"Ich hoffe, ich habe euch all das mitgegeben, was ihr für euer Leben braucht" - einer der letzten Sätze, die Renate Kohlhepp (Name von der Redaktion geändert) von ihrer Mutter hörte. Schon am nächsten Tag war sie nicht mehr ansprechbar. Sechs Monate ist das her. Doch nicht nur zu Allerheiligen, dem Tag, an dem besonders den Toten gedacht wird, erinnert sich Renate Kohlhepp daran und kämpft gegen die Tränen. Vergeblich.

Nur anderthalb Tage verbrachte ihre Mutter auf der Palliativstation des Höchstadter Krankenhauses, dann schlief sie friedlich ein. Ein Ort, wo Sterbende auf ihrem letzten Weg begleitet werden. Wo der Tod dazu gehört. Wo Leid und Erlösung nahe beieinander liegen. "Die Palliativstation ist kein trauriger Ort. Im Gegenteil. Die Angst fällt dort von dir ab, die Zeit ist ausgeschaltet", sagt Kohlhepp.

Eine Woche bevor sie starb, wurde Renate Kohlhepps Mutter nach einem Sturz operiert. Diagnose: Oberschenkelhalsbruch. Dass ihr Weg auf der Palliativstation enden würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt keiner. Immerhin war sie schon öfter gestürzt, hatte Operationen immer gut überstanden. Doch diesmal war alles anders. Diesmal hat sie sich nicht wieder von den Strapazen erholen können. Multiples Organversagen war die Folge. "Bevor sie auf die Palliativstation kam, dachte ich noch, sie schafft es doch. Sie war ein Stehaufmännchen", erzählt Kohlhepp. Doch stattdessen verschlechterte sich ihr Zustand zusehends, und fing langsam an, sich ganz bewusst mit der "anderen Welt" auseinanderzusetzen: "Sie erzählte, wie sie ihre Beerdigung haben will. Das machte mir schon Angst."

Gespräche anbieten und zuhören

Für Schwester Christiane sind solche Gespräche dagegen ganz normal. Jeder Patient auf der Palliativstation bereitet sich anders auf den Tod vor. Manche mehr, manche weniger. Die einen sind noch voller Hoffnung, klammern sich an jeden Strohhalm, andere haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden. "Viele haben Angst vor dem Sterben und wollen darüber reden. Andere verschließen sich und wollen in Ruhe gelassen werden", erklärt Christiane Bachmayer. Letztlich geht es nur um eins: Gespräche anbieten, zuhören, nichts aufzwängen: "Wir holen die Sterbenden da ab, wo sie gerade stehen", sagt Oberarzt und Palliativmediziner Marcus Troyke.

Und das gilt nicht nur für die Patienten, auch die Angehörigen sind auf Hilfe angewiesen, brauchen Beistand und Begleitung beim schwierigen Prozess des Loslassens. Genauso wie Renate Kohlhepp. Ihr war zuerst ein bisschen mulmig, als sie das erste Mal die Palliativstation betrat. "Ich war total angespannt. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt", erinnert sie sich.

Doch diese Unsicherheit war schnell verflogen. Beeindruckt von den warmen Farben im Krankenzimmer ihrer Mutter, den frischen Blumen neben dem Bett und der beruhigenden Musik, die im Hintergrund lief, empfand sie die Palliativstation schnell als würdiges Umfeld zum Sterben: "Ich habe mich gefühlt wie in einem Kokon. Erst wenn du aus der Tür herausgehst, erschlägt dich alles wie ein Hammer." Auf der Station dagegen keine Hektik, kein Stress. Stattdessen ausreichend Ruhe und Freiraum, um die letzten gemeinsamen Stunden intensiv erleben zu können: "Es war ein positiver und würdiger Abschied."

Die letzte Zigarette auf dem Krankenbett

Genau darum ging es auch Schwester Christiane, als sie sich vor vier Jahren für die Ausbildung zur Palliativ-Pflegefachkraft entschieden hat. Sie wollte mehr Zeit für Patienten haben, ihnen das Lebensende so gut wie möglich gestalten. "Die Wünsche der Patienten sind uns Befehl", sagt die 60-Jährige. Und die können ganz unterschiedlich ausfallen: Eine letzte Zigarette draußen auf dem Krankenbett hat es bereits genauso gegeben wie ein letztes Mal Haareschneiden vom Friseur. Alles ist möglich. "Der Tod ist bei all dem aber von Anfang an mit im Boot", betont Marcus Troyke.

Einzelne Schicksale nehmen ihn und Schwester Christiane immer wieder mit. Grundsätzlich bleiben sie aber professionell, nehmen ihre Arbeit nicht mit nach Hause. Vieles wird gemeinsam im Team besprochen und verarbeitet. Spurlos vorbei geht die tägliche Arbeit mit dem Tod dennoch nicht. Wie möchte man sterben? Wen möchte man dabei haben? Fragen, die auch Oberarzt Troyke und Schwester Christiane immer wieder durch den Kopf gehen: "In diesem Job beschäftigt man sich intensiv mit der eigenen Sterblichkeit. Auch wir haben Angst vor'm Sterben. Keiner ist frei davon", gesteht Troyke. Und Schwester Christiane ergänzt: "Es kann immer vorbei sein. Deshalb sollte man sich mit seinem Ende beschäftigen - und gleichzeitig nichts im Leben aufschieben."

Bevor ihre Mutter gestorben ist, hat Renate Kohlhepp das Thema Tod immer eher von sich weggeschoben. Die Endgültigkeit des Abschieds von einem geliebten Menschen machte ihr Angst. "Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Man weiß nur, dass es weh tun wird", sagt Kohlhepp.

"Das konnte ich am Anfang nicht verkraften"

Und das tat es auch. In dem Moment, als es passierte, war Renate Kohlhepp nicht bei ihrer Mutter. Stundenlang saß sie zuvor am Krankenbett, hielt liebevoll ihre Hand. Zwischendurch wollte sie nur kurz nach Hause, sich duschen und frisch machen. Als sie nur eine Stunde später zurück auf die Station kam, war ihre Mutter bereits tot. Renate Kohlhepp machte sich große Vorwürfe: "Das konnte ich am Anfang nicht verkraften." Wieder rollen ihr die Tränen über das Gesicht. Trost fand sie bei Schwester Christiane. Sie konnte Renate Kohlhepp beruhigen: "Deine Mutter hat gewartet, bis du das Zimmer verlassen hast. Sie wollte dich nicht damit belasten."

Familie und Freunde helfen ihr jetzt, die Trauer Schritt für Schritt zu bewältigen. Aber auch ihr Glaube: "Der Glaube hat auch meiner Mutter geholfen. Sie hat sich gefreut, ihren Mann wiederzusehen. Und ich glaube, dass sie gut angekommen ist." Glaube gibt Kraft. Daran glauben auch Oberarzt Troyke und Schwester Christiane: "Mit dem Tod ist nicht alles vorbei. Der Mensch besteht nicht nur aus Molekülen", ist Troyke überzeugt.

Am Grab fühlt sich Renate Kohlhepp ihrer Mutter sehr nah: "Es ist ein Ort, wo die Verbindung zu ihr sehr stark da ist." Immer wieder spricht sie dann zu ihr. Nicht nur in Gedanken, sondern ganz in echt: "Ich hab' auch das Gefühl, dass da etwas von ihr zurück kommt." Und so bleibt der Dialog zwischen ihr und ihrer Mutter ewig bestehen. Auch über den Tod hinaus.

Die Palliativeinheit "Lichtblick":

Ziele 2009 wurde die Palliativeinheit "Lichtblick" im Kreiskrankenhaus St. Anna eröffnet. Sie widmet sich Patienten mit nicht mehr heilbaren Erkrankungen. Ziel ist, alle quälenden Beschwerden zu lindern und eine bestmögliche Lebensqualität zu erhalten. Eine Entlassung in die vertraute häusliche Umgebung wird angestrebt. Auch die Aufnahme in eine Pflegeeinrichtung oder ein Hospiz ist möglich.

Erinnerung Ein Gedenkgottesdienst für Angehörige der Verstorbenen findet am 26. November, 19 Uhr, in der Spitalkirche statt.