"Freeze!" Das kurze Wort durchschneidet den Raum, und tatsächlich verharren die Akteure auf der Bühne wie eingefroren. Betreuerin Dagmar Leifert erläutert die Unterbrechung. Es fehlt ein Telefon: "Alina, stell das mal dahin!" Die Schülerin nickt, die Schauspieler fahren fort. Es ist Probentag der Theatergruppe der Q 12 am Herzogenauracher Gymnasium.

Noch weitere zweimal wird das "Freeze" ausgesprochen, als spontane Unterbrechung, um etwas Wesentliches zu korrigieren. Es ist erst die zweite Probe am Donnerstag, weitere Nachmittage werden folgen, bis in die Nacht hinein, bevor am kommenden Freitag der Vorhang zum ersten Mal fällt. Lehrer Peter Vogel wird in der Abschlussbesprechung dieses zweiten Probentages feststellen, dass die Pausen zwischen den Sätzen noch zu lang sind, die müssen raus. Und: "Ich möchte euch gerne mitteilen, dass ihr manchmal viel zu langsam redet".
Sonst haben die Spielleiter nichts auszusetzen, die Akteure sind voller Elan und Konzentration bei der Sache. Und ihre Mitschüler finden es jetzt schon "saugeil". Spätestens bis zur Premiere, so sind sich die Betreuer sicher, wird alles klappen, und dann wird es den verdienten Applaus geben, wie alle Jahre für die Leistungen der Oberstufenschüler.

Diesmal aber wird sich der ein oder andere Besucher vielleicht ein Räuspern abzwingen, so provokativ sind manche Stellen, so kalt und ohne jede Romantik die Szenen, so dekadent die Gesellschaft. Und gewöhnungsbedürftig ist die Sprache: "Das ist mir scheißegal, wenn ihr das verkackt habt", schimpft Michael Göllner als Sergej Bator, ein Russe. "Kampflesbe" Mono (Leona Holzbecher) stellt fest: "Ich bin ein Arschloch, Alter. Ich kann nicht raus aus diesem Scheiß". Und Leo Torn, der Börsenmakler, gespielt von Laura Danziger, hat eine eigenartige Romantik: "Tita, nackt auf einem Fell, wie ich sie mit Wodka übergieß und mich totsauf an ihr".

Es ist ein verhängnisvolles Spiel, das in dem Stück "Letzter Aufruf" von Albert Ostermaier seinen Lauf nimmt. Es gibt keinen Gewinner, die Spieler sind allesamt Gestrandete, die sich irgendwo auf ihren Reisen durch die Welt verloren haben. Ihr Zuhause ist der Flughafen - kühl und unpersönlich ist die Atmosphäre, kaputt sind die Charaktere. Und dazwischen ein paar Auftragskiller, die dem Stoff den Thrill geben. Aber es ist auch ein Stück von der Sehnsucht und Heimatlosigkeit. Und dennoch: Wohl niemand möchte jemals eine der dargestellten Rollen wirklich sein.

"Die Figuren haben alle einen Hau weg", sagt Leona Holzbecher, die die Mono mimt. "Das sind doch kranke Menschen". Sie habe sich schon etwas überwinden müssen, die Rolle anzunehmen. "Was die Figuren denken, ich kann das nicht nachvollziehen". Und Laura Danziger meint: "Ich würde im echten Leben nicht so reden".
Trotzdem, oder gerade weil das Stück auch an die Grenzen geht, haben sich die Schüler gern ihrer Aufgabe gestellt. Leona, die zierliche 17-Jährige und gerade mal 1,57 Meter groß, freut sich über die Herausforderung: "Ich bin diesmal nicht klein und süß", sagt sie. Diesmal spielt sie eine Kampflesbe, die mit Drogen dealt.

Das Theaterspiel an der Kollegstufe des Gymnasiums hat eine lange Tradition. Vor 25 Jahren hat der Lehrer Bernd Müller den Anfang gemacht, die heutige Spielleiterin Dagmar Leifert (damals noch Daggi Kuhn) war als Schülerin dabei. Sie erinnert sich noch genau: "Der Untergang der Titanic" wurde damals gespielt. Seit zehn Jahren ist sie jetzt gemeinsam mit Lehrer Peter Vogel (Chemie und Bio) die Leiterin der Theatergruppe. Unterstützt werden sie im zweiten Jahr von Student Maximilian Nix.
Und was verbindet die beiden Stücke? Damals ging die Titanic unter, heute ist es die Gesellschaft.



Stück Bei "Letzter Aufruf" spielt alles in einer Nacht auf einem Flughafen, zwischen dem letzten und dem ersten Flug. Autor Albert Ostermaier wurde 1967 in München geboren und entdeckte als 16-Jähriger seine Liebe zur Literatur. "Letzter Aufruf" entstand im Jahr 2000.

Rollen Leo Torn lebt nur auf Flughäfen, Mono und Uma führen eine lesbische Beziehung, Alan betrügt eine Frau mit Sona, Richard fotografiert leidenschaftlich gern Leichen und blutige Szenen, Nazim lebt eit elf Jahren in der Flughafenhalle, da sie keinen Pass besitzt,zwei Hotelboten kommentieren das Geschehen.

Darsteller Laura Danziger (Leo Torn), Michael Göllner (Sergej Bator), Stefanie Kupfer (Tita, Torns Geliebte), Leona Holzbecher (Mono, DJane und Musikerin), Daniela Kleist (Uma, Ex-Model und Monos Freundin), Sebastian Hanke (Alan, ein Pilot), Karla Kuchenreuther (Richard, ein Fotograf), Regina Becker (Sona, eine Stewardess), Jeremy Walter (Ruiz, der Dichter), Jennifer Henl (Claudio Dieu, Filmproduzent), Jennifer Henl (Maurice), Lea Mayer (Nazim), Alina Baier (Barkeeper), Stefanie Krome und Sandy Dudek (Hotelboten).

Aufführungen sind von Freitag bis Sonntag, 22. bis 24. Februar, jeweils 20 Uhr am Gymnasium (Einlass 19.30 Uhr). Karten gibt's in der Aula des Gymnasiums und bei Schreibwaren Ellwanger. Preise: 4 und 6 Euro.