Unterschiedlicher können die Ansichten nicht sein. Während sich die Umweltbeauftragte der Stadt, Monika Preinl, über das Wachstum der Jungstörche auf dem Schlossdach freut, ist "Storchenvater" Edmund Lenz aus Höchstadt ganz anderer Meinung. Er behauptet, dass das Trio keine Chance hat, den Flug in den Süden zu überstehen.
Auf den Dächern des Schlossgebäudes hat sich in unmittelbarer Nachbarschaft zweimal Nachwuchs eingestellt. Im Nest auf dem Südflügel zieht ein Paar die Jungen groß, nebenan auf dem Ostflügel ist es aber nur ein alleinerziehender Vater. Dessen Gattin ist seit Wochen nicht mehr aufgetaucht, so dass Papa Storch seither versucht, die Brut alleine zu versorgen.
Für Storchenexperten Edmund Lenz war dieses Ansinnen zum Scheitern verurteilt. Er versuchte deshalb, mit Eintagsküken zuzufüttern, die er auf einem Flachdach des Rathauses auslegte (der FT berichtete am 20. Juni: "Ein tapferer Storchenpapa"). 14 Tage habe er das versucht, doch die Störche nahmen die Mahlzeiten nicht an, sagte Lenz. Daraufhin hat er die Fütterung eingestellt. Wenn die Vögel das nach dieser Zeit nicht angenommen haben, "dann wollen sie einfach nicht." Ergo: Der Storchenpapa kümmerte sich weiter selbst um seine drei Jungen. Abwechselnd brachte er Wasser und Fressen, und währenddessen wuchsen die Kinder zu Jugendlichen heran.
Inzwischen sind sie so groß, dass sie auch vom Boden aus gut zu sehen sind und zumindest mit dem Auge eines Laien gar nicht mehr so leicht vom Altvogel unterschieden werden können. Monika Preinl freut das: "Denen geht's prima", sagt sie. "Die stehen proper dort droben." Den Flug in den Süden "schaffen sie bestimmt", fügt sie an.


Die Nachbarn sind weiter

Edmund Lenz behauptet das Gegenteil. Man müsse sie im Vergleich zu ihren Kameraden auf dem anderen Dach betrachten. Denn diese seien weitaus kräftiger und weiter entwickelt, obwohl sie etwa zur gleichen Zeit geschlüpft seien. Die Halbwaisen hingegen würden im Wachstum stagnieren. Nach Ansicht des "Storchenvaters" haben sie höchstens zweieinhalb Kilo Gewicht. Das aber sei zu wenig. Lenz wird deutlich: "Die schaffen den Zug in den Süden auf keinen Fall. Sie sind zum Tode verurteilt."
Unterdessen macht das Jugendtrio erste Hüpfversuche. Die Störche breiten ihre Schwingen aus und heben ab. Bald werden sie ihren ersten Flug unternehmen. Monika Preinl und der Herzogenauracher Storchenfotograf Heinz Czellnik beobachten das täglich. Sie vertrauen dem Storchenvater, der ein sehr erfahrener Altvogel ist, der schon seit vielen Jahren Nachwuchs aufzieht. Im Talgrund rund um Herzogenaurach finde er viel Nahrung. Deshalb wäre es auch gar nicht nötig gewesen zuzufüttern, meint Preinl.
Grundsätzlich sieht sie die Störche als Wildtiere. Man sollte nicht allzu sehr in ihr Leben eingreifen und die Natur besser sich selber überlassen. Wenn man wilde Tiere domestiziert, dann würden diese abhängig. Freilich drückt sie den Jungstörchen die Daumen, dass sie es auch wirklich schaffen. Denn das Verhältnis zwischen Mensch und Weißstorch war schon immer ein besonderes.
In Herzogenaurach sind nach Mitteilung von Heinz Czellnik aus vier Nestern Junge hervorgegangen. Jeweils drei sind es auf dem Schlossdach sowie auf der Beyschlagschen Apotheke, ein Jungtier entstammt dem Horst auf der Brauerei Heller.