Betroffenes Schweigen herrscht, als Gudrun Pausewang aus ihrem Buch "Ich war dabei - Geschichten gegen das Vergessen" liest. Die 84-jährige Autorin stellt ihr Werk Zehntklässlern der Höchstadter Realschule vor.
Pausewang ist eine der wenigen Zeitzeugen des Dritten Reiches. Als sie aus ihrem bewegten Leben erzählt, gesteht sie freimütig: "Ich war damals, wie die meisten von uns, sehr begeistert und ich glaubte wirklich das, was uns die Nazis zur Erziehung mitgaben. Wir wurden von Anfang an zu Nazis erzogen."
Die damalige Jugend nahm durch die - gegenüber heute - ganz andere Erziehung alles ohne Kritik an, was Eltern, Erzieher und die Medien sagten. "Wir glaubten es und weil wir daran glaubten, sind wir Nazis geworden!", erklärt sie den staunenden Schülern.
Als älteste Tochter eines Landwirts wuchs die Autorin mit fünf Geschwistern in Ostböhmen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg - ihr Vater war gefallen, als sie 15 Jahre alt war - floh die Familie nach Westdeutschland. "Meine Mutter marschierte mit uns sechs Kindern und einem Handwagen einfach los. Nach sieben Wochen Fußmarsch kamen wir nach Wiesbaden." Dort fand die Familie eine neue Bleibe und die siebzehnjährige Gudrun besuchte das Gymnasium bis zum Abitur. Anschließend studierte sie Lehramt.
" Schon während des Krieges schwärmte ich für Südamerika und meinte, wenn ich Lehrerin werde, komme ich bestimmt günstig in diese Länder", berichtet sie. Ab 1956 unterrichtete sie dann für fünf Jahre an einer deutschen Schule in Chile und anschließend noch zweieinhalb Jahre in Venezuela. In dieser Zeit war sie viel in Mittel-, Nord- und Südamerika unterwegs, bis sie Ende 1963 wieder nach Deutschland zurückkehrte und dort anfing, neben ihrer Lehrertätigkeit Germanistik zu studieren.
Von 1967 bis 1972 ging sie mit ihrem Mann nach Kolumbien, kehrte aber dann doch mit ihrem zweijährigen Sohn endgültig nach Deutschland zurück. Heute lebt sie in Schlitz in Osthessen, wo sie bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin tätig war. "So lange ich kann, will ich meine Geschichten weitergeben, denn eine Wiederholung solch einer Katastrophe darf es nie mehr geben", versichert sie den Schülern der Klassen 10c und 10d.
Die jungen Leute erfahren von der Macht des Liedes und der Musik. "Zwei Mal in der Woche mussten wir nachmittags antreten: zum Sport und zur politischen Bildung", erinnert sie sich. "Wir erfuhren zum Beispiel, dass wir nicht mit jüdischen Kindern spielen dürfen, denn die Juden wollen das deutsche Volk zerstören", fährt sie fort. "Jede Woche lernten wir damals ein neues Lied - deutschlandweit - und zwar speziell Marschlieder, die oft zu richtige Ohrwürmern wurden. Lieder können wie Drogen wirken und wir wurden hauptsächlich über Liedern zu Nazis gemacht", gibt sie zu. "Ich habe sogar geweint, als Hitlers Todesnachricht verkündet wurde, und erst ganz am Schluss ist mir aufgegangen, wie skrupellos dieser Mann war. Das tat weh!"
"Erst 1970 fing ich mit Kinder- und Jugendbüchern an", erzählt sie. Von ihren 95 Büchern sind 23 Bücher für Erwachsene, 24 für Kinder bis zehn Jahre und die restlichen 48 sind für Jugendliche geschrieben.
Aus ihrem Buch "Ich war dabei" liest sie die Geschichte vom Lehmstampfer vor. Ein Großvater verletzt absichtlich seinen kriegsbegeisterten Enkel mit dem Lehmstampfer so, dass er nicht noch in den letzten Kriegstagen eingezogen werden kann. Mit dieser List rettete er ihm sein Leben. Dies ist nur eine der 20 Geschichten, in denen man immer wieder den Schmerz und das Grauen vor den Verbrechen der NS-Zeit findet.
Auch einige Flüsterwitze, die gegen das System und gegen Hitler kursierten, hörten die Schüler. "Die durfte man aber nur solchen Leuten hinter vorgehaltener Hand erzählen, auf die man sich verlassen konnte", erklärt sie. "Woher wusste man nun, dass man sich auf jemand verlassen konnte?", fragt einer der Schüler am Ende der Lesung erschüttert. "Man konnte Witze und Bedenken gegen das Regime eventuell Eltern, Geschwistern und Freunden weitergeben, aber auch da war man nie sicher - also am besten für sich behalten", antwortet sie. "Wie wurden Jugendliche bestraft, die was Kritisches gesagt haben?", war eine andere Frage. "Sie wurden von der Teilnahme am Dienst (Dienst war etwas Positives) für oft drei Monate ausgeschlossen. Je nach Schwere des Vergehens kamen sie in Umerziehungsheime, wo man viele von ihnen regelrecht kaputt gemacht hat", ist Pausewangs Antwort. "Erzählen die Geschichten im Buch ihr eigenes Leben?", ist die Frage eines anderen Schülers. "Ich erlebte die Geschichten entweder selbst oder ich erfuhr sie von Augenzeugen, wie die Geschichte mit dem Lehmstampfer."