Professor Dr. med. Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen, glaubt nicht, dass es zu wenige Hebammen gibt. Er meint, das System krankt an anderer Stelle.

Es ist ein Politikum: Viele Schwangere bekommen kaum noch eine Hebamme. Wie sehen Sie das?
Prof. Matthias Beckmann: Es ist falsch, dass es zu wenige Hebammen gibt. Wer allerdings schon in keinen Vorbereitungskurs reingekommen ist, hat es auch schwer mit der Wochenbettbetreuung, das gebe ich zu. Aber es stellt sich die Frage: Braucht eine Drittgebärende überhaupt noch eine Hebamme? Die sagt vielleicht "nice to have, aber geht auch ohne". Wichtig ist meiner Ansicht nach die Versorgung der Erstgebärenden und dafür sind genügend Hebammen da! Hinzu kommt: Die Hebammen, die da sind, müssen ja auch genug verdienen. Dazu brauchen sie eine gewisse Anzahl an "Kundinnen".

Woher kommt dann diese Klage?
Ich bin fest überzeugt davon, dass eine übergreifende Organisationsstruktur fehlt, um stationäre und ambulante Betreuung - inklusive Kinder- und Frauenärzte - sinnvoll zu verknüpfen. Es gibt alleine im Erlanger Stadtgebiet in etwa 30 Hebammen und fünf Hebammenpraxen. Trotzdem ist im Sommer oft keine verfügbar. Warum gibt es keine Bedarfsplanung für niedergelassene Hebammen, ebenso wie für niedergelassene Ärzte? Man könnte den Bedarf errechnen und über Zulassung regulieren. Dann müssten sich die zugelassenen Praxen Patienten, Notdienste und so weiter aufteilen, wie eben Ärzte auch, und bekämen für ihre Versorgungsleistungen festgelegte Sätze. Ein bisschen mehr Klarheit und Regulation täte dem ganzen System gut. Zum Wohl der Gebärenden und der Hebammen.

Auch Kliniken brauchen Hebammen - wie schaut es dort aus?
Das Problem mancher Kliniken ist, dass Beleghebammen nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen dürfen. Daher können oft nicht genug Dienste belegt werden und im worst case muss die Geburtsstation zumindest zeitweise geschlossen werden. Dazu kommt, dass sich viele Beleghebammen nicht fest anstellen lassen wollen, weshalb es örtlich zu Engpässen kommen kann. Ist auch verständlich: Sie haben die Freiberuflichkeit ja gewählt, um unabhängig zu sein und sich ihre Zeit selbst einteilen zu können.

Hat die Uniklinik Erlangen ähnliche Probleme?
Nein. Wir haben keine Beleghebammen, nur Festangestellte. Diese sind im Drei-Schicht-Dienst tätig und kümmern sich in ihrer Arbeitszeit um die Frauen, die in die Klinik kommen, egal, wie viele es sind. Zusätzlich gibt es eine Rufbereitschaft, wenn mehr Hebammen nötig wären, als gerade im Dienst sind. Wir haben darüber hinaus noch Hebammenschülerinnen, die den Entbindenden zur Seite stehen. Auch wenn sie nur assistieren dürfen ist es ein Glück, diese zu haben.

Also ist eine Art Eins-zu-eins-Betreuung gegeben?
Nicht durch die Hebamme, aber eine Schülerin ist immer anwesend. Anders ist es bei 2600 Geburten im Jahr nicht machbar - das sind rund sieben am Tag. Anders sieht das in Geburtshäusern aus. Hier haben Gebärende und Hebammen den Anspruch, dass Frau und Kind in dieser speziellen Situation nicht alleine gelassen werden. Für die Gesamtpersonalsituation ist das aber nicht zielführend, weil die Ressourcen dort verloren gehen. Immerhin verringert sich durch dieses Angebot die Zahl der Hausgeburten.

Wie meinen Sie das? Was ist gegen eine Hausgeburt einzuwenden?
Im Grunde nichts. Wobei ich persönlich finde, dass eine Klinik die sicherste Umgebung bietet. Aber die Ressourcen sind begrenzt und eine Hausgeburt bindet eine Hebamme zeitlich länger als eine andere Geburt. Wir leisten uns derzeit eine Luxussituation, weil die Menschen die Betreuung vor Ort und zum Teil eine Eins-zu-eins-Betreuung wollen. Das führt dazu, dass in der Gesamtsituation das Personal fehlt. Die Versorgung wäre besser, wenn man das Personal auf wenige große Krankenhäuser verteilen würde. Sie müssen berücksichtigen, dass selbst ein Haus der Grundversorgung mit 600 Geburten im Jahr 24 Stunden am Tag über 365 Tage im Jahr Hebammen, Kinderärzte, Anästhesiologen und Geburtshelfer benötigt.

Welche Rolle spielt die viel beklagte Haftpflichtversicherung?
Ganz ehrlich: Ich finde die Klage wegen zu hoher Versicherungsbeiträge unfair. Es ist doch egal, ob ein Fehler von einem Arzt oder einer Hebamme gemacht wird, ob in einem Geburtshaus, einer Klinik oder bei einer Hausgeburt. Oder ob es sich überhaupt um einen Fehler handelt oder um eine Komplikation, die nicht vorhersehbar war. Der Schaden bleibt der gleiche - und auch die Kosten für ein geschädigtes Kind. Warum sollen dann nicht alle die gleiche Haftpflicht zahlen? Besser wäre ein System, das es übrigens in vielen anderen Ländern bereits gibt, in dem Ärzte und Geburtshelfer durch das Gesundheitssystem versichert sind und es keine personenbezogene Haftpflichtversicherung gibt. Das wäre die klarste Lösung. Es ist ja auch nicht nachvollziehbar, dass ein Einzelner das Risiko tragen muss. So lange das aber nicht gegeben ist, ist es nicht fair, unterschiedliche Sätze zu verlangen.

Das Gespräch führte Karina Brock.