ans Einschmieren geht, ist gründliches Reinigen angesagt. Elisabeth Wolf demonstriert, wie man mit einem Watte-Pad voller Reinigungsmilch "ganz zart" das Gesicht säubert. "Auch hinter den Ohren!" Die Damen - allesamt Mütter - grinsen.

Nun nimmt die Kosmetik-Fachfrau eine erbsengroße Menge so genannter Regenerationscreme und gibt die Anweisung: "Sanft auftragen, sozusagen einstreicheln." Die Damen folgen. Maria, 80 Jahre alt, schließt beim Eincremen ihre himmelblauen Augen und murmelt: "Das duftet ja gut..."
Bestens vorbereitet, verträgt die Haut nun "dekorative Kosmetik". Elisabeth Wolf zeigt, wie man mit Concealer Augenringe und Flecken wegzaubert, wie man Make-up-Creme "eindrückt, nicht einreibt" und mit Kompakt-Puder alles federleicht abpinselt.

Nicole nimmt das Tuch vom Kopf, das sie um ihren Haarflaum gewickelt hatte: "Das stört mich jetzt." Konzentriert bearbeitet die 43-Jährige ihr Gesicht und die Stirn, so dass ihr Teint eine Spur bronzefarbener wird. Die Lippen bekommen einen zarten Glanz. Die Kolleginnen nicken Nicole aufmunternd zu. "Das wird gut", meint die 54-jährige Elke, die ihre helle Haut mit einem Hauch Rouge veredelt.

"Das Auge ohne Augenbraue ist wie ein Bild ohne Rahmen", sagt Elisabeth Wolf und führt vor, dass es gar nicht schwer ist, ausgefallene Augenbrauen durch gemalte zu ersetzen. Die 77-Jährige erklärt auch, dass heller Lidschatten auf Stellen gehört, die hervortreten sollen, und dass dunkle Farben an den äußeren Augenwinkeln den Augen Tiefe verleihen. "Für den Lidstrich braucht man etwas Übung. Dafür kann er fehlende Wimpern ersetzen."

Nach gut zwei Stunden blicken alle Frauen zufrieden in die Silberspiegel vor sich. Auch Nicole: "Ich hasse es, wie manche Leute einen anstarren. Als käme der Tod persönlich auf sie zu. Deshalb ist es gut, wenn man solchen Erlebnissen mit ein bisschen Kosmetik vorbeugen kann."

Elke nickt und ergänzt: "Wenn man sich gut fühlt, ist das sicher auch gut für den Heilungsprozess." Allerdings warnt sie alle Menschen davor, sich auf den äußeren Eindruck zu verlassen: "Manchmal fühle ich mich beschissen und seh' trotzdem gut aus." Die 54-Jährige hat einen inoperablen Tumor im Kopf und wird sich weiteren Bestrahlungen unterziehen. Auch die zwei anderen Kursteilnehmerinnen sind mitten in der Therapie.

Alle drei sind während des Kurses ein Stück ihres Weges miteinander gegangen. "Ich wünsche Ihnen, dass Sie mindestens so alt werden wie ich", verabschiedet sich die 80-jährige Maria mit einem herzlich-schelmischen Lächeln von Nicole. "Das schaffen Sie." Offenbar hat der Kurs sein Ziel erreicht: nicht nur gut auszusehen, sondern sich vor allem auch so zu fühlen.

Info: Die gemeinnützige Organisation DKMS Life bietet überall in Franken "look good - feel better"-Kurse an: www.dkms-life.de