Hier fränkische Fachwerkidylle, dort die futuristische Architektur boomender Weltkonzerne - Besucher, die Kontraste lieben, kommen in der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach voll auf ihre Kosten. Und demnächst sogar noch ein bisschen mehr. Denn die hier beheimateten Großen des internationalen Sportartikel-Business, Adidas und Puma, wollen in diesem Frühjahr mit der Eröffnung neuer Gebäudekomplexe weitere architektonische Ausrufezeichen setzen. Herzogenaurach, Heimat von gleich drei Weltkonzernen, erlebt derzeit einen beispiellosen Bauboom.

Den Wettstreit der beiden Rivalen Adidas und Puma um die sichtbarste Präsenz an dem Ort, in dem beide ihre Wurzeln haben, hat womöglich Puma gewonnen. Denn wer die Umgehungsstraße im Norden Herzogenaurachs passiert, stößt zwangsläufig auf das torartige Ensemble der erweiterten Puma-Firmenzentrale. Die Bürokomplexe beiderseits der Verkehrsader sind in luftiger Höhe mit einer 85 Meter langen Gangbrücke verbunden - getragen von 12 Stahlseilen eines 36,6 Meter hohen Pylonen. Der neu erbaute Bürokomplex nördlich der Umgehungsstraße werde in den nächsten Wochen bezogen, sagt eine Puma-Sprecherin.


Riesige Bauprojekte


Drei Autominuten nördlich davon, im Stadtteil "Herzo Base", benannt nach der dort einst untergebrachten US-Kaserne, gehören Kräne seit Jahren zum gewohnten Bild. Auf der weitläufigen Anhöhe, die die US-Militärs jahrzehntelang als Horchposten gen Osten genutzt hatten, hat sich in den 1990er Jahren der Sportartikelkonzern Adidas niedergelassen. Auf 39 Hektar ist hier in den vergangenen 25 Jahren die "World of Sports" entstanden - eine campusartige Ansammlung von Bürogebäuden, Ausstellungshallen, Mitarbeiter-Restaurants, Betriebs-Kindergarten, einem Betriebs-Fitnessstudio und weitläufigen Grün- und Sportanlagen.

Hinzu kommt demnächst der Gebäudekomplex "Arena" - ein auf schrägstehenden Stützen ruhender dreistöckiger Bürokomplex für 2000 Mitarbeiter. Es soll Anfang 2019 eröffnet werden. Kurz vor der Fertigstellung steht das künftige Eventzentrum samt Mitarbeiter-Restaurant, der Komplex "Halftime".
Beide Weltkonzerne reagieren mit ihrem Bauboom vor allem auf ihr starkes Wachstum in den vergangenen vier bis fünf Jahren. Dass vor allem Adidas nach den jüngsten Umsatzsprüngen bei seiner Infrastruktur an seine Grenzen stößt, hatte erst Mitte März Adidas-Chef Kasper Rorsted bei der Bilanzpressekonferenz eingeräumt. Allein in Herzogenaurach arbeiten inzwischen etwa 5600 der knapp 56 900 Adidas-Mitarbeiter. Rund 1100 sind es am Standort Herzogenaurach bei Puma.

Weitere 8400 Menschen arbeiten beim dritten Herzogenauracher Weltkonzern: dem Auto- und Industriezulieferer Schaeffler. Das 1946 gegründete Unternehmen hat hier nicht nur seine Konzernzentrale, sondern auch ein großes Werk; außerdem ein Forschungs- und Entwicklungszentrum sowie eine Akademie für Mitarbeiter und ein Ausbildungszentrum für den Schaeffler-Nachwuchs.

An Arbeitsplätzen herrscht in der fränkischen Kleinstadt im Aurachtal also kein Mangel. Theoretisch gibt es für jeden der 24 000 Herzogenauracher - vom Neugeborenen bis zum Greis - einen Job. Und selbst dann blieben noch Arbeitsplätze unbesetzt. "Seit ein paar Monaten haben wir mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze als Bürger", berichtet Bürgermeister German Hacker (SPD).


Pendler sorgen für Staus


Was das für die Kleinstadt und ihre Nachbarorte bedeutet, lässt sich an den allmorgendlichen Staus auf den Einfallstraßen der Umgebung ablesen: Die Stadt hat einen Einpendlerüberschuss von 13 500 Beschäftigten. Die meisten nutzen mangels attraktiver Alternative notgedrungen das Auto auf dem Weg zur Arbeit. Die Bahn nach Herzogenaurach wurde vor Jahrzehnten eingestellt. Das Stadtoberhaupt setzt jetzt auf die Pläne für eine Stadtumlandbahn nach Erlangen und Nürnberg. Bis sie kommt, bietet Adidas seinen in Nürnberg lebenden Mitarbeitern einen Bustransfer nach Herzogenaurach an - drei firmeneigene Buslinien erschließen die benachbarte Großstadt.

Denn von der Vorstellung, einmal in Herzogenaurach leben zu können, habe sich viele Beschäftigte längst verabschiedet. Für großzügigen Wohnungsbau fehle es der Stadt an Bauland, macht Bürgermeister Hacker klar. Ein bisschen zulegen will die boomende Stadt dennoch: Geplant sei in den kommenden Jahren der Bau von rund 5000 Wohnungen - 3000 auf neu ausgewiesen Flächen am Stadtrand, 2000 in Baulücken.

Angesprochen auf den Geldsegen, mit dem die 24 000-Einwohnerstadt in Form von Gewerbesteuer seiner Weltkonzerne profitiert, gibt sich das Stadtoberhaupt zurückhaltend. Klar, mit im Schnitt 32 Millionen Euro Gewerbesteuer in den vergangenen zehn Jahren liege Herzogenaurach schon deutlich über dem, was so in die Kassen vergleichbarer Kommunen fließe. "Aber mit den Firmenerweiterungen sind auch erhebliche kommunale Investitionen verbunden", macht Hacker klar. Man nehme nur die geplante Südumgehung, mit der ein stark belasteter Ortsteil vom täglichen Pendlerverkehr entlastet werden soll. "Die Straße kostet 40 Millionen Euro. Mit 20 Millionen Euro ist die Stadt dabei."