Ein Landwirt in Lonnerstadt hat heute mit Klimawandel, Umwelt- und Tierschutz, Behörden und ausländischer Konkurrenz auf dem Agrarmarkt zu kämpfen. Im 15. Jahrhundert ging es da noch viel handfester und brutaler zur Sache.

Mit Spieß und Wurfhacke

Damals wurde Lonnerstadt an reiche Patrizier aus Nürnberg verkauft. Und die Reichsstadt Nürnberg begann 1439, ihre untertänigen Bauern auf dem Land auf künftige Kriege vorzubereiten und deren Verteidigung zu organisieren. So sollte sich jeder Bauer mit einem Harnisch, einem Eisenhut, einer Armbrust oder Büchse bewaffnen. Wer dazu nicht in der Lage war, sollte sich wenigstens mit einem Spieß, einer Wurfhacke, zwei Handschuhen und einem Blechhobel rüsten.

Welche Lonnerstadter Bauern im Alter zwischen 18 und 60 Jahren sich damals derart bewaffnen mussten, können interessierte Bürger heute noch genau nachlesen - auf einer von 40 großen Schautafeln im Dachstuhl der Lonnerstadter St.-Oswald-Kirche.

Hier verbirgt sich "der Schatz unter dem Kirchendach", wie es Walter Zwingel formuliert. Der in einem Anwesen unweit der Kirche geborene und heute noch dort lebende Lonnerstadter war 2010, im Jahr der 1100-Jahr-Feier der Gemeinde, auf die Idee gekommen, den Dachboden der Oswald-Kirche in einen Ort für eine Dauerausstellung zu verwandeln.

Die Exponate lieferte Rainer Hörlin. Er war von 1969 bis 2007 Lehrer an der Volksschule Lonnerstadt und hatte jahrelang die Geschichte des Ortes erforscht. Besonders die Lebensverhältnisse der Lonnerstadter Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg hatten es ihm angetan. Die Ergebnisse seiner Recherchen schrieb er in dem Buch "Lonnerstadt - Spuren der Vergangenheit" nieder, dessen Erstausgabe 1983 erschien. "Die wichtigsten Stationen des Ortes wollte ich zum Jubiläumsjahr plakativ darstellen", sagt der inzwischen 74-jährige Hörlin mit Blick zurück.

Auf 40 Tafeln ist ihm das bestens gelungen. Nach dem Jubiläum wanderten die Tafeln unters Kirchendach. Dort hängen sie seit neun Jahren. Jeweils zur Kirchweih öffnet Walter Zwingel die Ausstellung. Wer Interesse hat, darf aber unter der Telefonnummer 09193/1760 jederzeit mit Zwingel einen Besuchstermin vereinbaren.

Wer sich etwas Zeit nimmt, kann tief in die Geschichte Lonnerstadts eintauchen. Er erfährt beispielsweise, dass es in Lonnerstadt, das an einer uralten Heer- und Handelsstraße lag, im 18. Jahrhundert 16 Gasthäuser gab, die Durchreisenden Quartier boten.

Die Ausstellung von Rainer Hörlin informiert ebenfalls über alle Auswanderer aus Lonnerstadt, darunter der 13-jährige Johann Hübner. Er zog allein nach Amerika, arbeitete sich vom kleinen Angestellten zum großen Immobilienhändler hoch und wurde Senatspräsident im US-Bundesstaat Maryland.

86 Prozent für die NSDAP

Hörlin beleuchtet auch ein dunkles Kapitel - die Reichstagswahlen 1933. Hitlers NSDAP bekam damals im Reich 44 Prozent der Stimmen. In Lonnerstadt lag ihr Stimmanteil mit 86 Prozent fast doppelt so hoch.

Eine Liste aller Lonnerstadter Handwerker im Jahr 1883 hängt ebenso unter dem Kirchendach wie die "Gemein-Ordnung" von 1555, in der steht, dass keinem Einwohner das Schank- oder Braurecht verwehrt werden darf.