O b sich Filmregisseure bewusst sind, wie stark sie unser Geschichtsbild prägen? Die Galeerenszene in "Ben Hur", bei der angekettete Sklaven zum Takt einer martialischen Trommel auf Angriffsgeschwindigkeit "gepeitscht" werden, hat mit der Realität wenig zu tun.
In der römischen Marine der Kaiserzeit dienten Freigelassene oder Soldaten. Und für die schlanken Militärboote, die auf der Donau und ihren Nebenflüssen patrouillierten, wäre ein Trommler nur unnötiger Ballast gewesen.

"Vermutlich gab der Steuermann mit einer Bronzepfeife die Schlagzahl vor", sagt Prof. Boris Dreyer, von der Professur für Alte Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Historiker baut mit einem Team von Studenten und Interessierten eines der beiden etwa 16 Meter langen Ruderboote nach, die 1986 unweit des römischen Kastells von Oberstimm bei Ingolstadt gefunden wurden.

Das Flusskriegsschiff "Oberstimm 2" wird auf zirka 100 n.Chr. datiert. Der Nachbau trägt den Namen "Fridericiana Alexandrina Navis", kurz FAN. Er entsteht derzeit in einem Zelt am Rande des Uni-Sportgeländes an der Hartmannstraße.

Die römische Werft lag vermutlich näher am Wasser. Und die Legionäre kamen ohne Gehörschutz aus, weil die kreischende Motorsäge noch nicht erfunden war. Mit modernen Werkzeugen geht der Bau zwar schneller voran, die Arbeitsschritte bleiben jedoch dieselben.

"Learning by doing", das treibt die FANs an, wie die Helfer intern genannt werden. Ganz gleich, ob sie Rentner, Berufstätige oder Studenten sind, ob handwerklich versiert oder nicht. Der "Zweischichtbetrieb" läuft werktags von 8 bis 17 Uhr.
Bernd Wessolowski hat Schreiner gelernt und lange Jahre als Pfleger beziehungsweise Pflegedienstleiter gearbeitet. Als er im Internet von dem Projekt erfuhr, sagte er spontan zu. "Wann bekommt man in Bayern schon die Möglichkeit, ein Boot zu bauen?"

Pensionär Peter Clement vertreibt sich die Zeit mit Modellbau. Über 50 Schiffe hat er schon vom Stapel gelassen, darunter auch eine römische Galeere. Regelmäßig testet er seine Modelle auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal. "Ich freue mich, dass ich nun ein Modellschiff in Groß bauen kann", sagt er.

"So etwas macht man nur einmal im Leben", ergänzt Richard Reppisch, der sich auf Modelle von Dampfmaschinen und Dampfschiffen spezialisiert hat. Die Faszination Boot verbindet wohl alle Helfer.
Geschichtsstudent Johannes Nagy ist ebenfalls hoch motiviert: "Ich habe Zeit, und es macht Spaß." Johannes bringt nach eigenen Angaben keine handwerklichen Erfahrungen mit. Und er sei freiwillig hier, nicht wegen der ECTS-Punkte, die für das Schiffsbauseminar vergeben werden.

Die FAN ist nicht der erste Nachbau eines römischen Flusskriegsschiffes. Die 2008 in Hamburg getaufte "Victoria" orientierte sich ebenfalls an dem Fund von Oberstimm. Dagegen repräsentieren die "Regina" und die "Rhenana", die 2004 beziehungsweise 2010 in Regensburg und Germersheim in Dienst gestellt wurden, den spätantiken Schiffstyp "Navis Lusoria".

Bootsbaumeister Matthias Helterhoff aus Krummin auf Usedom hat alle Projekte betreut. Deshalb wurde er in Erlangen "angeheuert". "Es ist nicht so, dass die Arbeit mit jedem Nachbau leichter wird", sagt Helterhoff. Jedes Boot sei im Detail unterschiedlich und damit eine neue Herausforderung.
Im Frühsommer 2018 sind die ersten Testläufe auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal geplant. Dabei soll auch die antike Rudertechnik zum Einsatz kommen, die man bisher noch keiner Mannschaft eines Nachbaus zugemutet hat. Die freiwilligen Helfer freuen sich schon aufs Ausprobieren.

INFO: EGEA Verein "Erlebnis Geschichte und experimentelle Archäologie e.V.",www.egea-ev.de.