Mit einer Europa-Kundgebung wurde auch in Herzogenaurach der Endspurt im Europawahlkampf eingeläutet. Unter dem Motto "Herzogenaurach für Europa" sollte ein Zeichen gegen den Populismus und für ein Miteinander der Menschen gesetzt werden.

In seiner Begrüßung wies Bürgermeister German Hacker (SPD) darauf hin, dass manche Menschen dazu neigen, die EU erst mit Stichworten wie "Brexit" oder "Uneinigkeit" in Verbindung bringen. Wohlwissend, dass Europa immer ein Projekt sein wird, an dem ständig gebaut werden muss, sei es sein Anliegen, die existenziell wichtigen Errungenschaften eines geeinten Europas wie Frieden, Wohlstand und Sicherheit in den Mittelpunkt zu rücken.

Wie Hacker erklärte, folge die Stadt als Mitglied der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg gerne dem Aufruf und dokumentierte mit dem Satz "Wer Demokratie wählt, wählt keine Rassisten" eine klare Haltung gegen jede Form von Nationalismus und Rassismus. Hacker betonte, die Zukunft der Jugend gehört und begrüßte die Schülersprecher der drei weiterführenden Schule, die symbolisch für die mehr als 3000 Schüler sprachen: Larissa Seiler von der Mittelschule, Laureen Eidloth vom Gymnasium und Rik Johnen von der Realschule. Der Bürgermeister erinnerte auch daran, dass in Herzogenaurach über 1813 EU-Bürger leben und mit Ausnahme von Malta alle EU-Länder vertreten sind.

Europäische Vergangenheit

Die Hauptrede der Kundgebung hielt Historiker Christian Hoyer, der auch im Stadtarchiv und Stadtmuseum tätig ist. Hoyer sprach zum Thema "Erfolgsmodell Europa - mit Blick auf die Bedeutung für Herzogenaurach". "Heute kann ich Europa endlich ein wenig von dem zurückgeben, was mir Europa in all den zurückliegenden Jahren schon persönlich gegeben hat", erklärte Hoyer eingangs. So habe seine Familie durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts viel Unheil und Leid erfahren, um schließlich nach Flucht und Vertreibung hier eine neue Heimat, Freiheit, Demokratie, Arbeit und den Frieden zu finden. Hoyer bemerkte, dass auch Herzogenaurach mit seiner tausendjährigen Geschichte ein faszinierender europäischer Ort sei. So sei es heute kaum jemandem mehr bewusst, dass Herzogenaurach nahezu 800 Jahre lang eine Grenzstadt war. Der Krieg sei für die Vorfahren nahezu allgegenwärtig gewesen, und durchziehende Heere, Einquartierungen, Brandschatzungen gab es vom 15. bis ins 18. Jahrhundert immer wieder. "Schweden, Franzosen, Kroaten, Holländer, Polen, Österreicher, Preußen, ganz Europa - in einem negativen Sinn - kam durch Herzogenaurach."

Das Trennende zwischen den Menschen, den Europäern, das Belastende, das Zwietracht, Neid und Krieg in Europa hervorrief, zeige sich damit nicht zuletzt am Beispiel Herzogenaurachs über die Jahrhunderte sehr augenfällig, und die Mächtepolitik der Fürsten habe die Europäer jahrhundertelang entzweit.

Doch dann zog im 19. Jahrhundert das nächste Schreckgespenst auch über Herzogenaurach auf: der Nationalismus, der bitterste Feindschaften unter den Nationen erzeugte, und schon bald die Europäer in immer neue Kriege verwickelte. Hoyer erinnerte an die vielen Herzogenauracher, die in den Kriegen ihr Leben lassen mussten. Dann kamen die Nachkriegsjahre, und Flüchtlinge sowie Vertriebene strömten ab 1945 in die Stadt.

Erst später sollte sich der Bevölkerungszuwachs als Segen für Herzogenaurach erweisen, der unter ganz anderen, positiven Vorzeichen bis heute anhalte und zur Identität des heutigen Herzogenaurachs gehöre; eines weltoffenen Herzogenaurachs mit internationalem Flair und Einwohnern aus unzähligen europäischen Ländern und darüber hinaus.

Nach dem zweiten Weltkrieg trieben dann Politiker wie Monnet, Spaak, Adenauer und Schuman die europäische Einigung voran. "Heute - 70 Jahre später - gewinnt man vielfach den Eindruck, als seien wir davon wieder weit entfernt; als gehöre den Zweiflern und Gegnern Europas das Feld. Brexiteers, Front National, Partei für Freiheit (NL) und wie sie alle heißen, eint ja im Grunde dieser eine banale Reflex, der in der vermeintlichen Schwäche der EU und ihrer derzeitigen Verfasstheit liegt - gegenüber dem als stark stilisierten Nationalstaat", erklärte Hoyer unter Beifall. Tatsächlich habe es die EU noch nicht geschafft, sich angesichts der grundlegend geänderten, weltpolitischen Verhältnisse zu reformieren. Dass aber Populisten und Nationalisten diese Situation nun ausnutzen, dürfe nicht zugelassen werden. "Wir dürfen ihnen nicht abermals das Feld überlassen", sagte der Redner unter Beifall.

Die Jugend ist gefordert

Europa brauche einen neuen "Drive", eine neue Aufbruchsstimmung, die von den Bürgern, den Menschen in Europa, der europäischen Jugend ausgeht. Hier in Herzogenaurach sei dieser europäische Aufbruchsgeist immer wieder zu spüren, nicht zuletzt seit es die lebendigen Schul- und Städtepartnerschaften gibt.

Mit "Bauen wir weiter am Haus Europa. Denn Europa ist es wert. Es ist zweifelsohne eine der größten Erfolgsgeschichten überhaupt, eine Erfolgsgeschichte des Friedens, der wirtschaftlichen Integration, der europäischen Menschenrechte, der Freiheit, der Demokratie. Wir dürfen das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, sondern müssen an der großen Erfolgsgeschichte weiter arbeiten", warb Hoyer abschließend für ein gemeinsames Europa.

"Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle. Sie ist notwendig für unsere Sicherheit, für unsere Freiheit, für unser Dasein als Nation und als geistig schöpferische Völkergemeinschaft", zitierte einer der Organisatoren der Kundgebung, Franz-Josef Lang, aus der Regierungserklärung des ehemaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer.

Umrahmt wurde die Kundgebung von der Stadtjugendkapelle sowie vom Jugendchor St. Magdalena, und mit der gemeinsam gesungenen "Europahymne" schloss Bürgermeister German Hacker die gut besuchte Kundgebung.