"Bitte schalten Sie Ihre Handys aus", ruft Thalia-Filialleiterin Ute Czapla den 320 anwesenden Gästen in ihrer Buchhandlung zu. Doch die Handys sind am Freitagabend nicht das Problem. Die werden nicht ausgemacht. Schließlich braucht man sie, um die anwesende Fußballlegende zu fotografieren.
Es sind die Jubelrufe einiger Gäste, die immer wieder das Gespräch zwischen Moderator Thomas Koschwitz und Lothar Matthäus unterbrechen. Das ist angenehm authentisch. Und auch dem Ehrengast des Abends scheint die lockere Atmosphäre zu gefallen. "In Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt ist mir das nicht passiert", sagt der DFB-Ehrenspielführer und erklärt es mit der direkten Art der Franken. Diesen Charakterzug habe auch er. Und damit habe er sich auch nicht immer nur Freunde gemacht.
Berti Vogts, Jürgen Klinsmann, Giovanni Trapattoni. Diese Namen nennt Matthäus, als er am Freitagabend in Anekdoten von ehemaligen Weggefährten spricht, mit denen er nicht so harmonierte. "Doch das ist alles Schnee von gestern", versichert der 51-Jährige.

Eine lange Freundschaft: Lothar Matthäus und Franz Beckenbauer
Als richtigen Freund bezeichnet Matthäus allerdings Franz Beckenbauer. "Er ist für mich da. Franz und ich führen ein ähnliches Leben", erklärt er. Beckenbauer sei ebenfalls offen, ehrlich und korrekt. Einige Unterschiede gebe es aber: Beckenbauer hatte nach seiner aktiven Fußballerkarriere erfolgreiche Trainerposten in Deutschland. Dadurch habe er sich ein sehr gutes Netzwerk bei den Medien aufgebaut. Das fehle Matthäus, der den Unterschied mit einem Witz erklärt:
 

"Wenn ich eine Frau anschaue, ist sie schwanger und bekommt ein Kind von mir. Franz Beckenbauer macht ein Kind, und es ist das Kind vom lieben Gott."

Schallendes Gelächter. Solche Einlagen kommen an beim Publikum, das den ehemaligen Weltstar für sich einnimmt. "Du bist Franke und einer von uns", ertönt es aus der Menge. Applaus.
Seine Wurzeln habe Matthäus nicht vergessen. Hier in Erlangen ist er 1961 in der Uni-Klinik geboren. 1981 habe er hier seine große Jugendliebe Silvia geheiratet, die er mit 17 Jahren kennen gelernt hatte.
Leger sitzt er im Ledersessel. Mischt die von Koschwitz angestoßenen Themen durcheinander. Wechselt zwischen Privatem und Beruflichem. Erzählt von seinem noch sehr guten Kontakt zu seinem Bruder:
"Mein Bruder ist absolut nicht neidisch. Wir hatten ein unterschiedliches Leben, mein Bruder ist ansässig in Herzgenaurach. Hat dort seine Familie. Ist nur einmal geschieden, ich bin viermal geschieden.” Applaus und Lacher. Die Zuhörer amüsieren sich sichtlich.

Matthäus sei zwar nicht mehr in Herzogenaurach ansässig, wo er bis zu seinem 18. Lebensjahr gelebt hat, aber noch eng verbunden mit seiner Heimat. Viele Freundschaften seien abgerissen. Aber das sei ganz normal, wenn man "dieses in Anführungszeichen Zigeunerleben führt wie ich". Applaus.

Zu allen seinen Ex-Frauen habe er nach wie vor einen tollen Kontakt. "Die sind ja auch gut bezahlt worden", scherzt er. Gelächter. Applaus.


Das schätzt Lothar Matthäus an seiner Heimatstadt Herzogenaurach
Mit Herzogenaurach verbindet Matthäus die Firmen Puma, Adidas und Schaeffler und viele Erinnerungen an die Schulzeit, an die ersten Schritte als Fußballspieler beim 1. FC Herzogenaurach, an das Elternhaus, wo er auch in diesem Jahr wieder Weihnachten feiern wird. Seinen ersten Kuss hatte er ebenfalls in Herzogenaurach, wie er seinen Fans am Freitag verrät. Da war er elf Jahre alt. Am meisten vermisst er den fränkischen Dialekt, wenn er in der weiten Welt unterwegs ist. Und das Essen: "Wenn ich hierher komme, dann ess ich einen fränkischen Karpfen, dann ess ich Blut- und Leberwürste, so was wird dann schon aufgetischt, bei meinen Eltern Zuhause."

Lothar Matthäus: seine Autobiografie Ganz oder gar nicht
Seine erste Autobiografie habe er geschrieben, um der Öffentlichkeit zu zeigen, wer der wahre Lothar Matthäus ist. Da er so erzogen worden sei, ehrlich, respektvoll und aufrichtig zu sein, habe er sich früher schon sehr stark über boulevardeske Falschmeldungen geärgert. Wenn Medien nicht auf die Privatssphäre Rücksicht genommen hätten. Er hebt seine Kinder dabei hervor: "Es wird auch über Mobbing in dem Buch geschrieben. Als meine Kinder in der Schule gemobbt worden sind, weil irgendetwas in der Zeitung gestanden war. Das waren dann schon Schmerzen für den Vater."

Matthäus: unerfahren in die weite Welt?
Beruflich hatte er eigenen Angaben zufolge anfangs seiner Karriere nicht immer den Mut zu großen Entscheidungen. Als 19-Jähriger lehnte er ein Angebot von Juventus Turin ab, obwohl der italienische Verein dem damals frisch berufenen Nationalspieler angeblich 20 mal mehr Gehalt gezahlt hätte. Bei Borussia Mönchengladbach verdiente er zu diesem Zeitpunkt 2500 DM brutto im Monat.
"Außerdem haben die Italiener mein Englisch nicht verstanden." Und wieder Applaus im Publikum.
Gerade diese Selbstironie gefällt vielen Gästen am Freitagabend. "Er hat sich selbst nicht so ernst genommen, das fand ich sympathisch", erzählt Sebastian Ferstl. Zusammen mit seinem Freund Frederic Wolf war er eigentlich nur aus Spaß zu der Veranstaltung gekommen und wurde positiv überrascht.
Die 24-jährige Shabnam Sharifi aus Ebermannstadt hingegen resümiert: "Der ist wie ich ihn aus dem Fernsehen kenne. Genau wie in seiner Doku-Soap auf Vox." Dennoch fand sie den Abend sehr unterhaltsam und lässt sich das Buch wahrscheinlich zu Weihnachten schenken.

Als angenehme, lockere Plauderei bezeichnete Ursula Rinkel-Steger, stellvertretende Thalia-Filialleiterin, den Abend mit Matthäus. Sie freue sich aber auch über ein untypisches Publikum, vorwiegend männlich und deutlich unter dem Altersdurchschnitt üblicher Lesungen im Haus.

Dass Matthäus keinen einzigen Satz aus seiner Biografie vorgelesen hat, stört an dem Abend nur wenige Gäste. Nach dem eineinhalb Stunden langen Gespräch mit dem Moderator schlägt Matthäus keinen einzigen Foto- und Autogrammwunsch aus, bevor er zufriedene Fans zurücklässt und nach Herzogenaurach fährt, um im Gästezimmer seiner Eltern zu übernachten.


Zitate von Lothar Matthäus am Freitagabend in der Thalia-Buchhandlung

"Das Buch ist leider keine Tageszeitung." Zum Hinweis, dass Matthäus im Buch noch behaupte, er sei zur Zeit glücklich liiert mit seiner Partnerin Joanna Tuczynska. Das Paar hatte sich erst nach der Buchveröffentlichung getrennt.

"Wo Feuer ist, da ist auch Rauch."

"Man braucht nicht immer die Kapitänsbinde, um Kapitän zu sein."

"Ich durfte Minuten später den Pokal in den Händen halten. War ein geiles Gefühl!" Auf die Frage, wie er sich im WM-Finale 1990 gefühlt hat, als nicht er, sondern Andreas Brehme den entscheidenden Elfmeter geschossen hat.

"Es wird immer zwischen den Zeilen gelesen. Und es wird von Journalisten immer etwas dazugedichtet. Nichts Positives, sondern meist Negatives."

"Ich hatte als Spieler nie Vorbilder. Ich hatte gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen. Und auch zu meinen Fehlern zu stehen. Und ich glaube jeder sollte seinen Weg selbst finden."

"Greuther Fürth braucht keine Tipps, sondern Punkte." Auf die Frage, ob Matthäus Tipps für die SpVgg Greuther Fürth hat, die gerade Tabellenletzter der Fußballbundesliga ist.

"Ich glaube zwar, dass die Spieler heute mehr verdienen, sie können aber nicht mehr so viel Spaß im Leben haben.Wir konnten früher mal mit Freunden ein Bierchen trinken und ungestört ohne iPhone-Bilder über die Straße laufen. Diese Privatsphäre hat man jetzt ein wenig verloren." Auf die Frage, ob Matthäus heutzutage gerne mit einem Spieler tauschen würde.

"Ich glaube, dass man das hier in Deutschland sehr häufig vergessen hat. Menschen zu respektieren und ihnen etwas zu gönnen. Das versuch ich auch in dem Buch rüberzubringen."

"Ich würde gar nichts anders machen. Wir müssen mit Fehlern leben. Wir haben alle Fehler gemacht. Wichtig ist, dass man aus Fehlern lernt. Und vielleicht braucht der eine zwei, drei, vier Fehler, um es endlich zu kapieren. Da schließ ich mich nicht aus."

"Mit 21 Jahren zu heiraten ist schon ein bisschen früh, würde ich sagen. Das sollte man nicht machen, weil man einfach zu wenig weiß vom Leben."