Vor 100 Jahren wurde die Herzogenauracher Baugenossenschaft "Eintracht" in das Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Fürth eingetragen. Die Gründung geht auf eine Initiative christlicher Gewerkschafter zurück. Herzogenaurach hatte damals knapp unter 3000 Einwohner, die meisten davon arbeiteten in den Schuhfabriken oder als Tuchmacher. Im Jahr 1910 waren noch 100 selbständige Meister im Tuch- und Schuhmachergewerbe tätig, daneben gab es viele landwirtschaftliche Betriebe.

Für die steigende Zahl der Fabrikarbeiter stellte die mangelnde Zahl an Wohnungen zunehmend ein Problem dar. Im Jahr 1918 präsentierte der spätere Nürnberger Stadtrat Nikolaus Sommer von der Bayerischen Volkspartei die Nürnberger Baugenossenschaft "Selbsthilfe" in Herzogenaurach, deren Geschäftsführer er war.

Der Arbeiterverein stand Pate

Seine Ausführungen fielen auf fruchtbaren Boden. Denn aus dem Umfeld des katholischen Arbeitervereins fanden sich unter der Führung des Schuhfabrikarbeiters Benedikt Wellein 15 Genossen zusammen und gründeten in Herzogenaurach die Baugenossenschaft "Eintracht". Diese wurde am 22. September 1918 in das Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Fürth eingetragen. Zum Vorstand wurde Heinrich Alke gewählt, Nikolaus Schaub fungierte als Kassier und Wendelin Kurr als Schriftführer. Den Aufsichtsrat führte Benedikt Wellein, dem weitere drei Genossen zur Seite standen.

200 Mark hatte jedes Mitglied als Geschäftsanteil einzuzahlen. Die Genossen gingen unverdrossen daran, ein Baugelände für ihr Vorhaben zu suchen. Eine Möglichkeit, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen, ergab sich, als Brauereibesitzer Melchior Fröhlich in der Vorstadt, gegenüber dem Liebfrauenhaus, das nötige Gelände mit drei Hektar zur Verfügung stellte. Der Kaufpreis betrug 16 000 Mark.

Schufabriken stiegen ein

Da die Genossen allein diese Summe nicht aufbrachten, übernahmen die Verantwortlichen der Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken für 10 000 Mark Geschäftsanteile an der "Eintracht". Denn bereits in einem Schreiben vom Januar 1919 hatte der Herzogenauracher Arbeiter- und Soldatenrat wegen der Wohnungsnot die Verantwortlichen der Firma dazu aufgefordert, sie bei der Suche nach Wohnungen zu unterstützen oder den Bau von Werkswohnungen anzuregen.

Ebenfalls für 10 000 Mark Geschäftsanteile übernahm das Seraphische Liebeswerk in Altötting unter der Leitung von Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich, der seiner Heimatstadt Herzogenaurach immer verbunden blieb. Diese hatte im Jahr 1920 die Einwohnergrenze von 3500 überschritten. Die steigende Einwohnerzahl führte noch mehr zu einem Mangel an Wohnungen. "Die Heiratslustigen werden je nach Reihenfolge der Anmeldung mit einer Wohnung bedacht und müssen sich unter allen Umständen mit der Wohnung zufrieden geben, die ihnen zugewiesen wurde", findet sich im Stadtratsprotokoll vom 7. Mai 1920 vermerkt.

Mit Stall für Schweine und Ziegen

Die Baupläne für die ersten Gebäude der neu gegründeten Baugenossenschaft lieferte das Architektenbüro Heinrich & Berner in Nürnberg. Bereits am 2. Januar 1920 konnten sechs Wohnungen in der Eichelmühlgasse 6, 8 und 10 bezogen werden. Die abgeschlossenen Dreizimmerwohnungen mit Vorplatz waren für Arbeiterwohnungen ein Fortschritt und auch wegweisend für alle späteren Wohnungsbauten in Herzogenaurach. Auf Wunsch der Mitglieder wurde für jede Wohnung auch ein Stall für Kleintiere wie Schweine, Ziegen und Gänse erstellt. Zur Selbstversorgung hatte jeder Eigentümer außerdem ein Gartengrundstück.

Im September 1921 war die Stadt Herzogenaurach an das Stromnetz angeschlossen worden, bereits 1917 hatten die Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken in der Würzburger Straße Strom zum Betreiben ihrer Maschinen erhalten.

Im Sommer des Jahres 1921 wurde der zweite Wohnblock an der Eichelmühlgasse, Hausnummer 12, 14 und 16, mit weiteren sechs Dreizimmerwohnungen fertiggestellt. Jede Wohnung war mit einem WC, Herd, Ofen und Spülnische ausgestattet. Außerdem wurde ein zweiter Brunnen angelegt.

Großfamilie in einem Zimmer

Danach brachte allerdings die einsetzende Inflation die Bauaktivitäten zum Erliegen. Im Jahr 1922 standen in Herzogenaurach 88 Familien auf einer Liste, denen dringend eine größere Wohnung zugewiesen werden sollte. Darunter befanden sich solche, wo Eltern mit ihren fünf Kindern oder mehr in einem Zimmer untergebracht waren. Auf großen Widerstand stießen die Verantwortlichen der Stadtverwaltung in der Bevölkerung, wenn leer stehende Räume an Wohnungssuchende zwangsvermittelt wurden.

Die Inflation erreichte vor allem im Jahr 1923 ungeahnte Höhen. Am 2. November 1923 kostete ein Sack Mehl 2 Billionen Mark.

Der Heimatdichter Michael Kreß hat diese Inflationszeit in einer fiktiven Grabinschrift verewigt:

"Ein Biedermann war's ohne Frage,

Im Trinken etwas nur zu stark,

vertrank er doch an einem Tage

an siebenhunderttausend Mark."

Stadtpfarrer Joseph Müller notierte in der Pfarrchronik, dass 1 Billion [Papier]-Mark Mitte November 1923 in 1 [Renten]-Mark umgetauscht wurde. Nach der Einführung der Rentenmark (ab November 1924 der Reichsmark) am 15. November 1923 wurden zum 1. Januar 1924 auch die Geschäftsanteile der "Eintracht" aufgewertet. Sowohl die Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken als auch das Seraphische Liebeswerk zogen daraufhin ihre Geschäftsanteile in Höhe von jeweils 10 000 Rentenmark ab.

Vier von fünf ohne Arbeit

Zu Ende des Jahres 1925 waren in Herzogenaurach 80 Prozent der Arbeiter erwerbslos. An staatlicher Unterstützung erhielten der Mann 12,20 Mark, die Frau 2,95 Mark pro Woche. Für jedes Kind wurden 2,10 Mark gezahlt. Die Höchstdauer der Unterstützung betrug 39 Wochen.

Mit Notstandsarbeiten wurde versucht, die Betroffenen in Lohn und Brot zu bringen. Bei der Drainage in der "Pfanne", einem Flurstück zwischen Herzogenaurach und Beutelsdorf, konnten 70 bis 80 Erwerbslose im Jahr 1926 beschäftigt werden. Auch im Hirtengraben wurde die Kanalisation im Rahmen dieser Arbeiten verlegt. Außerdem wurde die Straße nach Dondörflein ausgebaut. Bei diesen Arbeiten betrug der Stundenlohn für einen gelernten Facharbeiter 70 Pfennige, für einen Hilfsarbeiter 54 Pfennige.

Im Vergleich dazu waren die Preise für Nahrungsmittel, Heizmaterial und Bekleidung am 1. Januar des Jahres 1927 wie nachfolgend:

1 Pfund Brot 22 Pfennige

1 Pfund Butter 1, 60 Mark

1 Ei 15 Pfennige

1 Pfund Zucker 40 Pfennige

1 Pfund Schweinfleisch 1,20 Mark

1 Pfund Rindfleisch 1,10 Mark

1 Pfund Kalbfleisch 1, 10 Mark

1 Pfund Pferdefleisch 50 Pfennige

1 Pfund Gemüse (Wirsing, Weißkohl) 15 Pfennige

1 Pfund Malzkaffee 50 Pfennige

1 Pfund Kartoffel 5 Pfennige

1 Zentner Kohlen (Briketts ) 1,55 Mark

1 Klafter Holz (Bauernklafter 35-40) Rechtholz 48-55 Mark

1 Anzug (Magazinware 50-60 Mark) Maßanzug 70-80 Mark

1 Paar Arbeiterstiefel 12-18 Mark

Den Bau neuer Häuser ermöglichten daher allein der Sparwille der Mitglieder und neu aufgelegte Staatsbaudarlehen. Erst 1926 wurden mit der Kellergasse 32 und 1927 mit der Kellergasse 30 zwei Vierfamilienhäuser errichtete, 1929 zwei Zweifamilienhäuser an der Klummgasse mit der Hausnummer 8. Im Rahmen von Notstandsarbeiten wurden 1926/1927 auch die Straße und der Kanal in der Eichelmühlgasse ausgebaut.

Neue Siedlungsflächen

1925 war die Einwohnerzahl Herzogenaurachs mit der Eichelmühle und der Heinrichsmühle auf 3710 Einwohner gestiegen. Zu Beginn des Jahres 1928 wurde die Zahl der wohnungssuchenden Familien mit 71 angegeben. Im gleichen Jahr betrug die Erwerbslosenzahl für Herzogenaurach 1000. Einen Generalbaulinienplan für Herzogenaurach hatte bereits im Jahr 1923 der Nürnberger Architekt Jakob Schmeißner (1874-1955) erarbeitet, der aber erst 1930 in Kraft trat. Ab diesem Zeitpunkt konnten neue Siedlungsflächen im Norden und Süden der Stadt erschlossen werden.