Für die Uni hat Fabian Giersdorf derzeit keinen Kopf. Zu sehr geistert dem 23-jährigen CSU-Kommunalpolitiker aus Roth eine Zahl durchs Hirn. "Zweitausend-achthundert-sieben-und-dreißig", sagt Giersdorf und schüttelt geistesabwesend mit dem Kopf, um die unglaubliche Größe dieser Zahl zu unterstreichen. Dann wiederholt er sie. 2837. So oft wurde sein Foto von seinem "Chabos wissen wer der Babo ist"-Wahlplakat auf einer bekannten Seite im Internet von anderen Usern geteilt. Normalerweise wird in diesem Netzwerk der Daumen für Beiträge gehoben. "Liken" nennen das die "Digital-Natives". Sozial wird das digitale Poesiealbum deshalb gerne auch genannt. Die asoziale Variante hat der junge Politiker nun hautnah erlebt.

Der Sturm brach am Sonntag vor acht Tagen los. "Am Samstagabend habe ich das Foto vom Wahlplakat auf Facebook gepostet. Am Sonntag ist das Bild im Netz explodiert", erzählt Giersdorf und zieht nervös an seinem Glimmstengel. Immer mehr Menschen amüsierten sich über den Politiker mit dem Hang zur Gangster-Musik. Auf Wahlplakate hatte Giersdorf unter seinem jugendlichen Konterfei die Textzeile eines deutschen Rappers mit dem sprechenden Namen "Haftbefehl" drucken lassen: "Chabos wissen, wer der Babo ist." Was das heißt, weiß inzwischen (fast) jedes Kind.

Wie ein Virus im Netz verbreitet

"Ich hätte das Plakat gar nicht auf Facebook posten sollen", denkt sich Giersdorf heute. Denn schön sei das nicht. Wenn man von jetzt auf gleich zum Deppen der Nation gemacht werde. Freilich hätte er das Bild auch noch von seiner digitalen Pinnwand löschen können, während der Sturm über ihn losbrach. Gebracht hätte es wohl wenig, weil das umstrittene Foto sich bereits wie ein Virus im Netz verbreitet hatte. "Was machst du?", habe er sich gefragt und sich kurzerhand dafür entschieden, in wirklich jede Kamera seine Version der Plakat-Geschichte zu erzählen. "Ich wollte nicht untertauchen", sagt Fabian und erzählt, dass die meisten Medien nur an der Sensationsstory interessiert gewesen seien. "Der Montag und der Dienstag waren Todestage", erinnert er sich an die vielen Fragen von Fernseh- und Radioleuten aus ganz Deutschland.

Dann schaut er besorgt auf sein Telefon. Denn ausgestanden ist "die Sache", wie er das nennt, für ihn noch nicht. Juristisch könnte "die Sache" ein Nachspiel haben. Der Rapper will sich wohl nicht nachsagen lassen, in dem Fall klein beizugeben. "Die Partei steht zum Glück hinter mit", sagt Giersdorf und hofft gleichzeitig darauf, dass ihn der Gangster-Rapper nicht mit Klagen übersät und bis zum letzten Hemd ausziehen will.

Denn schließlich wollte der junge Mann von der CSU mit der Textzeile aus dem Hip-Hop-Song nur für Aufmerksamkeit sorgen. Die hat er für den Stilbruch aus bösem Gangster-Rap und bravem Wahlplakat freilich auch bekommen. Sogar so viel, dass ihm die Aufmerksamkeit mittlerweile zum Hals raushängt. An die Uni sei derzeit noch nicht zu denken. In Erlangen erhole er sich erst einmal von dem Trubel. "Gestern war ich in der Disco, da haben mir mindestens zehn Leute auf die Schulter geklopft." Ob aus Häme oder aus Mitleid spielt dabei scheinbar keine Rolle. Die Bekanntheit ist wohl ein Wert an sich.

"Keine Sau aus meiner Altersgruppe interessiert sich für Kommunalpolitik"

Auf die bitterbösen Kommentare und Verballhornungen im Internet, die es zur großen Publicity quasi noch gratis obendrauf gab, hätte er gerne verzichtet. Denn schließlich gehe es ihm eigentlich um die Sache. "Keine Sau aus meiner Altersgruppe interessiert sich für Kommunalpolitik", echauffiert sich Giersdorf und meint, er hätte auch "Solide Finanzen" oder "Mehr Bürgerbeteiligung" auf die Plakate schreiben können. Nur dann hätte sich niemand für ihn und seine Kandidatur interessiert. Damit wird er wohl recht haben. Denn wer verfolgt schon Abstimmungen über Bolz- bis Kitaplätze, wenn die Nachrichten aus aller Welt viel mehr Spannung und Action versprechen.

Ob ihm der Trubel bei den Wahlen hilft oder schadet, wird sich erst am Wahltag im März herausstellen. Wahrscheinlich wird die Partei der Nicht-Wähler die stärkste Kraft werden, vermutet Daniel Matulla, der 26-Jährige CSU-Vorsitzende aus Roth. Eine gute Seite hat der Wirbel um das Gangster-Plakat übrigens. "Die Menschen schauen jetzt ganz genau hin, was auf unseren Plakaten steht", sagt Matulla.

Das derzeit wohl berühmteste CSU-Plakat ist allerdings aus Roth verschwunden. Der Sturm hat sich gelegt und unternimmt irgendwo in den Untiefen der Netzwelt einen neuen Anlauf. Nur der echte Fabian ist geblieben.